Abregen? – noch mal zu Regeners Rant bzw Kommentaren dazu

Jetzt muss ich doch noch einen zweiten Teil dazu schreiben, weil’s mir zu lange und zu schade ist, das in der comment-section zu belassen. Wird wieder keine objektive Analyse, keine Angst. 😉
Bin übrigens doch ganz schön erstaunt, dass dieser eine Ausbruch von Regener ein so breites Web-Echo hervorgerufen hat.

feydbraybrook schrieb:
„Sorry, da liegst Du falsch. Viele Musiker, die es zu etwas gebracht haben, sind jahrelang durch den Dreck gewatet und haben von Scheisse gelebt und sind trotzdem dabei geblieben – aus Liebe zur Musik. Deswegen haben sie nicht freiwillig kein Geld verdient. Sie haben es in Kauf genommen, nach dem Motto: ich würde gerne davon leben, nichts anderes machen als Musik, aber notfalls tue ich es auch, ohne etwas dafür zu bekommen. Und dann hats bei denen eben doch geklappt.
Nur, weil einer Geld mit Musik verdient, ist Geld noch lange nicht sein einziger Beweggrund dafür.“

Natürlich nicht, das habe ich auch nicht behauptet. Im Gegenteil: Das ist doch das, woran mir liegt. Und Musik machen aus Leidenschaft heißt doch nicht, dass sie unentgeltlich sein muss. Ich finde es aber unsympathisch, wenn für Leute Profit der dominante Grund dafür ist, Musik zu machen, und wenn dann langweilige Plörre rauskommt sich jemand (das soll sich jetzt nicht explizit auf Regener beziehen, auch wenn ich mit Element Of Crime noch nie was anfangen konnte) hinstellt und fordert: ‚Jetzt hab ich doch in diese Karriere investiert und hart gearbeitet, da steht mir doch jetzt auch Entlohnung dafür zu‘. Das ist mir zu sehr auf die Handwerksseite argumentiert. So funktioniert Popmusik halt nicht.

Und ich finde die Abwertung von Künstlern, die ihre Musik ganz bewusst als “ chose-what-you-pay“ mit Gratisoption unter Creative Commons Lizenzen ins Netz setzen, nicht gut. Diese Mentalität, dass etwas schlecht sein muss, wenn jemand es kostenlos hergibt, zeugt ja nur davon wie profitfixiert diese Ecke der Musikwelt ist.

Natürlich würden aber alle gerne davon leben. Die Realität sieht aber nun mal so aus, dass 95% oder mehr das nicht können, weil das Geld nicht da ist, egal wieviel sie dafür aufgeben und wie intensiv sie an ihrer Musik arbeiten. Die Schuld dafür aber nur bei illegalen Downloadern zu suchen (das wären ja immerhin schon Leute, die sich für deine Musik interessieren) und damit deine Fans zu kriminalisieren, oder derzeit youtube/google den schwarze Peter hinzuschieben ohne dabei zu sehen, dass youtube eine fantastische kostenlose fanbasierte Werbung für Musik bietet, das ist weltfremd. Es gibt zahllose Gründe, es mag zum Teil an der zu späten Besinnung auf neue Vertriebsideen und einen unglaublich schwerfälligen Umgang mit einer neuen Medienrealität seitens der Musikwirtschaft liegen, oder zum Teil auch dran, dass genauso Geld in andere Unterhaltungsmedien, Event- und Partykultur (irgendwann gibt’s bestimmt Krieg zwischen Leuten die sich als ‚richtige Musiker‘ verstehen und DJs ^^), Handys, Ipads und was weiß ich gesteckt wird. Vielleicht liegt’s auch teilweise daran, dass viele ganz einfach auch nicht mehr Geld haben, das sie für diesen Lebensbereich ausgeben können, und sicherlich auch daran, dass es heute fast mehr Acts als Publikum dafür gibt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Entwicklung in Zukunft noch mehr Richtung ’selber machen‘ gehen könnte –  sei es spielerisch durch Konsolenspiele (Guitar Hero und verwandte, Karaoke usw.) oder eben dass noch mehr Leute selbst zu Hause am Computer Musik produzieren, remixen, was auch immer, oder was ja auch stetig wächst: der DJ Bereich. (Wie Tiga letzthin twitterte: „there should be some kind of prize for anybody (under 40) who has NEVER DJed„.) Dann würde sich jedenfalls noch weniger Geld auf die Bands verteilen, die es auf die traditionelle Weise versuchen. Kultur ist halt ein fickle beast, sie und ihre Bedingungen ändern sich immer wieder im Laufe der Jahrhunderte und wer sie zum Stagnieren bringen will, tötet sie und wenn er das als Kulturschaffender tut, schafft er sich selbst halt gleich mit ab, wenn’s blöd läuft.

Zurück zu dem Kommentar oben: Es ist halt eben nicht so, dass aus ‚hart arbeiten‘ automatisch Erfolg wird in der Musik. Das ist ja eine Logik, die nicht mal in der Arbeitswelt jenseits der Unterhaltungsindustrie funktioniert. Warum es ein paar wenige Bands doch eine zeitlang schaffen, davon leben zu können, das hängt ja auch von so vielen Faktoren abseits der ganzen Urheberrechtsthematik ab, dass das ein ganzes Themenfeld für sich wäre. Qualität ist dabei gewiss nicht maßgeblich. Wie letzthin jemand (ich glaube, es war Franz Apunkt Schneider) ganz richtig sagte: Pop ist nun mal nicht fair. Mich verbindet ja auch durchaus grad deswegen so eine intensive Hass-Liebe mit ihm.

Was wäre denn aber überhaupt fair? Was für MusikerInnen sollten denn von ihrem Schaffen leben können? Gerade in einer Zeit, in der es dank technischem Fortschritt einfacher und billiger denn je geworden ist, selbst Musik zu machen und jedeR Dritte davon träumt, irgendwann sein Einkommen mit Musik stemmen zu können, steht fest: Für alle wird’s nie reichen. Aber mal angenommen, irgendwer glaubt ernsthaft, dass wenn die Daumenschrauben des Urheberrechtsschutzes fester angezogen würden und die Fans/Diebe Millionen Euro ausgeben würden / Strafe zahlen müssten und dieses Geld dann gerecht verteilt werden sollte, um wenigstens einem Bruchteil der Musikschaffenden ein Auskommen zu bescheren. Wer würde es denn eurer Meinung nach verdienen?

Sollen es die hart an sich arbeitenden Bands sein? Sollen es die sein, die ein Pop-Diplom in Kompositionslehre und Viral Marketing gemacht haben? Sollen es die sein, die am meisten verkaufen? Sollen es die sein, die kreative neue Wege gehen und sich trauen Popmusik weiterzudenken? Sollen es die sein, die den klassischen Pop/Rock/whatever-Song perfektionieren? Sollen es die ‚richtigen‘ Bands sein, weil sie Übungsräume, Studio etc. finanzieren müssen im Gegensatz zu vielen solo-electronic acts? Sollen es die sein, die ganz viel Persönliches investiert haben, ihre Jobs/Wohnungen/Beziehungen/etc aufgegeben habe, um für ihre Musik zu leben? Sollen es die sein, die in Management/Bookingagentur/Promofirma/etc. investiert haben?
Weil das schwer zu beantworten ist,  beschwören an dieser Stelle der Diskussion manche auch plötzlich das uralte Bild vom Künstler als schützenswertes kreatives Genie herauf, dass unsere Gesellschaft um ein unverzichtbares Kulturgut bereichert. Woran erkennt man aber diese wenigen Auserwählten? Diese Sicht macht die Diskussion nicht einfacher, sondern hebt sie bloß auf so ein seltsam esoterisches Level. Und auch wenn ich selbst gern in hemmungsloses Schwärmen über Musik gerate, und manche Künstler auf einen solchen Altar hieve – in so einer Diskussion hat das heute für mich nichts verloren. Ich beschwöre dann lieber im Gegenzug das Bild einer 5€-die-Stunde-Fabrikarbeiterin herauf, die noch nebenbei putzen geht, um ihre Kinder durchzubringen. Ist noch ungerechter. Hilft in unserer Diskussion auch nicht weiter. Aber wenn man sich schon darauf beruft, dass Musiker ein Beruf wie jeder andere auch sein sollte, dann halt auch konsequent.
Und wie hat es Blog-Kollege P. Breuer so schön geschrieben: „Ich bin übrigens für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Zack, alle Probleme gelöst. Nicht nur die der Künstler. Aber auf mich hört ja keiner.“

Noch einen Kommentar möchte ich herausheben:

Sebastian F. Klaus schrieb:
„Lasst uns doch mal ehrlich sein: Das, was sich wunderbar und profitabel verkaufen lässt, ist in den wenigsten Fällen voller Qualität, Aussage und vielleicht sogar Idealismus – vielmehr überfüllt und überfordert durch Lobbyismus!

Schaut man sich die Playlists von Radiosendern oder Plattenläden, dann findet man in aller Regel immer die gleiche Auswahl – hoch dotierte, extrem profitable “Interpreten” und meist keinen einzigen, der unsere Gedanken oder unser Handeln durch seine Lieder / Werke bereichert.

Zur Aussage im Kommentar von S Sen, dass es der Gesellschaft schwer fallen würde, für Kunst zu zahlen, fällt mir schlichtweg nur ein: “Blödsinn!” Okay, ich gebe zu, bei 99% der dargebotenen Werke in diversen Läden, würde ich mich tatsächlich damit schwer tun, nur einen müden Cent für zu investieren. Aber weniger, weil ich generell nichts für “Kunst” ausgeben möchte, sondern weil “DAS” keine Kunst für mich darstellt. Ob es nun Musik ist oder andere Künste gemeint sind, spielt eigentlich keine Rolle. Dass jemand sein Werk dann auch nicht als Kunst anerkannt sieht, ist sogar in Ordnung für mich: Dann ist es nunmal keine Kunst, die einen zur Investition anstachelt – vielleicht reicht es einfach nicht. Vielleicht ist es nicht gut genug. (…)“

Danke dafür. Diesem Gedanken mag ich eigentich gar nicht groß was hinzufügen.
Selbiger Lobbyismus und finanzielle Abhängigkeiten (Werbung schalten im Austausch für ‚redaktionelle‘ Beiträge oder Reviews etc) haben sich ja leider auch in der Musikpresse und Musikblogs vielerorts durchgesetzt und machen sie für mich immer uninteressanter. Das Spielerische, Neugierige bleibt da oft außen vor und man spürt die mit Inhalt aufgehübschte Kalkuliertheit und die kleinen Gefallen zu sehr durch. KünstlerInnen dagegen, die sich nicht in die Hände einer PR-Maschinerie und den eine-Hand-wäscht-die-andere-Beziehungsdschungel usw. begeben, bleiben oft einfach unsichtbar, egal welche Qualitäten ihre Musik aufweist.
Das war früher für mich eher irrelevant, weil es eigentlich bloß Mainstreampop zu betreffen schien, dessen Verwertungslogik mir noch nie sympathisch war, doch heute zieht sich das leider bis in den ‚Underground‘ durch, der ja eh nicht mehr wirklich davon zu trennen ist.
AIDS WOLF, die sich leider, aber verständlicherweise aufgelöst haben, streifen das Thema der auch im avantgardistischen Underground veränderten Musikszene in ihren Abschiedsworten hier, möchte ich kurz einfügen, weil’s so lesenswert ist.

Und noch einer:

mixermansworld schrieb:

„Etwas einseitig diese Meinungen. Ich finde es gibt bzw. darf hier kein schwarz/weiß-denken geben. Vielleicht hätte der Herr Regener seine Emotinen etwas im Zaum halten sollen und zu Dir kann ich nur sagen, sobald man sich entscheidet sein Geld – falsch – seinen Lebensunterhalt mit Musikmachen, Komposition, Texten oder was auch immer zu verdienen passiert das auf einer anderen Ebene. Vielleicht sollte man sich das mal an einem einfachen Beispiel bewusst machen: Du möchtest Dir ja zum Frühstück auch einen Kaffee gönnen oder mal ne Semmel essen, diese Dinge musst Du käuflich (also mit etwas Geld) erwerben und ich glaub nicht das Dir dein Bäcker die Brötchen schenkt obwohl er vielleicht leidenschaftlich gerne Semmeln bäckt.“

Ja, und wenn alle seine Semmeln nicht ausstehen können, und sich stattdessen woanders Baguette kaufen oder Brot selber backen, und der Bäcker dann pleite geht – jammert der dann genauso auf seinem Anrecht auf Verdienst rum, weil er doch so hart gearbeitet hat? Blödes Konter, aber warum der Bäckerei-Vergleich hinkt, kannst du dir selbst ergooglen, das ist ein beliebtes Beispiel in der Debatte um geistiges Eigentum.

Was ich noch mal betonen möchte: Ich bin in keinster Weise Fürsprecherin einer ‚Geiz-ist-geil‘-Mentalität, und mich kotzt es an, wenn Leute Kultur, die nicht profit-orientiert ist, mit dieser Mentalität in einen Topf werfen. Dass ich das Urheberrecht in seiner jetzigen Form nicht zeitgemäß finde, heißt keineswegs, dass ich, wie immer gleich gern unterstellt wird, finde, dass Musik gratis sein muss.

Und weil mir bei diesem die Gemüter doch ganz schön anheizenden Thema auch unterstellt wurde, dass ich so gar keine Ahnung habe, von was ich spreche: Ich mache selbst Musik, habe Platten und CDs rausgebracht und verkauft, bin durch ein paar Länder quer durch Europa getourt auf meist selbst gebuchten Touren, hab vor drei Leuten gespielt und hab vor 1000 Leuten gespielt, ich veranstalte Konzerte in einem Veranstalterkollektiv, bei denen die Band manchmal vor 15 Leuten spielen, manchmal vor 400, bin in Kontakt mit Bands direkt ebenso wie mit ganz großen Agenturen, ich lege auf und organisiere Parties – also: ich bewege mich zumindest nicht außerhalb dieser ganzen Szenerie, um die es geht, auch wenn ich mich nicht als ‚Professionelle‘ betrachte. Ich finde es nicht gut, wenn eine internationale Band für eine Gage spielen muss, bei der die einzelnen Bandmitglieder nur einen Bruchteil dessen bekommen, was z.B. der Tontechniker am selben Abend bekommt, der vielleicht auch schon für weniger Geld arbeitet, als der Standard ist. Ich finde es nicht gut, zu wissen, dass von der GEMA Gebühr, die wir für ein Konzert bezahlen, voraussichtlich nie wirklich etwas bei der US Band ankommen wird, die gespielt hat. Ich finde es nicht gut, dass ich nicht frei bin, einfach eine Platte mit meiner eigenen Musik zu veröffentlichen, ohne mir vorher von der GEMA, mit der ich gar nichts zu tun haben will, mein Werk ‚freistellen‘ lassen zu müssen. Ich finde es nicht gut, dass immer öfter DJs das mehrfache dessen verdienen was ein Bandmitglied verdient. Ich finde es nicht gut, dass Leute bereit sind für ein Festivalticket dreistellige Beträge hinzulegen, aber bei kleinen Konzerten wegen dem Eintrittspreis rumdiskutieren wollen. Ich finde es nicht gut, dass viele wie auch ich, sich ganz schlicht und einfach nicht mehr so viele Konzerte und Platten leisten können wie früher. Ich finde es nicht gut, wenn Leute Musik ausschließlich gratis abgreifen, obwohl sie von sich behaupten, dass ihnen Musik total wichtig ist. Ich finde es nicht gut, zu wenig Zeit zum ausgiebigen Musikmachen zu haben. Ich find es nicht gut, …  Ey – es gibt schon wirklich zig Sachen über die ich Jammern könnte. Hab ich aber keine Lust drauf. Lieber weitermachen und versuchen, Leute für Musik mitzubegeistern, die mich begeistert, weil ich glaube, dass Begeisterung ein viel besserer Grund ist, Geld für Musik auszugeben als drohende Strafen oder jammernde Musikschaffende.

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12 Kommentare

  1. Regener, Putzfrau, bedingungsloses Grundeinkommen, GEMA – worum geht’s hier eigentlich? Ums Urheberrecht? Man kann nicht irgendwie dafür und irgendwie auch dagegen sein. Entweder, oder. Dagegen zu sein hieße, künstlerisch veranlagten Menschen das Recht abzusprechen, mit ihrem Talent und ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Das will angeblich keiner. Und dann bleibt eigentlich nur noch, dafür zu sein. Ohne Wenn und Aber. Auch, wenn es bedeutet, dass unter Umständen auch Künstler davon profitieren, die man selbst für Flachpfeifen hält. Das ist Marktwirtschaft.

    Ergo: Wer das Urheberrecht in Frage stellt, der muss unser Wirtschaftssystem an sich in Frage stellen. Kann man ja machen, aber bitteschön nicht selektiv.

    Antwort

    1. Das kann man vielleicht in deinem Weltbild nicht, aber viele haben sehr genau ausdefinierte Positionen, die zwischen einem völligen Dafür oder Dagegen liegen. Gegen das Urheberrecht in seiner jetzigen Form zu sein, kann zum Beispiel heißen, für das Urheberrecht à la Creative Commons zu sein, wo zum Beispiel Weiterverbreitung unter bestimmten Bedingungen und derivate Werke gestattet werden können. Oder auch nicht.

      Antwort

      1. Ich wüsste nicht, dass das geltende Recht einem Urheber verbietet, die Verbreitung seiner Werke an Bedingungen nach CC oder XYZ zu knüpfen. Im Gegenteil: Das Urheberrecht ist Voraussetzung dafür.

        Wer also dem Urheber das Recht entziehen will, selbst über die Verbreitung seiner Werke zu bestimmen, muss das Urheberrecht in seiner grundlegenden Bedeutung abschaffen.

        Antwort

        1. Ups, sorry, da hast du natürlich recht. Da hab ich jetzt mal eben so früh am Morgen was durcheinandergeschmissen. ^^
          Die Umsetzung der Durchsetzung des Urheberrechts (durch die GEMA oder Abmahnanwälte) kritisiere ich auch, keine Frage, aber da das Urheberrecht bei Künstlern in der Größenordnung wie Regener eh durch wirtschaftliche Zwänge meist an das Label abgetreten wurde, kann er nicht wirklich so frei damit agieren. Ein Gesichtspunkt warum eine Änderung des Urheberrechts angebracht wäre, liegt für mich z.B. in der Entwicklung der samplebasierten Musik, die doch zum Spannendsten und Innovativsten gehört, was die letzten Jahrzehnte so herausbrachten.
          Bei der ganzen Retroverliebtheit ‚handgespielter‘ Popmusik stellt sich wiederum z.B. auch die Frage: Was soll da geschützt werden? Die Tonfolgen, die sich vielleicht nur durch einen einzigen variierten Note von einer schon dagewesenen unterscheiden (wenn überhaupt)? Der Glaube an eine noch nie dagewesene schützenswerte Tonfolge zeugt doch von einem sehr verstaubtem Musikverständnis. Ein eigener Sound, an dem jahrelang rumgefeilt wird, digitale Überarbeitung, Remixen – darin steckt doch heute oft mehr Innovatives und mehr Kreativität als in einer Tonfolge. Da erscheint es doch etwas beliebig, letztere auch noch heute als schützenswertes Herausstellungsmerkmal herzunehmen.
          Ich habe dazu noch keine fest abgeschlossene Meinung, dazu ist das Thema auch viel zu ausufernd. Aber ich weiß genug darüber, dass es mit einem simplen ‚es gibt nur Dafür oder Dagegen‘ nicht getan ist.

          Antwort

  2. Mal abgesehen davon, dass auch hier noch zu sehr Urheberrecht und Verwerterrecht durcheinander gehauen wird, gibts in der hier benutzten Ausdrucksweise noch ne andere begriffliche Unschärfe.:
    In Deinem Beitrag oben las ich u. a.
    „Ich finde es nicht gut, dass immer öfter DJs das mehrfache dessen verdienen was ein Bandmitglied verdient.“

    Ich bitte doch, hier eher auf „bekommt bezahlt“ oder „nimmt ein“ (weitere den tatsächlichen Fakt weit genauer beschreibende Formulierungen gibts zu Hauf) abzustellen als gerade „verdient“.

    Warum: Neben vielen wohl eher doch fleißig arbeitenden Betriebsresourcenverwaltern
    gibts dann auch noch gierschlündige „Spitzenmanager“. Letztere erhalten übertrieben mehr Geld, als sie tatsächlich verdienen. Die Reinigungsfachkraft verdient auch weit mehr, als sie tatsächlich bezahlt bekommt.
    Mal nebenbei bemerkt.

    Das Urheberrecht ist lt. deutschem Gesetz nicht verkeufbar, aber ich kenne – obwohl ich nicht in die Szene gehöre – genügend Leute, die in der Anfangsphase ihres Schaffens den Vertrieb durch die GEMA angstrebt haben. Mit der Folge, ihre eigenen Schöpfungen eben nicht mehr verwerten (sprich frei spielen) zu können, ohne bei der GEMA dafür selber mit „’ner Handvoll Geld“ „Bitte bitte“ machen zu müssen.

    Das Problem ist, dass schon die verwendeten Begriffe diese Unsauberkeit hervorrufen.
    Ich bin durchaus für Urheberrecht. Ich würde sämmtliche Verwerterrechte abschaffen, und definieren, dass die Tätigkeit des Verwerters eine reine Dienstleistung desselben gegenüber dem Künstler ist, der diese Dienstleistung, so er sie in Anspruch nimmt, auch zu bezahlen hat. Aber mit dem Recht als Urheber, die tatsächlichen Dienstleistungskosten notfalls auch exakt und nachprüfbar aufgeschlüsselt zu bekommen, bevor er sie bezahlt.
    So würde m.E. ein wirklich Paar Schuhe draus.

    Antwort

  3. Ich denke auch dass Regener in einigen Punkten ein wenig am Ziel vorbeisteuert. So z.B. bei der Aussage „das Einzige was den Rock n Roll ausmacht, ist dass wir jeden Cent selbst damit verdienen“. Das finde ich auch problematisch. Das kann den Anschein erwecken, es ginge ihm mehr ums Geld als um die Kunst/ die Musik.
    Eines muss aber auch deutlich gesagt werden. Es ist mindestens genauso indifferenzierter Kitsch und pseudo-revolutionäres, idealistisches Gerede, immer wieder zu betonen, auf das Geld im Kunstbetrieb sei doch geschissen. Klar macht man weiter, auch wenn das Geld nicht stimmt. Natürlich geht es einem in erster Linie um die Haltung! Um den Spirit und die eigene Musik, die eigene Kunst. Alles selbstverständlich! keine Wiederede.
    Aber irgendwann muss in dieser Kapitalistischen Welt etwas rumkommen mit der Kunst, der Musik, ansonsten kann die Kunst in zeitgemäßer Form nicht existieren. Als Künstler/Musiker braucht man körperliche Energie und geistigen Freiraum um etwas von Wert zu schaffen (hiermit meine ich von künstlerischem Wert). Es mag sein, dass es einige Künstler gibt, die trotz Erfolglosigkeit und 500 Jobs über 10 Jahre weitermachen und irgendwann erfolgreich sind, und das ist auch super so! Aber: Ich würde gerne einmal sehen, wie viel Musiker / Künstler an mangelnder Wertschätzung ihrer Form der Arbeit zugrunde gegangen sind, verrückt geworden sind oder zumindest nicht einen Bruchteil dessen an der Gesellschaft ändern haben können, von dem was sie wollten. Und ich würde gerne sehe, wie diese Welt aussehen wird, wenn kritischen Künstlern noch weniger Wertschätzung (vor allem finanziell) entgegengebracht wird. Unsere Welt wird höchstwahrscheinlich einfach in unreflektiertem, purem Materialismus und Kapitalimus ausarten. ich weiß es nicht- Ich wüsste aber keinen Grund warum der Künstler sich einer Bezahlung verweigern sollte!

    Wenn man eine Passion für eine Sache wie Kunst hat, diese aber durch die Gesellschaft nicht gewürdigt wird, oder das Gefühl aufkommt, dass „die Leute auf einen pissen“, weil sie für eine Vintage Sonnenbrille 80 Euro + zahlen, einen guten Song aber eher Streamen als zu kaufen, wo ist dann die Wertschätzung? Wo, wenn man sich dafür rechtfertigen muss, 2 Euro bis 5 Euro Eintritt für ein Konzert zu verlangen? Da kann ich auch nur fragen: was ist das für eine Einstellung?! Das bringt mich ebenso zur Weißglut.

    Solange wir im Kapitalismus leben, muss auch für Musik/Kunst bezahlt werden. Es ist hierbei die Frage: wie macht man das im Internet Zeitalter. Ich bin ebenso nicht der eiserne Verfechter der alten Formen wie GEMA oder Ähnlichem. Ich feiere auch nicht den finanziellen Erfolg eines Pop/Rockstars ab, im Gegenteil. Es muss an einem neuen System gearbeitet werden um geistiges Eigentum/ Musik/ Kunst zu finanzieren. Es muss eine Bezahlung gewährleistet sein, solange wir im Kapitalismus leben. Immer wieder auf der „realness“ der Armut eines Künstlers oder dessen eisernen Willens zu beharren, bringt uns faktisch nirgends hin, als dass FDP und CDU weiter regieren, da diese Menschen nicht so nachlässig mit ihrer gesellschaftlichen Position/mit ihrem Geld umgehen wie der vergötterte „untergrund-künstler“. Und wahrscheinlich können wir als Künstler/Musiker in dieser Beziehung sogar noch von den Spießern lernen. Nur so lässt sich etwas an der Gesellschaft verändern, denn die Finanzelite ist am Drücker und wir spielen ihnen perfekt in die Hand, uns auf eine Untergrund Rolle zu reduzieren. Gute Künstler wie Morrissey oder Lennon und viele andere wollten eine Gesellschaftliche Veränderung obwohl es ihnen zuallererst um Musik ging – Wichtig: es besteht (das tut den idealisten jetzt weh) kein Widerspruch darin, „echte“ Kunst zu machen, und dabei finanziell über die Runden zu kommen. Vielmehr ist Geld als Wertschätzung wichtig, um sich einen künstlerischen/gedanklichen Freiraum zu bewahren !

    In einem gewissen Grad muss man auch als extremer Außenseiter noch mitspielen im Spiel, oder eben extremes, extremes Glück haben. Dieser gewisse Grad ist das Überleben, ist nunmal faktisch die Kohle.

    Auch wenn er im Wortlaut und der Spezifik teilweise altbacken ist: Ich denke darum geht es Regener.

    Antwort

    1. Da ist sie wieder, diese ‚irgendwann muss doch was dabei rumkommen‘ Haltung. Nö, muss nicht. Manche machen halt einfach nicht die Sorte Musik, bei der was rumkommt. (Siehe z.B. der Abschiedsbrief von AIDS Wolf, den ich verlinkt habe.) Und das sag ich nicht zynisch, sondern nur realistisch – wenn keine Leute Geld dafür ausgeben wollen, dann kann ich sie nicht dazu zwingen. Mir bricht es auch jedes Mal das Herz, wenn ich eine für mich besonders großartige Band veranstalte, und da grade mal 50 Leute auf’s Konzert kommen. Keine Frage.

      Ich sehe es keineswegs so, dass sich Geldverdienen und Musik aus Leidenschaft/Idealismus machen, ausschließen müssen – keine Ahnung, wie Du darauf kommst. Ich hab doch geschrieben, dass ich auch nichts dagegen hätte, von meiner Musik leben zu können, oder soviel finanziellen Freiraum zu haben, überhaupt mehr Zeit meiner Musik widmen zu können. Aber ich wäre nie so unverschämt und würde das einfordern und die beschimpfen, die nicht für meine Musik zahlen. Warum sollte ich mehr Anrecht darauf haben davon leben zu können, wie jemand anders? Deswegen ja mein Zitat von wegen gesichertes Mindesteinkommen für alle. Nicht nur für den Künstler als schützenswerte Kreatur.

      Und sorry – ich lese aus Regeners Text, dass da einer, der jahrelang erfolgreich auf einem Majorlabel unterwegs war, jetzt beschwert, weil’s nicht mehr so gut läuft und deswegen seine potentiellen Käufer beschimpft. Und das finde ich unverschämt.

      Was anderes: Was ist denn bitte ‚echte‘ Kunst?

      Antwort

  4. Hallo eve massacre!

    Leider war ich schon länger nicht mehr im Blog unterwegs und habe erst jetzt gesehen dass Du micht im oberen Post zitiert hast. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Du meinen Kommentar komplett übernehmen würdest, bzw. nicht aus dem Zusammenhang reißen würdest.

    Dann fällt auf das mein Vergleich nicht hinkt und nur aussagt, das für eine gewisse Leistung – wenn ich Diese beanspruchen möchte – ein gewisses Entgeld verlangt wird, welches der Verkäufer erstmal vorgibt. Ist mir das zu teuer, oder gefällt mir die Leistung, das Produkt, das Brötchen nicht, wird der Verkäufer kein Geschäft mit mir machen.

    Danke für Dein Verständnis.

    Antwort

    1. Kein Problem. Ändert aber nichts an dem Punkt, dass ein Vergleich von Sacheigentum mit dem Urheberrecht hinkt (z.B. wenn der Bäcker das Brötchen verkauft, hat er es nicht mehr. Ein Song dagegen kann unendlich oft digital kopiert werden.)

      Antwort

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