Move it move it! Dieser Blog ist umgezogen!

Ich hoste meine Blogs nun wieder selber (ich mag den neuen Editor hier nicht, und will auch keine Werbung auf meinem Blog haben) und über all dem WP-installieren und Theme-Aussuchen habe ich völlig vergessen, das hier im alten Blog zu posten und eure Abonnements mitumzuziehen (mach ich gerade). Hier aber jetzt:

ACHTUNG ACHTUNG – Dieser Blog ist umgezogen nach www.breakingthewaves.de und mein englischsprachiger bzw auch meine Hauptwebsite ist hier: www.evemassacre.de  

Wär schön, euch auch dort zu sehen! 🐦

Sprache is Duke

Mir gingen gestern ein paar Gedanken als Nachwehen durch den Kopf, die halte ich hier mal eben fest. Ich finde Christian Simons „Kontext ist Queen“ für unseren Social Media Watchblog ja richtig gut, da er die Leute einfach mal beim Wort nimmt, die Jung verteidigen indem sie sagen, das Bild sei doch nur ein Scherz. Christian geht dem nach, nimmt Kontakt zu der Frau auf dem Bild auf und holt sie damit auch – ganz nebenbei, ähem – mal aus dem Objektstatus heraus, den sie bei der ganzen Story bis jetzt hatte, und er bekommt sogar die Bestätigung: Ja, das Bild war als Scherz gemeint, der in völligem Konsens entstand. Und genau das verwendet Christian dann, um uns vorzuführen, dass es schnurzpiepegal ist, wie dieses Bild von der Frau und dem Fotografen gemeint war, sondern dass es darauf ankommt, wie Jung das Bild eingesetzt hat. Und dass er dafür zu Recht kritisiert wird. Oder wie @Autofocus das so hervorragend in einem Tweet zusammengefasst hat: „Für konsensuelles in den Sand stumpen. Gegen sexistische Herrenwitze zum Frauentag. Beides ist drin!“

Was ich intern bei uns als kleinen Abstrich angemerkt habe (und was mir auch wichtig ist, weil ich da selber bestimmt auch öfters mal misformuliere und Sensibilität für Sprache zu erarbeiten für einen andauernden Prozess halte und es ist gut, sich drüber auszutauschen, gerade für Vielschreibende): Ich persönlich finde es wichtig, nicht bei dem Framing von „feminist“ als Gegenteil von „sexist“ mitzuspielen, das in den letzten Jahren medial aufgebaut wurde, denn das trägt immer ein bisschen dazu bei, Kritik an Diskriminierung mundtot zu machen. (Ähnlichkeiten zum „rechts“ vs „links“ Diskurs natürlich völlig zufällig. ^^) Zu oft werden Meinungskundgebungen in Social Media auf einen (suggerierten) Tonfall reduziert – „die regen sich mal wieder auf“ – statt dass Inhalte ernstgenommen werden. Deswegen hätte ich die Kritik an dem Bild nicht als „den Empörer und die Empörten“ beschrieben, wie es Martin im Teaser für den Text durchgerutscht ist.* „Empört“, das ist das neue „hysterisch“ und die kleine Schwester vom „Shitstorm“ und dem „Twittermob“. Und der Großneffe von „Social Justice Warrior“, „PC-Polizei“ und „Gutmensch“. Es hat einen abwertenden Beigeschmack, der die damit gekennzeichnete Meinung als nicht ernstzunehmend markiert, sie rhetorisch zu entmachten sucht, die Kritik als nicht berechtigt abtut. Und ist mindestens so hoffnungslos überstrapaziert wie dass ich hier  mit dem x-ten Text zu #tilogate aufwarte. Auch wenn’s in dem gar nicht mehr wirklich um Jung geht. Ich finde jedenfalls dieses ganze Aufregervokabular ähnlich problematisch wie das Verwenden der Floskel „sich bekennen“ im Kontext von Homosexualität oder wie das explizite Erwähnen von nichtweißer Hautfarbe oder nichtdeutscher Herkunft von Tätern in sonst sehr knapp gehaltenen Nachrichtentexten. Indirekte sprachliche Diskriminierung ist oft an die Stelle gerückt, wo direkte inzwischen gesellschaftlich verpönt ist.

In Christians Text wird auch ein Essay von Lasersushi verlinkt, und sie war auf Twitter etwas verschnupft darüber, dass ihr Text auf das Zitat „sickly sexist“ reduziert wurde. Das kann ich nachvollziehen, denn ihr Artikel versucht einen konstruktiven Ansatz von Kritik an dem „blinden Fleck“, mit dem von Krautreporter, sowie von vielen in der Journalismusszene allgemein, bei einer jahrelangen Geschichte von Sexismen Tilo Jungs geflissentlich weggesehen wurde. Dem wird das kurze Zitat natürlich nicht gerecht, vielmehr kann die Verkürzung sogar als Andeutung gelesen werden, das sich dahinter ein Text aus der konstruierten Klischeeecke des „empörten Twitterfeminist*innenmob“™. Um das mitzudenken, musst du aber schon wirklich tief im Onlinediskurs von Feminismus, und all diesen Versuchen, ihn zu einem Witz seiner selbst zu stilisieren, drinstecken, was bei Christian einfach nicht der Fall ist.

Lasersushis Reaktion mag von manchen als empfindlich gesehen werden; sagte sie sogar selbst, und ich kenne diese Geste von mir auch nur allzugut: dieses sich selbst gleich für seine Empfindlichkeit zu entschuldigen während du deine Kritik äußerst, immer mit einem „vielleicht könnte man das auch so sehen“ die Höflichkeitstür aufhaltend, aber es gibt eben auch einen Grund dafür, dass gerade die an solchen Punkten gereizt sind, die sich trauen gegen Diskriminierung den Mund aufzumachen. Denn egal, wie sachlich sie dabei vorgehen, sind es genau sie, die diese Erfahrung immer und immer wieder machen, und das scheuert und verpasst dir eine wunde Stelle, die natürlich empfindlich ist. Es sind irgendwann keine Kleinigkeiten mehr, sondern ist konstantes Nudging, das dich ein Stückchen mehr Richtung Schweigen stupsen will.

Ich tue mir hart, das Problem überhaupt zu kommunizieren. Wie wir Sprache verwenden, hat viel mit Gewohnheit zu tun. Dementsprechend kommt die Kritik an solchen sprachlichen Feinheiten leicht als pingelig rüber und wird als kleinlich abgeschmettert oder ins Lächerliche gezogen. Wenn sie sich aber so häufen, wird aus tausend Kleinigkeiten dann eben doch etwas Großes, eine grundlegende Haltung kristallisiert sich heraus. Um sie zu erklären, muss ich sie aber wieder in ihre granularen Bestandteile zerlegen. Und das klingt dann wiederum übertrieben, als ob ich mich nur über Kleinigkeiten aufrege. So funktioniert Nudging, so werden Meinungen gemacht, so entstehen Normen und so verändert sich gesellschaftlicher Konsens zu Themen. Aber auch: So halten manche irgendwann lieber ihren Mund.

Ich finde es spannend und wichtig, dass kontextuelle Integrität immer häufiger zum Thema bei Diskussionen um soziale und Medien im Allgemeinen wird, wie es Christian eben hier so schön mit Tilo Jungs Gewalt gegen Frauen verharmlosenden Tweet vorgeführt hat, denn es kann ein verdammt komplexes und mächtiges Ding sein, etwas aus einem Kontext herauszulösen und verkürzt in einem anderen wiederzugeben, ob bewusst eingesetzt oder unbewusst geschehen. Sehen wir ja gerade auch bei Varoufakis‘ Mittelfinger, auf den ich jetzt aber nicht auch noch eingehe, keine Angst. Ein totgerittenes Pferd aus dem Grab zerren reicht selbst mir pro Tag.

*) Vielleicht geschah das aber sogar in Anspielung auf den Text von Patrick Gensing; hier am besten mindestens ab der Zwischenüberschrift „Herrenwitze ernten Widerspruch“ lesen.

„““Kunst“““ – Vortrag für Edel Extras ästhetische Prozesse

Donnerstag, 5.3., hatte ich das Vergnügen, für die Kunstwochen im Edel Extra, einem kleinen Raum für ästhetische Prozesse, neben drei anderen Vorträgen folgenden von mir zu halten. Beeindruckend war Hermann Glaser, vor dessen scharfen Verständnis und Witz ich mich wieder mal verneige. Von seinem Credo „Jeder muss ‚Klopstock‘ sagen können!“ bis zur Kritik an affirmativer Kultur, ach ja, und wie er, als jemand meinte, die Kunstfreiheit sei durch Political Correctness bedroht, elegant und knapp, mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen Präskription und moralischer Kritik als Vorschlag, abwinkte – I’m fangirling.

Hier aber nun wie versprochen das kleine Brainstorming zum Thema, das ich dort beitrug:

„Was ist Kunst, was kann Kunst sein, wie ist ein Kunstbegriff zu definieren“ – als ich gefragt wurde, ob ich heute hier einen kurzen Vortrag zu diesem Thema halten würde, sind bei mir gleich schaudernd Erinnerungen an ein Philosophieseminar wieder hochgekommen, das ich vor 100 Jahren belegt hatte, und in dem wir ein Semester lang in unglaublich trockener Weise Kunst zu definieren versuchten, in dem wir uns an der Geschichte entlanghangelten. Von Geniebegriff über Wahrheit, Schönheitblablubb, und was es nicht alles gab. Ich hatte die ganze Zeit insgeheim tatsächlich die naive Hoffnung, dass der Professor am Ende des Semesters doch noch eine befriedigende zeitgemäße Definition aus dem Ärmel zaubern würde, was aber natürlich nicht geschah und so ließ mich dieses Thema so unzufrieden zurück, dass ich eigentlich bis heute noch mit der Kunst hadere. Deswegen habe ich auch etwas gezögert, zuzusagen, und komme heute mit durchaus diffusen Gedanken zu euch.

Es gibt in New York eine zwischen Kunst und Unternehmensberatung changierende Gruppe namens K-Hole. Bei ihnen verschwimmt die Grenze zwischen Business und Kunst: sie machen keine Kunstwerke, die sich ausstellen liesen, liefern aber auch keine Unternehmensberatung, die aus Daten bestünde, aus denen eine Firma einfach so Nutzen ziehen könnte. Eher lässt sich das, was sie tun, als ästhetische Fiktion bezeichnen, die meines Erachtens zwar den Geist von kritischer Kunst atmet, aber sich bewusst nicht als kritisch sieht. Für K-Hole würde sich, denke ich, die Frage nach einem, mir bei der Definition hilfreichen, Spannungsfeld zwischen Kunst und Business nicht mehr stellen. Ist Kunst heute, wenn sich die kreativsten Köpfe nur noch auf das Designen von Start Ups oder im Marketing bewegen?

Marken nehmen die Rolle ein, die vielleicht eher der Staat einnehmen sollte, wenn er dies von einer neutralen demokratischen Warte aus täte. Kunstsponsoring wie der Place de la Liberté, den meine Lieblingszigarettenmarke vor ein paar Jahren am Quellegelände als zeitlich begrenzten Freiraum für Kunst ausrief, dabei auch noch Street Art subsumierend, wird von vielen als Erschließung neuer Möglichkeiten gesehen, um bekannter zu werden und von Kunst leben zu können und würdigt nicht die Kunst zum Werbeträger herab. Ihr merkt an meiner Wortwahl, dass ich das nicht so sehe. Ich bin ja schließlich auch etwas älter und mit einem Kunstbegriff groß geworden, der irgendwo zwischen DIY Punk, Soziokultur mit Fokus auf Underground-Musik und Literaturtheorie hin- und her irrt. Für mich ist es eine Entwertung von Kunst, wenn sie benutzt wird, um ein Produkt zu bewerben. Und das geschieht für mich auch, wenn eine Bank oder ein Ölkonzern ein Museum finanziell unterstützt. Oder wenn Red Bull eine Music Academy macht. Derek Walmsley hat im Wire im Kontext der Red Bull Music Academy u.a. als Problem von Mäzenentum festgehalten, dass es die Szenen und das Publikum ignoriert, die Untergrundmusik zu einem so dynamischen System machen. Das trifft, denke ich, nicht nur auf Musikmäzenentum zu, sondern auch auf die Kreativszene. Context matters, das ist ein Punkt, bei dem ich bei den verschiedensten Themen, die mich beschäftigen immer wieder stoße und der ziemlich vernachlässigt wird. In gemanagter Kunst wird deren eigentlicher Kontext meist zugunsten eines Zwecks, sei es Profit, sei es Imagearbeit im Feld von Marketing, neutralisiert oder entfernt.

Das geschieht auch, wenn die Stadtplanung selbst hier in Nürnberg, wenn auch mit 10 Jahren Verspätung, Richard Florida liest und die Kultur- und Kreativwirtschaft für sich entdeckt. Und tatsächlich hat die Stadt in den letzten Jahren auch hier genug Beinflussungskraft bewiesen: Plötzlich schossen lauter Creative Mondays und Fablabs aus dem Boden und Kreativität steht plötzlich in erster Linie dafür, kreativ aus irgendwas Geld machen zu können. Plötzlich sind Jobs einer der Hauptthemen im Kultur- und Kreativbereich, und es sind darin lauter Leute damit beschäftigt, sich zu vernetzen und Ideen herauszumelken, aus denen das nächste Start Up erblühen kann, das die Branche very kreativ disruptet. Kreative Communities bestehen plötzlich daraus, sich gegenseitig daraufhin zu beschnüffeln, wie dir der oder die andere nützlich sein könnte. Connections und so. Unglaublich, wie schnell sich da in den letzten Jahren wie viel Idealismus verflüchtigt hat und die Grenze zwischen Kunst und Wirtschaft verschwimmt. David Liese hat das auf Regensburg Digital, einem kritischen lokalen Blog, sehr schön in der Warnung zusammengefasst: „Denn wer „kreativ“ sagt und damit die prosperierende Designagentur ebenso meint wie den kleinen Künstler, der trägt dazu bei, dass sich der Unterschied zwischen einem kritischen und einem pragmatischen Kunst- und Kulturbegriff zugunsten des zweitgenannten verflüchtigt.“

Michael Cirino, ein ehemaliger Künstler, der inzwischen unter dem Namen A Razor A Shining Knife außergewöhnliche kulinarische Events macht, zieht in einem Interview für den Pacific Standard (mit dem passenden Titel: How Do You Make a Living, Producer of Experiential Weirdness?) die Grenze am Beispiel Musik ganz deutlich: „Du bist ein Künstler bis zu dem Moment, in dem du bei einer Plattenfirma unterschreibst. Dann wirst du zum Musiker und dein Job ist es, Musik zu verkaufen. Wenn du die Idee Musik zu verkaufen nicht magst, dann bleib weiterhin ein Künstler. Mach deine Platten, verkauf sie selbst, aber bitte niemanden anders in sie zu investieren, weil sie von der Sekunde an, in der sie das tun, ein Mitspracherecht haben.“

In meinen Augen ist die Kultur- und Kreativwirtschaft für die Künstler*innenszene einer ganzen Stadt ein bisschen das, was in der Musik so etwas wie die Red Bull Music Academy (oder auch ein großes Plattenlabel für Musiker*innen) ist: Förderer und Parasit, der, solange die Künstler und Künstlerinnen alle Kunststückchen machen, die erwünscht sind und damit Imagearbeit für’s Produkt leistet, egal ob das ein Energy Drink oder eine Stadt ist, oder gar Geld in die Kassen spült, an ihnen herumnuckelt, ihnen den Kopf tätschelt und ein Häppchen abgibt, und sie danach ausgeblutet zurücklässt. Es entsteht eine Kunstszene, die nur noch darüber als förderungswürdig betrachtet wird, dass sie entweder durchökonomisierte Kunst abliefert, die als Elite gekürt und gefeiert wird. Oder Kunst, die in den Nischen am ausgestreckten Arm verhungernd als exotisches Lockmittel existieren darf, solange sie nicht zu kritisch, laut und dominant wird. Ein Lockmittel, um das Stadtbild ein wenig bunter und wilder wirken zu lassen, denn das bringt Kundschaft in die Stadt.

In diesem Bild von Kunst steckt soviel Respektlosigkeit, dass sich die Künstler*innenszene eigentlich wirklich langsam mal auch hier überlegen müsste, wie sie dagegen in die Puschen kommt und sich nicht nur auf ein brav konformes unkritisches Schmuckwerk einer Stadt reduzieren lässt, das instrumentalisiert wird, um das Eckchen aufzuwerten, das gerade attraktiver gemacht werden soll oder von Missständen ablenken soll. Damit wird aus Kunst dann doch irgendwie bloßes Design oder Handwerk. Oder Entertainment. Je nach „Branche“. Aber dank Austerität und Prekariat ist eben dann doch jeder und jede froh, wenn sie irgendwie ein Stücken vom Kuchen abbekommt und von irgendwas muss man ja leben und Kunst … mei, Idealismus ist halt Luxus. Ist natürlich auch wiederum nachvollziehbar.

Es ist schwer, diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, in einer Zeit, in der Stadtplanung alles durchzieht und es kaum mehr blinde Flecken gibt, in denen Kunst auch mal aufregend und gefährlich, zweck- und sinnfrei, oder anonym agieren und wachsen kann. In der Kunst nicht erst die Versammlungsstättenverordnung auswendig können, und mit Blut die Verantwortlichkeit für jegliche möglichen Folgeschäden für Räume und Publikum einer Ausstellung oder eines Auftritts unterzeichnen muss, sondern in der Kunst sich ausprobieren, fließen und wuchern kann. Wie World/Inferno Friendship Society in einem Philipp K. Dick gewidmeten Song sangen: You can’t change the system from within, the system changes you. Es ist ein ziemlich ekliges Gefühl der Hilflosigkeit, dem ganzen Bereich der durchinstutionalisierten und städtisch geordneten Kultur eigentlich gar nicht mehr entkommen zu können, wenn es nicht Kunst im kleinen abgeschotteten quasi-privaten Kreis sein will, der dann aber auch nur Wenige erreicht und recht wirkungslos bleibt. Und Reibung und Begegnung mit Fremdem sind auch wichtig für Kunst. Kultur als ernstzunehmende kritische Instanz ist eigentlich schon ziemlich abgewürgt.

Noch mal zurück zu K-Hole. Ein Kunst-/Mode-/Zeitgeistbegriff, der von ihnen 2013 in ihrer Youth Mode Veröffentlichung geschaffen wurde, und den vielleicht ein paar von euch kennen, ist Normcore. Es wurde oft viel zu vereinfachend als Angepasstheit und Mittelmäßigkeit ausgelegt (wofür K-Hole auch einen Begriff haben: Acting Basic). Etwas genauer betrachtet, entspringt der Begriff eher aus dem Gedanken, dass wir keine fixe authentische Identität besitzen, sondern diese in jedem Moment erst erschaffen, indem wir sie performen. Wir verändern uns ständig. Wenn es keine festen Identitäten gibt, dann gibt es auch keinen Mittelwert, und demnach gibt es auch keine Normalität. Normcore besteht deswegen nicht darin, möglichst normal zu sein, sondern darin, sich jeder Situation gemäß zu verändern und anzupassen, das aber jeweils mit vollem Einsatz. Grund für diesen Zeitgeist ist, wie es K-Hole in Youth Mode ausdrücken: „In der Vergangenheit wurden Menschen in Communities hineingeboren und mussten ihre Individualität finden. Heute werden Menschen als Individuen geboren und müssen ihre Communities finden.“

Vielleicht ließen sich daraus für einen kritischen Kunstbegriff zum Abstecken Begriffe wie ‚der Schwarm‘ und ‚das Fließen‘ herbeispinnen. Nicht mehr das Schaffen von zeitlosen Werken sondern fließende Kunst, die nicht auf Etablierung aus ist. ‚Schwarm‘ statt Communities, weil in einem Schwarm Anonymität mitschwingt und das einem Künstlerbegriff des Genies ebenso entgegensteht wie dem Künstler oder der Künstlerin als Marke. Kunstaktionen wie das Entführen der Gedenkkreuze der Mauertoten durch das Institut für politische Schönheit mitsamt dem Crowdfunding für die Fahrt vieler zum Grenzzaun Europas, oder auch einiges, was Schlingensief geleistet hat, ließe sich vielleicht grob darunter fassen.

Aber nicht nur kritisches und durchdachtes, auch Pop kann so etwas sein: Internet-Memes sind zum Beispiel eine Kunstform des Schwarms, der Hive-Mind, die außerhalb von Verwertungslogik, Copyright ignorierend entsteht und die von unzähligen anonymen Leuten variiert, weiterbearbeitet und im Netz weiterverbreitet wird, und wieder verschwindet. Das Meme ist tot, wenn es nicht mehr im Netz kursiert. Die Bewegung, das Fließen, gehört zu ihm, macht es mit aus. Sobald es nicht mehr weiterentwickelt wird, sobald es auf einem T-Shirt oder einer Tasse landet, sobald eine Marke es sich für Werbung aneignet, oder sobald eine Zeitung es aus seinem natürlichem Lebensraum, aus ihrem Kontext, herausreißt und abdruckt, ist es schon tot. Darin ähnlich der offiziell legitimierter ‚Street Art‘.

Die Flüchtigkeit im Sinne von Vergänglichkeit, die Ephemeralität, fände ich auch tatsächlich einen spannenden Ansatz für einen Kunstbegriff heute. Sie kann sowohl dafür sorgen, dass sich einer Verwertungsmöglichkeit entzogen wird, als auch dem konservativen musealen Charakter von Kunst etwas entgegensetzen. Und sie bietet auch der endlosen Dokumentation, dem endlosen Archiv, das wir dank Digitalisierung aus unseren Leben machen, die Stirn. Nichts mehr von Wert schaffen? Kunst als Modus statt als Werk? Das Kunstwerk nur noch als nostalgischer Fetisch, ähnlich der Vinylplatte? In Bewegung bleiben, auf neue Situationen mit ständiger Veränderung reagieren statt einen Stil, eine Marke zu verfestigen? Das als Aggregatszustand von Kunst? Oder ist das dann gleich die Auflösung von Kunst?
Auch irgendwie unbefriedigend, ich weiß.
Das waren dann auch schon meine paar bescheidenen Gedanken zum Thema. Danke für’s Zuhören.

Please leave Selfies alone: Was die Krise des Journalismus mit der Logik der PR-Gesellschaft zu tun hat

Hans-Jürgen Arlt interpretiert auf carta das Selfie als Ausdruck eines Gesellschaftszustands, der “PR-Society”, die geprägt ist vom Streben nach Erfolg durch Selbstdarstellung statt Leistung. In einem Gedankensprung interpretiert er Journalismus als Gegensatz zu Selfies, weil dieser sich nicht wie diese nach den Wünschen der Dargestellten richte, “sondern stattdessen unabhängig an Kriterien der Realitätsnähe und kollektiver Relevanz” orientiere. Nun, da Selfies gar nicht die Ansprüche von Journalismus haben, ist es natürlich leicht, sie ihnen abzusprechen und sie darüber zu verdammen. Aber um mal spaßeshalber mitzuspielen: Ist das Kritisierte überhaupt spezifisch für das Problem?

Ja, Selfies sind inszeniert. Ja, sie greifen nur einen Ausschnitt aus einem Geschehen heraus, der uns in dem Licht darstehen lässt, das wir uns aussuchen. Das ist aber nicht spezifisch für Selfies, sondern gilt zum Beispiel auch für eine Anekdote, die wir über uns erzählen: Auch da beschränken wir uns auf einen Ausschnitt einer Situation und lassen gern mal Sachen weg, die uns peinlich aussehen lassen könnten.

Journalismus wiederum ist ebenfalls nicht unabhängig und auch er zeigt oft nur eine Perspektive, und das nicht mal erst dort, wo er kommentierend wird, sondern bereits durch Themenauswahl oder dadurch, was und wer in einem einzelnen Artikel erwähnt wird und was weggelassen wird.

Es ist im Journalismus gängige Praxis, das als Objektivität auszugeben und lange hat es auch halbwegs funktioniert: Indem eine weitverbreitete Perspektive eingenommen wird, wirkt sie fast unsichtbar. Aber daraus folgt kein Anspruch auf objektive Wahrheit. Das wird in unserer Social Media Ära immer deutlicher, in der Menschen aus anderen Perspektiven heraus lautstark Kritik leisten.

Wahr ist nicht mehr, was von Bestand ist

Wie ist es mit Fotografie und Wahrheit? Wir leben in Zeiten von Photoshop und Instagramfiltern und inszenierten Pressefotos, wie dem jüngsten vielfacher Kritik anheimgefallenem Beispiel des Bildes von Regierungsoberhäuptern auf der Hebdo-Demo in Paris. Da ausgerechnet das Selfie als Beispiel für Verlust von Authentizität durch Selbstdarstellung zu beklagen, ist verwunderlich.

Den oder die Fotograf_in als eine unsichtbar die objektive Wahrheit über eine Szene herstellende Instanz heraufzubeschwören, das klingt einfach zu sehr nach lamentierendem Altherrenjournalismus, der vor ein paar Jahren noch das Aufkommen von Blogs als unseriös beklagt hat und heute durch Social Media Posts und Kommentare den Untergang seiner Alleinherrscherposition über die relevante Sichtweise nahen sieht.

Mercedes Bunz hat in “Die stille Revolution” eine Verschiebung im Verhältnis zwischen Wahrheit und Fakten beschrieben: wahr ist nicht mehr, was von Bestand ist. Der digitale Fakt verändert sich schnell und ständig, da er dauernd aktualisiert wird. Und dieses Fehlen gewohnter Fixpunkte kann verunsichern.

Die Digitale Öffentlichkeit als Kontrollorgan

“Die Polyphonie, die Vielheit der Stimmen im Netz, ermöglicht uns eine neue Art der Objektivität: die Qualität der Wahrheit der digitalen Öffentlichkeit ist Unmittelbarkeit von vielen verschiedenen Stimmen – eine Pluralität, die verlangt, dass wir uns ein eigenes Bild machen. Statt nur auf eine einzige von Expert_innen (Journalist_innen, Historiker_innen, usw.) abgesegnete Perspektive zu vertrauen, ist der sich wiederholende Bericht aus unterschiedlichen Quellen das neue Kriterium für Wahrheit. Die aktive Einbindung des Adressaten ist eine zentrale Eigenschaft der digitalen Öffentlichkeit.”

Der Journalismus, wie ihn seit neuesten Reported.ly betreibt, versucht sich in spannender Weise darauf einzulassen. Über die Veränderung der Rolle des Journalismus ist in Bunz’ Buch etwas zu lesen: Sie stellt gleichwohl kritisch fest, dass bereits früher ein Gleichgewicht von Presse und Politik nicht immer gegeben war und nennt als Beispiel, wie in Deutschland die öffentlich-rechtlichen Medien und damit die Meinungsbildung durch die Politik beeinflusst wurden.

In den modernen Mediendemokratien von heute haben sich die Positionen noch weiter verschoben: Die Medienbranche ist zum Business geworden, Politikerinnen nutzen sie für Imagearbeit, Medienmogule streben für sie günstige politische Regelungen an, kurz: Interessenskonflikte everywhere, durch gegenseitige Abhängigkeiten. Bunz kann sich hier die Digitale Öffentlichkeit, die smarte Masse, als Kontrollorgan vorstellen.

Digitale Öffentlichkeit wird von einer viralen Logik getrieben

Spannend ist dabei auch ihr Hinweis darauf, wie veraltet die journalistische Aufmerksamkeitslogik ist. Während sie noch auf Ereignisse und Breaking News ausgerichtet ist, wird die digitale Öffentlichkeit von Interessen der Nutzer_innen getrieben: einer viralen Logik.

“Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden”, stellt Bunz auf Chris Andersons mediale Longtail-Logik der semantischen Nische verweisend, fest. Sich wiederholende Inhalte sind dabei nicht nur als virale Kommunikation, sondern auch als Kriterium für Wahrheit von Bedeutung.” (Ausschnitt aus meiner Rezension zu Mercedes Bunz, Die stille Revolution, in testcard #24: Bug Report. Digital war besser.)

Dass Journalismus sich der viralen Logik in erster Linie leider nur zur Verbreitung seiner Nachrichten und Etablierung seiner Marke bedient, ist eine Entwicklung in eine fragwürdige Richtung. Dazu möchte ich noch mal zum Selfie zurückkehren. Arlt geht davon aus, dass im Selfie jede_r die Möglichkeit hat, sich so darzustellen, wie er oder sie will. Das ist eine verfängliche Annahme. Zum Selfie gehört das Zirkulieren in Social Networks. Sie sind nicht unabhängig davon denkbar.

Eine Selbstinszenierung zum Meme

Ein Selbstporträt ist kein Selfie. Dementsprechend sind sie inszeniert, um in der Logik von Social Networks zu funktionieren. Der Blick der anderen wird bereits beim Erstellen mitgedacht, er ist Teil des Selfies. Es sind Bilder, die unseren Freund_innen oder Followers statt unserem Blick auf eine Situation uns in einer Situation oder in einer Pose zeigen. Sie können zum Beispiel einfach nur durch unseren Gesichtsausdruck als non-verbaler Kommentar zu der Situation dienen, in der wir uns auf dem Bild befinden. Eine Selbstinszenierung zum Meme. Das Selfie verweist aber auch immer aus den Social Media hinaus, zurück zu uns, verweist darauf, dass die Selbstinszenierung kein spezifisches Netzphänomen ist.

Ich muss dazu nicht einmal auf die Ebene vom Selbst, das nur in seiner Performance vorhanden ist gehen. Ganz banal gesagt: Benimmregeln für verschiedenste Situationen, Konsens über angemessene Kleidung für verschiedenste Gelegenheiten, Geschlechter, Figuren sind Vorgaben, wie wir uns zu inszenieren haben.

Gleichzeitig aber sollen wir uns so inszenieren, dass es möglichst niemand als inszeniert empfindet. Wer ertappt wird, wie er oder sie sich stylt, wird oft zum Opfer von Gewitzel. Gar nicht so unähnlich dem Spott, den Presse und Regierungsoberhäupter nach dem oben erwähnten Bild auf der Charlie-Hebdo-Demo von der Internet-Community abbekamen.

Social Media macht die Spannung zwischen Authentizität und Inszenierung sichtbar

Wir können Social Media eigentlich dankbar sein, dass sie die Spannung zwischen einem sich verändernden Verständnis von Wahrheit und Authentizität und Inszenierung sichtbar macht und Diskussionen aufwirft. Gerade weil es kein social-media-spezifisches Thema ist.

Nur, gerade in Social Media wird nun freiwillige lustvolle Selbstinszenierung kritisiert. Aus der Kritik an Selfies spricht immer wieder der Versuch Kontrolle darüber zu erhalten, wie sich Menschen selbst darstellen, das bekommen vor allem Frauen und Jugendliche ab. Wenn sich die meist eine männliche Perspektive einnehmenden Selfie-Kritiker ebenso vehement gegen die im Alltag omnipräsente Darstellungsform der sexuellen Objektivierung weiblicher Körper stellen würden, wie sie es kritisiert, wie sich Frauen selbst in Selfies darstellen, könnte ich ihre Kritik vielleicht sogar in irgendeiner Weise ernst nehmen. Aber derzeit wird als selbstsüchtig meist nur das beschimpft, was nicht vom und für den gesellschaftlich dominanten Blick reguliert wird. Um nur eine problematische Facette herauszugreifen.

Wahrheit ist eine endlose Annäherung

Wie sehr es in der Kritik an Selfies um Angst, die Definitionsmacht zu verlieren, geht, zeigt auch Arlt, wenn er schreibt: “Selbstvermarktung als wirtschaftliche Existenz- und soziale Karrierebedingung: Keine Mietwohnung, kein Arbeitsplatz, keine Bewerbung, keine Beziehung ohne ‘Selfie’, ohne die Herstellungskosten in Kauf zu nehmen für die Darstellung seiner selbst von der besten Seite. Doch diese Shows bleiben unter der Kontrolle der jeweils Anwesenden, die intervenieren können.”

Solange die Kontrolle bestehen bleibt, solange interveniert werden kann, ist Selbstvermarktung okay, denn mit einer “unerwarteten Zwischenfrage” lässt sich nach Arlt doch die “Wahrheit” ans Licht zu bringen, die er auch noch an Leistung festmacht.

Als ob eine gelungene Selbstdarstellung keine Leistung wäre. Wie sehr er an eine objektive Wahrheit, an authentische Identität glaubt, zeigt sich auch sehr schön in einem Bild: er beklagt “das Öffentliche als Gezerre zwischen Verdunklung und Entblößung”. Aber genau das ist Wahrheit: sie ist eine endlose Annäherung, sie entsteht im Spiel verschiedenster Perspektiven, die verschiedene Stellen ins Licht rücken und andere im Schatten halten.

Berechtigte Kritik an der Social-Media-Strategie der traditionellen Medien

Ich musste darüber schmunzeln, wie nahe Arlts “Gezerre” am Bild eines “Fächertanzes” aus der Burleske ist, das Nathan Jurgenson von Marc Smith übernommen hat, um unsere Selbstdarstellung auf Social Media zu beschreiben. Es lässt sich letztlich ausweiten auf alle Arten von Selbstdarstellung, vielleicht sogar auf alle Formen von Darstellung: wir zeigen mal mehr, mal weniger, je nach Kontext verschiedene Seiten, und Identität wie Wahrheit entstehen nur in diesem Tanz, nur in der Bewegung. Arlt würde das wahrscheinlich nicht sehr sexy finden.

Es ist nicht so, dass ich nicht mit Teilen der Journalismus- und Gesellschaftskritik einverstanden wäre, die Arlt vorbringt, sonst hätte ich mich auch nicht zu diesem Text angeregt gefühlt. Aber es lässt sich nicht so, wie er es getan hat, an Selfies festmachen.

Die Nabelschau, die Journalismus auf Social Media betreibt und wie Eigen-PR-bewusst viele Journalist_innen dort aktiv sind, um sich selbst und ihre Zeitung oder ihren Sender als Marke zu inszenieren – das ist durchaus kritisierenswert und geht an dem vorbei, wie Social Media bereichernd für die älteren Medien sein können.

Wenn Social Networks selbst Publisher geworden sind

Was bei Arlt zu kurz kommt, ist das konsequente Weiterdenken der Kritik bis an die Wurzeln. Da ist die very german Sehnsucht nach einer Zeit in der Leistung noch etwas galt, und nicht nur Selbstinszenierung zum Vermarktungszweck (und als solche dürfte er auch jede Form von Social Media Strategie von Journalismus begreifen, womit ich nicht ganz nicht einverstanden bin).

Da ist die very manly Sehnsucht nach damals, als man noch blindlings als Gatekeeper akzeptiert wurde, als diese eine Perspektive noch als Objektivität verkauft werden konnte, und andere Perspektiven bestenfalls mal durch ein paar Leser_rinnenbriefe lästig werden konnten. Aber da ist keine schlüssige Verfolgung des Selbstinszenierungszwangs bis zu seinen Ursachen, sondern stattdessen werden Ärger und Ängste einfach auf neue Kulturtechnologien abgelenkt, mit denen er sich nicht wirklich auseinandersetzen will.

Journalismus krankt in großen Teilen nichtsdestotrotz tatsächlich an der Überzeugung, der Logik von Social Networks aus monetären Zwängen vermeintlich folgen zu müssen. Dadurch werden Artikel konzipiert um Schnelligkeit und Reichweite zu erlangen, während Gesichtspunkte wie Tiefe und gesellschaftliche Relevanz meist auf der Strecke bleiben, da ihnen in diesen Netzwerken keine Bedeutung zukommt. Ob Medien damit nicht mehr aufgeben als sie gewinnen, werden sie wohl erst merken, wenn auch das letzte Social Network selbst zum Publisher geworden ist.

too long, didn`t read

Die Krise des Journalismus resultiert zum Teil aus der Orientierung an “Werbung, PR und Unterhaltung” und den Strukturen von Social Media, aber: Please leave Selfies alone.

P.S.: An meine Nummer 1 der kuriosen Selfie-Angst-Artikel kommt Arlts übrigens lange nicht heran, das ist immer noch dieser hier.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.socialmediawatchblog.org.

Pleasantville ist keine Lösung – Soziale Netzwerke müssen sozialer werden

Die US-Comedian Chelsea Handler hat vor ein paar Tagen ein Bild auf Instagram gepostet, das ein Bild von ihr neben einem von Putin zeigt – beide auf einem Pferd, beide oben ohne. Beschriftet hat sie es mit: “Anything a man can do, a woman has the right to do better #kremlin.” Instagram löschte das Bild mit einem Verweis auf die Community Guidelines.

Die einfachste Reaktion darauf wäre gewesen: “Nun ja, das ist eben wie beim Hausrecht: Wenn ich bei so einem Service etwas poste, dann muss ich mich auch dessen Regeln unterwerfen.” Andererseits ist den Usern ja zunehmen auch bewusst, dass sie eine gewisse Mitsprachemacht haben, da ihre Inhalte die Bausteine sind, ohne die dieses Haus nicht existieren würde. Wenn ein Service sich zu weit von dem entfernt, was seine User wollen, werden diese ihn verlassen.

In diesem Geiste postete Chelsea Handler das Foto einfach noch mal. Diesmal mit dem Zusatz, dass es sexistisch sei, das Bild zu entfernen. Als es abermals von Instagram gelöscht wurde, postete sie einen Screenshot der Löschmeldung mit dem Kommentar: “If a man posts a photo of his nipples, it’s ok, but not a woman? Are we in 1825?” Damit löste sie in den Kommentaren und anderswo eine Diskussion über die Angemessenheit aus. Viele Kommentare pflichteten Handlers Position bei, es als sexistisch zu betrachten, aber es gab – surprise, surprise! – auch süffisante Kommentare in Richtung “höhö, wenn es um nackte Brüste geht, dann ist das genau meine Sorte Feminismus”.

Solche Dispute sind nicht wegen Celebrity Content oder Sensationalisierungspotential interessant, sondern weil sie Problemzonen der Social Networks aufzeigen.

Solche Dispute sind nicht wegen Celebrity Content oder Senastionalisierungspotential interessant, sondern weil sie zeigen, wo das Mauerwerk bröckelt. Sie machen es einfacher, Problemzonen von Social Networks zu finden, zu kritisieren und zu verbessern. Sie einfach nur als belanglose Aufreger zu ignorieren kann Gefahr laufen, in der Tradition des Abtuns weiblicher Kritik als “hysterisch” zu liegen. Auch wenn der Tonfall von Onlinediskussionen oft erhitzt und polemisch ist, sollten sie als Marker von Problembereichen ernstgenommen werden. Dass in den Medien oft eher sie als Problem benannt werden als ihre Auslöser, spricht für sich. Die Medien sind of Teil oder Plattform des Problems.

In der Time gibt es einen Beitrag von Charlotte Alter, der titelt: “Instagram is right to censor Chelsea Handler”. Darin argumentiert sie, dass um das Wohl der Kinder willen auf Social Networks wie Instagram alle Bilder nackter weiblicher Brüste gelöscht werden sollten, selbst die von stillenden Frauen (davon ist meines Wissens selbst Facebook inzwischen abgekommen. Zumindest offiziell). Die Begründung Alters: “because that kind of monitoring helps keep revenge porn and child porn off of the network. It’s not that kids on Instagram need to be protected from seeing naked photos of Chelsea Handler–it’s they need to be protected from themselves.” Wie sie in ihrer Argumentation vom Foto einer selbstbewusst satirisch posierenden erwachsenen Frau auf Kinderpornographie kommt, spiegelt letztlich deren entmündigenden Gestus wider. Dass Jugendliche sicherer im Umgang mit Social Media sind, als es die Sorge von verängstigten Erwachsenen, die nicht mit diesen großgewordenen sind, oft vermuten, lässt sich bei Expert_innnen wie z.B. Danah Boyd gut nachlesen. Ebenso bekannt ist, dass großflächige Zensur nicht den Nutzen bringt, den sich simplifizierende Hardliner davon versprechen. Beides setzt auf Freiheitseinschränkung und auf Kontrolle mit grob vereinfachenden Kritierien statt auf Auseinandersetzung. Beides scheitert immer wieder an der Komplexität menschlichen Sozialverhaltens. der wie es Astra Taylor und Joanne McNeil in “The Dads of Tech” schreiben: “Complicated power dynamics do not fit neatly into an Internet simple enough for Dad to understand.”

Die Grenze des Zulässigen beim Anblick von weiblichen Nippeln zu ziehen ist recht beliebig.

Nude Pix sind ein gutes Beispiel für dieses Scheitern. Die Grenzen zwischen der Darstellung asexueller, erotischer und pornographischer Nacktheit sind fließend und komplex. Eine medizinisch-unterkühlte Ganzkörpernacktillustration ist weniger erotisch als ein Bild auf dem ein Körper mit Dessous bedeckt ist. Was als anstößig empfunden wird, hängt von kulturellem Background, Alter und anderen Kontexten ab. Fest steht: Es ist es ein recht beliebiges Vorgehen, die Grenze des Zulässigen beim Anblick von nackten weiblichen Nippeln zu ziehen. Das bringt auch Amanda Marcotte bei Slate sehr schön auf den Punkt:

“The taboo around the nipple encapsulates how ridiculous and contradictory our expectations about women, fashion, and sexuality really are. On the one hand, women are expected to be sexually appealing, even to the point of mutilating our feet to achieve that forever-sexy mystique. But we’re also expected to avoid being too sexual, or else we’re considered scandalous. The conflicting demands reduce us to counting inches of cloth and arbitrarily deciding that the nipple is a step too far. We’d all be better off in a more sensible society where women could walk around topless to look sexy but wearing 3-inch heels was considered over the top.”

Verschiedene Netzwerke mit verschiedenen Ansätzen für verschiedene Bedürfnisse?
Netzwerke wie Twitter oder Ello haben andere Ansätze. Statt solche beliebige Grenzen des Erlaubten zu ziehen, geht Twitter, wo Chelsea Handler ihr Bild nach ihrem Abgang von Instagram gepostet hat, von mündigeren Usern aus und setzt ein Stück weit auf Vertrauen. Es wird der Komplexität und der subjektiven Natur dessen, was Menschen anstößig finden, gerechter: Die Nutzer_innen können selbst entscheiden, was sie sich ansehen. Wenn Nutzer_innen öfter solche Inhalte posten, sind sie dazu angehalten, ihren Account selbst so einzustellen, dass vor allen Bildern oder Videos mit “sensitive content”, also potentiell anstößigem Inhalt (Nacktheit, Gewalt, medizinische Prozeduren usw.) eine Warnung angezeigt wird, die bewusst weggeklickt werden muss, um das Bild zu sehen. Erst bei mehrfachen gemeldeten Verstößen schreitet Twitter ein. Einen ganz anderen Ansatz hat letzte Woche der Gamer Video Service Twitch gewählt: Er verbietet Frauen und Männern gleichemaßen, sich mit entblößten Oberkörpern zu zeigen. Puritanisch oder gleichberechtigt? Solidarische Geste oder prüde Bevormundung? Das sind Themen, die offline auch alles andere als geklärt sind und wir können aus den Onlinediskussionen darüber auch dafür lernen. Die unterschiedlichen Ansätze was die Handhabe von potentiell anstößigen Inhalten anbelangt deuten daraufhin, dass die sinnvollste Art der Nutzung und auch der Entwicklung von Social Networks ist, verschiedene Netzwerke für verschiedene Bedürfnisse zu verwenden. Was aber, wenn Netzwerke die eierlegende Wollmilchsau sein wollen, weil es mehr User bringt und damit mehr Profit? Was aber, wenn ein Netzwerk die eierlegende Wollmilchsau sein will, weil es mehr User bringt und damit mehr Profit.

Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Wie lassen sich Social Networks sozialer gestalten?

Noch mal zurück zu Charlotte Alters Artikel, in dem sie schreibt: “This is also a question of practicality. Ideally, Instagram would be able to distinguish between a naked 13-year old and a breastfeeding mom. In reality, it would be unrealistic to expect Instagram to comb through their content, keeping track of when every user turns 18, whether the user is posting photos of themselves or of someone else, and whether every naked photo was posted with consent. …“

Noch mal auf deutsch: Es sei eine Frage der Praktikabilität und von Instagram könne keine angemessene Inhaltsmoderation erwartet werden. Dem möchte ich in aller Deutlichkeit entgegensetzen: Doch, das ist genau die Forderung, die wir an Social Networks stellen müssen: angemessene Inhaltsmoderation und Restrukturierung. Sie sind zunehmend Teil von zu vielen Bereichen unseres Lebens, um ihre Unzulänglichkeiten zu ignorieren. Immerhin verdienen sie gutes Geld an ihren Usern und deren Inhalten und investieren eine Menge davon ja schon in fein-strukturierte und höchst effiziente Filterung dieser Inhalte – nur eben für Werbekundschaft. Die Interessen beim Bauen, Strukturieren und Verwalten von Social Networks lagen lange genug nur auf Technik und Marketing. Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Wie lassen sich Social Networks sozialer gestalten? Die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge darf gerade bei solchen sozial-ethischen Themen nicht länger als Argument gelten, die billigsten einfachsten Wege zu wählen. Dass ein Bedürfnis dafür gewachsen ist, darauhin deutet die Größenordnung und Intensität von etwas wie Gamergate und das derzeitige Entstehen von zahlreichen neuen Social Networks wie Ello oder Heartbeat.

Charlotte Alter endet in ihrem Artikel bei der Frage: “So which is more important: the rights of a few bold comedians or breastfeeding moms to feel validated by their Facebook followers, or the privacy of people who might have their private photos posted without consent? I would side with the latter any day of the week.”

„So lasset uns Freiheit für Sicherheit opfern!“ – ein Credo, das wir aus privilegierten konservativen Kreisen nur allzugut kennen. Die Freiheiten und Rechte von Wenigen als unvermeidlichen Kollateralschaden zu betrachten, den es für ein übergeordnetes Wohl zu bringen gälte, ist nichts als eine ignorante Weigerung, sich mit komplexeren Dimensionen auseinanderzusetzen. Es sollte nicht vergessen werden: Im Gegensatz zu der sonst in Medien und Marketing immer noch überwiegenden sexuellen Male Gaze-Objektivierung weiblicher Körper bieten Social Media Plattformen Frauen die Freiheit, dem eine selbstbestimmte öffentliche Abbildung des eigenen Körpers entgegenzusetzen – egal ob erotisch oder stillend oder satirisch oder medizinisch. Es wäre traurig, solche Möglichkeiten unüberlegt zu opfern. Stattdessen sollten Wege eingefordert werden, die solche Arten der Selbstermächtigung ermöglichen und der Vielschichtigkeit der User gerecht werden, ohne dass es in Konflikt mit dem allgemeinen Zugang für Jugendliche zu diesen Social Networks gerät. Pleasantville ist keine Lösung.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.socialmediawatchblog.org.

PEGIDA entfreunden?

 

Zur Zeit machen Artikel zu „Unfriend Me“ auf Facebook die Runde, in denen Kurzlinks zu finden sind, unter denen du nachsehen kannst, wer von deinen Friends PEGIDA, NPD, AfD, Ken.Fm usw liked. Aufgehängt an der Aufforderung, diese zu entfreunden. Dass dies mit einer Prise Humor zu genießen ist, sollte spätestens klar sein, wenn du siehst, dass auch ein Link dabei ist, der dir zeigt, wer Nickelback-Fan ist.

Hat mich amüsiert, habe ich auf Facebook geteilt, habe die Handvoll Friends getaggt, die Ken.Fm geliked haben (PEGIDA, NPD, AfD Leute waren bei mir eh nicht dabei), mit der Frage, dass sie dies doch bestimmt nur ironisch oder neugierdehalber täten. Ich hatte erwartet, dass diese Leute lachend abwinken, sich enttaggen und gut ist. Und: dass ich in dieser Form beim Weiterverbreiten gleich dezent mit darauf hinweise, dass Menschen auf Facebook eben nicht nur „liken“, was sie tatsächlich mögen, sondern das auch zur Recherche tun, oder ironisch, oder weil sie am Laufenden bleiben wollen, was auf diesen Seiten für Scheiß verbreitet wird usw. User werden immer ihre eigenen Wege finden, Funktionen wie den Like-Button zu nutzen und dies nicht nur auf die vom Service vorhergedachte Weise tun. Genauso wie Leute auf „Unfriend.me“ Artikel nicht blindlings mit Entfreunden reagieren, sondern auch mit Diskutieren, Belustigen, u.v.m.

Ich hatte unterschätzt, dass es tatsächlich Leute in meinem FB-Bekanntenkreis geben könnte,* die sich von sowas auf den Schlips getreten fühlen (mindestens einer davon hasst mich jetzt, glaube ich 😥 ) oder das gar welche dabei sein könnten, die Jebsens sektiererische Weltverschwörungstheorien ernst nehmen. ( o_O )Dass dem so ist, betrübt mich etwas, aber zu Diskutieren mochte ich gar nicht erst beginnen, denn dafür stehen mir diese Jebsen-Fans nicht nahe genug und erfahrungsgemäß sind Verschwörungstheorienanhänger_innen durch die quasi-religiösen Züge der Argumentation ihrer Wortführer meist diskussions-resistent. Wenn du PEGIDAs, Montagsmahnwachenden und Friedensmarschierenden beizubringen versuchst, dass es die US-zionistische Weltbankverschwörung nicht gibt und dass sie auch nicht die Medien hierzulande wie eine Krake in ihren Tentakeln halten, und warum dieses Bild antisemitisch ist, dass die Islamisierung des Abendlandes genauso wenig droht wie dass eine Gender-Mafia ihnen ihre Kinder entreißt, werden sie dich meist nur wissend anlächeln und dir sagen, wie naiv du bist, und dass du Ken oder Elsässer und wie sie alle heißen, nur nicht genug zugehört hättest. Oder, wenn sie gerade in Gruppen auftauchen, schallt dir ein stumpfes „Wir sind das Volk!“ entgegen, grob an die „Sie klaun unsere Jobs!“-Typen aus South Park erinnernd.**
Aber.

Ich halte es auch für keine Lösung, sich über PEGIDA und Co. lustig zu machen und sie als dummen Mob zu kategorisieren, auch wenn es ein verlockendes Ventil ist, weil wir dem beängstigenden Wachstum dieser Aufmärsche mit einer lähmenden Hilflosigkeit gegenüberstehen. Selbst Gegendemonstrationen versagen als Mittel ihnen Konter zu bieten, da sie sich davon nur bestärkt fühlen. Gegendemonstrationen sind aber andererseits als eine Möglichkeit wichtig, all denen unter uns ein Zeichen der Solidarität zu schicken, die von PEGIDA angegriffen und eingeschüchtert werden. Die offene Frage bleibt jedoch: Wie kommst du an eine konservative Masse von Menschen ran, die sich einfach aus einem vagen Bauchgefühl heraus unterdrückt und belogen und ausgebeutet fühlt und jedes Argument als Lüge abtun?

Ich denke, das Interessante an dem eingangs erwähnten Unfriend.Me Artikel ist nicht die Aktion, zu der er oberflächlich aufruft, sondern die Funktion, dass er vielen Leuten aufzeigen kann, dass PEGIDA oder Ken.Fm Anhänger_innen nicht „die anderen“ sind; nicht ein anonymer Mob, mit dem sie nichts zu tun haben, sondern Menschen aus dem Bekanntenkreis, Leute von nebenan. Was sie dann draus machen – das dürfte bei jeder_m anders ausfallen.

P.S.: Als ich das erste Mal von PEGIDA hörte, fühlte ich mich an die Anfang des Jahres veröffentlichte „Mitte-Studie“ erinnert, und ich dachte mir, dass PEGIDA nun vielleicht endlich ein groß genuger Anlass sein könnte, auch in der Mainstreamberichterstattung und Politik der Extremismustheorie den längst überfälligen Todesstoß zu versetzen. Dieser Gedanke taucht auch in einem neuen Artikel der Publikative.org auf, deren Berichterstattung und Auseinandersetzung zu PEGIDA auch sonst sehr empfehlenswert ist.

*) Ich bin jemand, dessen FB-Bekanntenkreis neben offline-Freundschaften stark durch kulturelle Interessen wie Musikszenen und durch sozial/netz/etc./politische Haltung geprägt ist und ich poste ausschließlich öffentlich. Jemand, der oder die Facebook eher für Familiäres und in kleinen geschlossenen Kreisen nutzt, wird andere Ergebnisse haben und damit anders umgehen. Wenn Journalist_innen über das Netz schreiben, solltet ihr nicht vergessen, dass sie immer nur eine von vielen möglichen Perspektiven auf Social Media haben, die meist entweder auf ihrer eigenen personalisierten Timeline, auf der Timeline der Facebook-Seite ihres Nachrichtendienstes, oder auf verallgemeinernden Datenauswertungen basiert, die nur öffentliche Postings berücksichtigen. Correct me wenn ich falsch liege.

**)  In einer Folge der Serie kommen durch ein Zeittor Immigrant_innen aus der Zukunft („Goobacks“, das Wortspiel mit Schleim, Zeitreise, immigrant_innenfeindlichem Slogan geht im Deutschen leider etwas verloren) als Billigarbeitskräfte nach South Park, hier gibts die ganze Folge online zu sehen.

Tardis by Estel - CC

Gedanken zu Queer Space

“Bigger on the inside” – das ist ein immer wiederkehrender Satz in der britischen TV-Serie Doctor Who. Er bezieht sich auf die Tardis, das lebendige, sich immer wieder verändernde Raum- und Zeitreisegefährt des Doctors. Von außen ist die Tardis getarnt als Police Box, eine Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien eingeführte und bis in die 1970er präsente Art Mini-Polizeistation, vom Aussehen her eine Mischung aus Telefonzelle und Schrank, aber innen ist sie größer, birgt eine Unzahl von Räumen, niemand weiß wieviele es gibt. “Bigger on the inside”, die Tardis als sich herkömmlichen Vorstellungen von Raum sperrendes Anti-Closet, das kam mir als erstes in den Kopf, als ich über queeren Raum nachdachte. Nicht nur die räumliche sondern auch die zeitliche Präsenz der Tardis passt dazu: Queere Räume sind heute oft nicht nur örtlich, sondern auch zeitlich begrenzt: der queere Stammtisch in wechselnden Kneipen, die queere Party in Clubs, die sonst heterodominiert sind, die queere Kunstperformance. Für die, die ihn frequentieren, sind diese Orte auch “bigger on the inside”: ein entgrenzender, befreiender Raum, der die Grenzen aufhebt, die sie sonst durch die geschlechtlich binäre Heteronormativität unserer Gesellschaft erfahren. Ein gleichgeschlechtlicher Kuss, ein nicht der weiblichen oder männlichen Norm entsprechendes Äußeres, das alles sind Faktoren, in denen wir immer noch ganz alltäglich zurückstecken, um nicht aufzufallen, um keine blöden Blicke oder Sprüche auszulösen, um nicht gemobbt, bespuckt oder verprügelt zu werden. Diese queeren Orte müssen meist gekennzeichnet werden, um als solche wahrgenommen zu werden. Der Heterosexuelle Raum dagegen dominiert, ohne als solcher kenntlich gemacht zu sein, alles. Jede Umarmung bedeutet ein Heraustreten aus der Norm, ein Coming Out, ein Heraustreten aus dem heterosexuellen Raum. Die heterosexuellen Bereiche der Öffentlichkeit, die sich den Queers öffnen, sind meist an Konsum gebunden, ob an die Kaufkraft der privilegierten Queers, oder den an Hoffnung auf Profit verknüpften Wunsch von Diversität: Künstlerisch spannende, kreative Kreise, seit jeher mit einer queeren Szene verbunden, werden so – im doppelten Sinne des Wortes – als das Stadtbild bereichernd empfunden. Das geht allerdings meist mit einem Unsichtbarmachen der Sexualität einher: Der Farbklecks, der einen Stadteil interessanter macht. Sexy Kaufkraft, nicht sexy Körperlichkeit, und oft entstehen Orte daraus, in denen nur wenige partizipieren können, weil der Rest es sich nicht leisten kann. Sichtbar gemacht und geduldet werden nur die dem Stadtdesign entsprechenden Queers, nicht jeder Ausdruck einer queeren Identität ist erwünscht, sondern wenn, dann lieber die, die auch als Heteros durchgehen könnten. Es geht nicht um Diversität der sozialen Gleichstellung willen, sondern um eine gönnerhafte Fake-Offenheit, ähnlich der entsexualisierten schwulen Nebenrolle in zahllosen TV-Serien. Toleranz, nicht Akzeptanz. Toleranz lässt keine Queeren Räume wachsen, Toleranz duldet nur. Wenn Queers sich über die Ausnahmerolle hinaus entfalten würden, wenn die den heterosexuellen Raum bereichernde Exotik wegfiele, dann hätte die gönnerhafte Hand ja keinen Gewinn mehr, keine Kontrolle, sie wäre unwichtig.

Ich habe hier ganz bewusst, erst mal “queer” als Wort verwendet, das die Lesbisch/Schwule/Trans-Szene als alles beschreibt, was von zweigeschlechtlicher heterosexueller Norm und den damit einhergehenden Privilegien abweicht. Daran lässt sich nachvollziehen, wie ausgrenzend Räume sein können, ohne dass dies von der Mehrheit überhaupt wahrgenommen würde. “Queer” ist aber auch ein Begriff, der jede Art von fixer Identitätsbildung hinterfragt, also auch Grenzen von Einkommens- oder Bildungsschicht, Hautfarbe, Herkunft, Alter zu überwinden sucht. Eine Art fließende Anti-Identität, die beschreibt, wie wir uns in jedem Moment neu entwerfen. Damit lässt sich auf einer breiteren, theoretischeren Ebene ein queeres Raumkonzept denken, das einbezieht, dass Räume nicht nur geographisch oder durch örtliche Bedingungen definiert zu verstehen sind, sondern ebenso durch ihre Zugänglichkeit und die Entfaltungsmöglichkeiten, die sie gewähren geprägt sind, was immer auch mit kulturellem, ökonomischem und sozialem Background und Normen zu tun hat. So wie Sexualität mit einer Normierung auf Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und Monogamie durchreguliert wird, wird ein entsprechendes Raumkonzept von Grenzen und Kontrolle ausgemacht. Es plant und regelt und verwaltet, was wann wer wo tun soll. Für den öffentlichen Raum einer Stadt heißt das, in kleinen Beispielen gedacht, eine Parkbank hier, eine Absperrung mit Betonpfeilern dort, grelle nächtliche Gebäudebeleuchtung. Kleinigkeiten, die regeln, wo wir uns wie aufhalten. Im Großen: sowas wie im Büro geplante Stadtteilaufwertung. Ein queeres Verständnis von öffentlichem Raum würde demnach eine Kritik an solcher von oben durchregulierender Stadtplanung bedeuten, die keine organische Entfaltung und keine Freiräume duldet, sondern beherrschen will, was wo entsteht. Jeder Flecken, jede Wand: zweckgebunden. Ein Konzept von öffentlichem Raum als Queer Space würde dagegen ständigen Wandel begleiten, ein ständiges Sich-Neudefinieren begrüßen, Diversität als soziales Konzept verstehen, die stete Suche nach dem Anderen betreiben, es willkommen heißen und sichtbarmachen, nicht einebnen, nicht steuern wollen, und: auf allen Ebenen um offene Grenzen bemüht sein. Ein Queer Space wäre nie abgeschlossen, wäre sozialer Prozess, ein unendliches fließendes Versuchsstadium. Ein Queer Space würde verschwinden, sobald er fest definiert wäre.

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Diese Gedanken habe ich mir anlässlich einer Performance von Michael Meier gemacht, die Montag, 17.11.14, in der Kunstvitrine Nürnberg zu sehen sein wird:

violet. a performative study.

Wenn wir sagen, Identität ist nichts Feststehendes, Endgültiges, sondern veränderbar, beutetet dies, dass wir sie als Effekt von Prozess und Performanz sehen müssen. Aber in welchen Strukturen finden diese Prozesse statt und welchen Einfluss haben sie auf uns?
Räume umgeben uns, schützen uns, prägen uns und das Konstrukt, das wir als das Selbst bezeichnen. Ausgehend von der Queer-Theorie Judith Butlers und dem zentralen Begriff „(Un-/)Doing Gender“, fragt die Performance nach der weiteren Definition von „Raum“ und versucht Fragen zu formulieren, die einen Einblick geben, was „Raum“ eigentlich mit uns und unserer Identität zu tun hat.
Is space an extent of a heterosexual dimension?

Performance & Opening
17.11.2014 // 19 Uhr

Ausstellung
18.11. – 07.12.2014