Video-Tag! Egotronic, Beach House, Hot Chip, White Lung, The Flaming Lips feat. Erykah Badu, The Yes Men und #shellfail

Dass ich mal ein Egotronic Video poste, hätte ich mir ja auch nicht träumen lassen. Viel zu stumpfes Suffgerave ist mir das ja normalerweise, mir ist vor allem aber ja ihr viel zu stumpfes Suffprollpublikum unsympathisch. Gerade weil sie aber so ein Publikum haben, ist es zu begrüßen, dass sie diesem pünktlich zur EM-Eröffnung eine Anti-Hymne liefern. Danke, Egotronic.

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BEACH HOUSE – Lazuli

Ein schöner Popsong von BEACH HOUSE, aber leider haben sie etwas von ihrem mystisch-verhangenen Sound verloren und klingen jetzt etwas austauschbarer. Die ganz große Schwermut, die in Songs wie ‚Norway‘ steckte, kommt hier nicht mehr rüber. Der Clip erinnert von der Ästethik her an die guten alten Myspace Zeiten, als wir die Kombination magenta/cyan/grün mit irgendwas Kosmischen liebten. Passt irgendwie zumindest, weil in einem Interview letzthin stand, dass Beach House Myspace auch fehlt. ‚Auch‘ weil es mir genauso geht: Vor allem die 8 Top Friends, die kleine Pforten zu neuen Bands oder möglichen neuen Friends darstellten – dafür gibt’s bis heute noch keinen Social Network Ersatz.
Schade an dem Beach House Clip ist die Rollenaufteilung: weiblich = Bardame oder Frau in der Küche im Kleidchen, männlich = Typ am Tresen oder Junge, der sich auf der Straße rumtreibt. Dementsprechend passt es auch, dass die Frau den Zugang zum kosmischen Dingens beim Kochen im Kühlschrank findet, während der Junge sein kosmisches Dingens betritt, als er sich zum auf ihn wartenden frisch aufgetischten Essen niederlässt. Warum die Frau dann auch noch im kosmischen Dingens auf einem XX Thron sitzt, und der ganze Rest – keine Ahnung, aber ist jedenfalls alles nichts, was den leicht faden altbacken-biederen Beigeschmack entfernen würde. Schade, weil ein Beach House Konzert, auch wenn ich viel zu spät kam, mit zu den bezauberndsten Livekonzertmomenten gehört, die ich letztes Jahr hatte. Genau die Ausstrahlung, die sie da hatten, fehlt mir in diesem Song und Clip.

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HOT CHIP – Night & Day

Wenn wir schon bei kosmischen Dingens in aktuellen Videos sind, warum nicht gleich HOT CHIPs ‚Night & Day‘ anschließen. Musikalisch fällt mein Urteil ähnlich aus wie bei Beach House: Schöner Pop, der aber mit jedem Release mehr an spannender Eigenständigkeit verliert und halt einfach nur schöner massenkompatibler Pop ist. Grade bei Hot Chip deswegen schade, weil sie einst wirklich so frische Sounds in die Elektropopszene pusteten, dass wir immer gespannt auf Neues von ihnen warteten. Die Zeiten sind wohl vorbei. Aber es sei ihnen ja auch gegönnt, wenn sie jetzt eher dafür abgefeiert werden, die neuen Pet Shop Boys zu sein. Es gibt Schlimmeres. Das hier ist jedenfalls eines der Beispiele dafür, dass ein Clip frischer als der Song daherkommt: Ein kosmisches Dingens am Anfang geht gleich in eine wunderbare Tanzszene von Hoodie-Mönchen in einer Bibliothek (yeah, Bibliotheken in Musikvideos – völlig unterbewertet!) über, (irgendwie ’street‘, irgendwie ‚Name der Rose‘) zu denen dann noch ähnlich gewandete Tänzerinnen stoßen, und ein gekröntes Riesenei mit rosa Rüschen wird von zwei halbnackten Typen umtanzt. Ein weißes Burkagespenst, ein Affe mit Hut, Pferde- und Mausköpfige Gestalten und eine kleine Tanzperson mit Einhorndaftpunkglitzerhelm – sehr schön skurril. Aber keine Überfrachtung. Die Dancemoves korrespondieren mit den Raumschiffmoves einer Frau und eines Mannes, die sich aus dem kosmischen Dingens vom Anfang erst der Erde, dann immer mehr der Bibliothek nähern, und als du schon denkst, es geht alles in einem blöden binormativem Happy End mit YingYangDingens auf, crasht selbiges und der Bibliothekschef schmollt. Oder so ähnlich. Toller Clip, der schon ein kleines bisschen sowas leistet, was ich immer mit ‚leichtfüßiger Anarchie des Pop‘ meine.

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WHITE LUNG – Atlanta

Hach. Manchmal tut’s einfach auch ein ganz reduzierter Band-beim-Musikmachen Clip.
❤ WHITE LUNGS.
❤ dass sie im Herbst hierher auf Tour kommen, zum Beispiel am 1. Oktober nach Erlangen.

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ERYKAH BADU und THE FLAMING LIPS – Western Esotericism

Ich habe diese Woche den Fehler begangen, diesen Clip zu verteidigen, als ich ihn zuerst sah. Bevor Erykah Badu sich davon distanzierte. Der Stein des Anstoßes war das Video zu einem Song, den Erykah mit den Flaming Lips zusammen aufgenommen hatte. In ihm war vermeintlich Erykah nackt zu sehen: mit Glitter, der ihren Körper herunterrieselt und mit Blut- und schließlich Spermaverschmiertem Körper.

Die Kritik ging in Richtung ‚objektifizierte nackte sexy schwarze Frau in Clip mit/für/von ein paar weißen Männern und Spermadusche‘. Ich empfand es nicht als Objektifizierung, weil sie – im Gegensatz zu zahllosen anderen Clips mit fast nackten Frauenkörpern – hier eine Stimme hatte, und nicht bloße Deko war. Also konnte bei mir das Ganze noch als mit ein bisschen Artsiness angereichertes körperbejahendes Statement der Künstlerin durchgehen, vor allem, weil es ja neben der Szene mit dem Sperma auch die mit dem Blut gab, die sich auf alle Fälle eher als Menstruations-/Placenta-bezogen sehen ließ denn als Shaming/’Carrie‘-Schweineblutszene-Bezug.

Ziemlich bescheuert kam mich mir vor, als ich tags drauf las, dass sich Erykah Badu mit diesem Statement gegen den Clip wehrte, und die Geschichte etwas anders abgelaufen war:  Erykah wollte sich für den Clip nicht in eine andere Flüssigkeit als Wasser setzen, aber ihre (‚more liberal‘) Schwester Narok tat es, und im Clip sollte später auch ganz klar zu sehen sein, dass es Naroks nackter Körper und nicht der von Erykah war. Außerdem wurde ihnen wohl gesagt, dass von den Nacktszenen in dieser Form wegen Green Screen Edits eh in der finalen Version kaum mehr etwas zu sehen sei. Der Clip aber, den Wayne Coyne von den Flaming Lips ohne ihre und die Einwilligung ihrer Schwester an Pitchfork und ähnlich große Outlets zur Weiterverbreitung geschickt hatte, war so geschnitten, dass: a) es aussah, als sei es Erykahs Körper, und b) der nackte Körper mit den Flüssigkeiten der Hauptbestandteil des Clips war, und das sehr detailliert.

Coyne entgegnete auf den abschließenden Satz (‚Kiss my glittery ass‚) von Erykahs Statement auf Twitter völlig unberührt mit einem Foto, auf dem er Glitter auf den Lippen hat und den Satz „I kissed it! Thanx!“ postete, und dann noch „Yes, nice ass!„. Spricht für sich, wa‘?! Und macht folgendes späteres Statement nicht gerade sympathischer:

“To all the haters who think Erykah Badu has lost her mind!!! She has NOT!!! The Flaming Lips take full responsibility .. For the making of and the content of the controversial video !!! We are very sorry if it has offended some of Erykah Badu’s more Conservative audience! The video was intended for mature audiences and is NOT an Erykah Badu statement.. It is a Flaming Lips video!!!”

Seltsame Antwort – kein Wort der Entschuldigung an Erykah Badu drin. Keinerlei Einräumen, dass er das Ding gegen ihren Willen veröffentlicht hat. Trotzdem – wie könnte es anders sein -: Soweit ich gelesen habe, scheint sie im medialen Echo eher als die Frau wegzukommen, die es im Nachhinein bereut, aber doch selber schuld sei, weil sie sich ja ausgezogen hätte. Dass es ihre Schwester war, checken viele schon mal nicht, und das wirklich Essentielle schon gleich gar nicht: Ob ihr die Macht über die Bilder genommen wurde, die von ihr veröffentlicht worden sind. Stattdessen wird in ihrer Entscheidung, sich auf die Nacktheit einzulassen, das Problem gesehen.
Ach ja, und Pitchfork, eh eins meiner Hassmedien, hat’s auch mal wieder ganz toll hingekriegt, nicht etwa eine Schlagzeile wie „Flaming Lips release nude clip against Erykah Badu’s will“ zu schreiben, sondern – ganz klar Team FL – sie als Zicke hinzustellen: „Erykah Badu is super pissed at the Flaming Lips…„.

Dass die Flaming Lips eine lange Geschichte von Frauen objektifizierenden bis hin zu Frauen erniedrigenden Clips haben, war mir vorher noch nicht bewusst, daher danke für die folgenden Links, die mir die Band jetzt endgültig versaut haben. Sind sie halt doch nur alternde geilsabbernde Indiegreise.
vimeo.com/38193715
vimeo.com/11396029
vimeo.com/15250000
Wenn Erykah Badou diese Clips kannte, weiß ich ja wiederum nicht, was sie und ihre Schwester erwartet haben, als sie sich auf eine Zusammenarbeit einließen. Ist aber auch völlig egal, denn das Problem bleibt die Veröffentlichung gegen ihren Willen.

Und wenn das Ganze ein konstruierter Skandal war um mehr Promo zu kriegen, hat er prima funktioniert, aber ich hab keine Lust, dauernd so zynisch sein zu müssen, dass ich sowas annehme.

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THE YES MEN – YES LAB UND DIE #SHELLFAIL AKTION


Was auf alle Fälle ein gut konstruierter Fake ist, und zwar einer der richtig gelungenen, bei dem Amüsement, Betroffenheit und Nachdenken ziemlich nah beisammen liegen: Gestern machte dieser Clip von einer Privatparty zur Eröffnung von zwei neuen arktischen Bohrinseln von Shell die Runde, bei der ein Malheur passierte: der als Bohrinsel dekorierte Schnapsbrunnen mit einem braunen Drink (Rum-Cola?) leckte, sprühte einer alten Dame braune Flüssigkeit ins Gesicht und war nicht mehr zu stoppen…

Kein Wunder, dass das Ding sofort viral ging, z.B. auf Twitter unter dem Tag ‚#shellfail‘, denn symbolgeladener könnte eine PR-Aktion kaum nach hinten losgehen. Dieser wunderbar verwackelte Stunt kam aus dem Hause YES MEN, um kritische Aufmerksamkeit für die Pläne von Shell zu schüren, in der Arktik zu bohren. Das Lachen bleibt dann auch zumindest kurz im Halse stecken, wenn du den heute releasten ‚Make Of‘ Clip ansiehst, und erfährst, wer die 84jährige Lady ist:

Wem die YES MEN etwas sagen, die oder der kann sich schon denken, dass sie es nicht bei einem einfachen youtube-Clip belassen. Bei Gawker zum Beispiel ist zu lesen, dass Shell die Leute hinter dem Stunt verklagen will – aber als sie bei Shell nachfragten, wussten die nichts davon.
Und diese großartige Website gehört auch noch zu dem ganzen Stunt:
www.arcticready.com
Darauf gibt es sogar eine Kinderecke mit dem prima Spiel ‚Angry Bergs‘.
Als erstes bin ich übrigens über Bilder von einer angeblichen neuen Shell Kampagne daraufgestoßen, hier und hier, die gestern auf twitter kursierten.

Danke, jedenfalls, an’s YesLab, für eine sehr gelungene Aktion!
Und hier noch ein Link zu einer Petition, die sie damit unterstützen.

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