Sexarbeit in TV Serien – Deadwood, Firefly und True Blood

btw-sexarbeitIn einem Text zum neuen Beyoncé Album schreibt die britische Feministin Laurie Penny im New Statesman:

 

„Mehr als alles andere ist Beyoncé eine Künstlerin des Marktes. Sie würde niemals ein Album veröffentlichen, für das ihr Publikum nicht in maßgeblicher Weise bereit ist, und die Mainstreamwelt, die Dance Pop hört, war hierfür bereit. Sie war bereit für ein Album über Feminismus und sexuelles Selbstvertrauen und eine Sorte Mitgefühl, dass dich auf deine Füße reißt und dich anfangen lässt Schönheitskultur zu kritisieren und dann durch die Straßen zu ziehen und Polizeiautos anzuzünden in einer irrsinnig glamourösen Version des Black Blocks.“ (Übersetzung von mir)

Dass der Pop-Mainstream nichts herausbringt, von dem er nicht zu wissen glaubt, dass die breite Masse dafür bereit ist, lässt sich gewiss auch von der Welt der Fernsehserien auf HBO oder Fox sagen. Aus diesem Gedanken heraus fand ich es auch interessant, für die ‚Sexarbeit‘-themed Dezembersendung von ‚Gender. So What?‘ auf Radio Z ein Pop-Thema zu wählen, nämlich sich die Darstellung von Sexarbeit in ein paar TV-Serien ein bisschen näher anzugucken. (Das hier ist die Textversion des Radiobeitrags.) Dafür möchte ich zwei Bälle aufnehmen, die von der Frankfurter Allgemeinen und dem Missy Magazine aufgeschlagen wurden: Sexarbeit in ‚Deadwood‘ und ‚Firefly‘.

In der FAZ stellt Volker Zastrow seinen Standpunkt klar: „Prostitution ist ein anachronistischer Überrest der Unterdrückung von Frauen. Sie ist Missbrauch, dem man nicht zu Leibe rücken kann, indem man ihn umtextet, rhetorisch normalisiert.“ Zur Verbildlichung zieht er die HBO-Serie ‚DEADWOOD‘ heran.

Es ist die Geschichte der Goldgräberstadt Deadwood in den 1870er Jahren, als es vom Goldgräbercamp zur Stadt wuchs. Die Hauptidee der Serie ist laut Produzent David Milch das Entstehen einer Gesellschaft aus dem Chaos heraus indem sie sich um ein Symbol herum (in der Serie ist das das Gold) organisiert. Darum werden verschiedene Themen, neben Prostitution und Frauenfeindlichkeit auch Einwanderung, Rassenhass, Drogen und die Entstehung des amerikanischen Kapitalismus angerissen. Es ist eine Western-Serie, die recht unverschönt Geschichte aus der Perspektive von Losern schreibt, voller Dreck und Gewalt.

Zu den Verliererinnen dieser Ära gehören die Prostituierten, die zentrale Rollen in der Serie einnehmen. Sie sind nicht die strahlenden Federboaschönheiten, die wir aus traditionellen Western kennen, sondern sind schmutzige, gelangweilte Frauen, denen Gewalt widerfahren ist und die wissen, dass ihnen weiterhin jederzeit Gewalt zugefügt werden kann. Keine Spur von Glamour, keine Spur von freiwillig gewähltem Job, nein, eher eine Geworfenheit in ein Schicksal, das durch die Position in der Gesellschaft quasi vorgezeichnet ist. Die Frauen des Gem, eines der Deadwood Bordelle, wurden von dessen Besitzer aus einem Waisenhaus abgekauft, in dem er selbst als Sohn einer Prostituierten aufgewachsen war. Mit Joanie und Trixie gibt es gleich mehrere Sexarbeiterinnenfiguren, die als eigenständige Charaktere in Deadwood tragende Rollen einnehmen. Es gibt Selbstermächtigungsversuche, aber Joanies Versuch ein eigenes Bordell aufzumachen scheitert ebenso wie Trixies Schritt in einen Job jenseits der Sexarbeit. In der FAZ hält es Sarkow für ein Argument, dass sich in der Rezeption der Serie über die Rollen der Frauen aufgeregt wurde:

„Es wurde ja nicht nur die Entrechtung von Frauen in Szene gesetzt, sondern auch die von Chinesen, Schwarzen, von Behinderten, von Grubenarbeitern. Niemand in Deadwood ist vor Gewalt sicher, die Ermordeten, denen man kein Begräbnis gönnt, werden den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, die Verbrechen bleiben ungesühnt. Auch darüber hätte man sich aufregen können. Tat aber keiner. Vielleicht, weil es vorbei ist. Die Unterdrückten sind frei. Die Menschenrechte sind garantiert. Es gibt diese Greuel nicht mehr. Bis auf die Prostitution.“

Davon abgesehen, dass ich das insgesamt für etwas naiv halte, weil ‚Prostitution‘ in der Form von Menschenhandel und Vergewaltigung gewiss nicht das einzige in Deadwood angerissene Greuel ist, dass noch gibt, ist mir wichtig, dass er bei all seiner Aufregung über Prostitution als unmoralischer frauenfeindlicher Akt per se die Selbstermächtigungsakte der beiden von mir erwähnten Figuren übersieht. Es lässt sich durchaus sagen, dass Sexarbeit, der Frauen selbstbestimmt nachgehen, in Deadwood in Form eines von Frauen selbstgeführten selbstgewählten Bordells durchaus als möglicher positiver Ausweg vorgestellt wird. Ein Ausweg der aber – und darin, das in aller Brutalität auszuführen ist DEADWOOD wirklich großartig – ein Ausweg, der aber nicht funktionieren kann, solange die Ideologie und die herrschenden Verhältnisse der Gesellschaft sich nicht ändern. Das ist nämlich er eigentliche Punkt, der bei DEADWOOD gemacht wird: Nicht, dass Sexarbeit ausschließlich Menschenhandel und Vergewaltigung bedeutet, sondern dass selbstbestimmte Sexarbeit an der Form der Gesellschaft wie sie in DEADWOOD dargestellt wird, nicht möglich ist.

Die Redaktion des Missy Magazine hatte die schlagfertige Idee in einem Gegenartikel zu Zastrow eine andere TV Serie wegen ihrer Darstellung der Sexarbeit heranzuziehen: FIREFLY.

FIREFLY spielt in der Zukunft, 2517 um genau zu sein, und es ist ein Space Western, eine Science Fiction Utopie, in der ganz pioniersmäßig die Menschen ein neues Sternensystem besiedeln. Die Hauptfiguren stehen auf der VerliererInnenseite eines Bürgerkriegs, und führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft, die aus der Allianz besteht, einer Supermacht, die westliche und fernöstliche Kultur vereint. Sie überleben mit Schmuggeldiensten auf einem Raumschiff namens Serenity, dass der Firefly-Klasse angehört – daher der Serienname. In dieser Serie gibt es eine Figur die sowas wie eine ideale Form der Sexarbeit praktiziert: Inara Serra, ein ‚Companion‘. Die Missy schreibt:

Warum wurde „Firefly” damals als feministische Serie gefeiert? Schließlich zeigte Joss Whedon Frauen darin nicht nur als Wissenschaftlerinnen oder Waffenspezialistinnen, sondern auch als Prostituierte. Vielleicht lag es daran, dass die „Companions”, wie SexarbeiterInnen in „Firefly” heißen, keine unterdrückten und misshandelten Frauen waren. Sondern angesehene hochausgebildete Expertinnen, die unter anderem auch in Schwertkampf, Kalligraphie und Psychologie glänzen mussten. Die die Regeln ihrer Arbeit selbst bestimmten – etwa, welche Klienten sie annehmen wollten. Prostitution, wie sie auf der vormaligen Erde existierte, war längst abgeschafft, ersetzt von der staatlich anerkannten „Companion’s Guild”, die ihre eigenen Regeln schuf. So durfte kein Haus je von einem Mann geleitet werden, die Ausbildung in den einzelnen Häusern war umfassend geregelt und beinhaltete Tanz und musische Bildung ebenso wie akademische Fächer. Frauen wie Männer wurden hier ausgebildet, Frauen wie Männer bedienten KlientInnen beiden Geschlechts. Wer ein Mitglied der Gilde je respektlos behandelte, wurde für immer auf eine schwarze Liste gesetzt und könnte nie wieder die Dienste einer Companion in Anspruch nehmen.

So lässt sich über FIREFLY festhalten, dass hier eine Form der Sexarbeit in einer zukünftigen ‚besseren‘ Gesellschaft entworfen wird, die das Argument von GegnerInnen, dass Prostitution immer frauenfeindlich und menschenunwürdig sei, entkräftet und damit auch die Trennung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit in ihrer Wichtigkeit unterstreicht.

Ich möchte noch ein drittes Beispiel nennen, wie Sexarbeit in einer aktuellen TV Serie dargestellt wird, und zwar in TRUE BLOOD, einer Serie in der Vampire sich durch Massenproduktion von künstlich hergestelltem Menschenblut outen können und für ihre Gleichberechtigung als Teil der Gesellschaft eintreten. In der Rezeption wird das gern als Anspielung auf den Kampf um LGBT*-Rechte gesehen, nicht zuletzt weil die Serie auch Wortspiele aus dem LGBT*-Kontext verwendet, z.B. wird dort aus dem christlich-homophoben ‚God Hates Fags'(‚Gott hasst Schwuchteln‘)-Spruch hier ‚God Hates Fangs‘ (‚Gott hast Fangzähne‘) wird, oder ‚breeder‘ (Brüter als Ausdruck für Heteros) zu ‚breather‘ (also: die Atmenden).

Ein Vampir, die im Laufe der Serie von einer Neben- zu einer Hauptfigur wird, ist Pam, Pamela Swynford De Beaufort. Bevor sie zum Vampir wurde, war sie Mitte des 18. Jahrhunderts Bordellchefin in San Francisco. Im Gegensatz zu den Menschen in DEADWOOD, denen kein Ausweg aus ihren Klassen und kaum einer aus ihren Geschlechterrollen möglich ist, kam Pam nicht aus einer Zwangslage heraus zur Sexarbeit. Im Gegenteil: Pam wuchs als Kind wohlhabender Eltern auf und langweilte sich in der höheren Gesellschaft. Sie hatte zahllose Affären, und als bisexuelle Femme die ihre Sexualität frei und ungehemmt ausleben wollte, führte ihr Weg zwangsweise aus der lustfeindlichen höheren Gesellschaft hinaus. Sie wurde Bordellchefin. Auch ihre Entscheidung Vampir zu werden war selbstbestimmt: Sie schlitzte sich die Pulsadern auf und stellte damit einen Vampir, mit dem sie eine Freundschaft verband, vor die Wahl sie sterben zu lassen oder zum Vampir zu machen. In ihrem Vampirleben lernen wir sie in der quasi-Gegenwart dann als Besitzerin von Fangtasia kennen, eines Nachtclubs, einem erotisch-aufgeladenen Treffpunkt für Vampire und Menschen, die sich zu Vampiren hingezogen fühlen: ‚Fangbangers‘, wie sie moralisch abwertend von der konservativeren Bevölkerung genannt werden.

Ein weiterer Charakter in True Blood bedient sich zeitweise der Sexarbeit: LaFayette, schwuler Koch, Medium und Drogendealer, verdient nebenbei auch noch durch Sex und eine Sexcam-Website Geld, mit dem er u.a. für die Kosten der Klinik für seine Mutter aufkommt. Die Droge, die er vercheckt, ist Vampirblut, das Menschen in kleinen Dosen high macht, und das er im Tausch gegen sexuelle Dienste von einem Vampir bekommt. Wie Pam im 18. Jahrhundert als Frau, die ihre Sexualität offen auslebt, zur gesellschaftlichen Außenseiterin wird, wird LaFayette es in einer Südstaaten-Kleinstadt der Gegenwart durch seine offen ausgelebte Homosexualität. Beide sind also schon bevor sie zur Sexarbeit kommen gesellschaftliche Outlaws, wodurch sich beide aber keineswegs in eine Opferrolle drängen lassen, sondern der Stigmatisierung durch die Gesellschaft eher ein „Fuck You“ entgegenwerfen. Sie werden beide als starke charismatische und leidenschaftliche Charaktere skizziert, sowohl was das selbstbewusste Ausleben ihrer Sexualität anbelangt, als auch das Eintreten für Menschen, die ihnen nahestehen; und beide zeichnen sich durch eine großartige Prise schlagfertigen schwarzen Humors aus. Die Sexarbeit wird hier als freiwillig eingegangener Handel dargestellt, bei dem sie selbstbestimmt agieren und selbst entscheiden mit wem sie was tun.

Soweit diese kurz angerissenen drei Beispiele, in denen sich bei genauerer Betrachtung verschiedene Ansätze zur Verbesserung oder Idealvorstellungen davon finden, wie die Bedingungen für Sexarbeit aussehen könnten oder was falsch läuft. Bei Deadwood, in einer historischen Annäherung, scheitern die Ansätze an den brutalen patriarchalisch-kapitalistischen Verhältnissen. Bei Firefly, in einer Zukunft in einer anderen Galaxie, bekommen wir utopische gesellschaftliche Verhältnisse vorgestellt, in denen Sexarbeit sogar als relativ hoch angesehener Job gilt, der nicht nur auf die sexuell-körperliche Ebene reduziert wird, sondern zu dem auch eine psychologisch-betreuende Ebene gehört. Bei True Blood, in einer parallelen Fantasy-Gegenwart bekommen wir die Sexarbeit als etwas präsentiert, das selbstbestimmt ausgeübt werden kann. Das Problem kann hier eher in der Stigmatisierung des Auslebens von nicht-heteronormativen Sexualvorstellungen gesehen werden, das die Betroffenen gesellschaftlich ausgrenzt und dadurch automatisch in die Nähe eines kriminalisierten Milieus rückt.

Abschließend möchte ich noch einen Punkt ansprechen, an dem sich die derzeitige Diskussion um Sexarbeit gern aufhängt: Die Frage nach der Freiwilligkeit, der freien Wahl als Kriterium. Diese hat in unseren drei Beispielen nur die Sexarbeiterin der Zukunft in einem utopischen Gesellschaftsentwurf. Deadwood zeigt letztlich wie nicht nur die Sexarbeiterinnen, sondern alle Menschen in einem hyper-patriarchal-kapitalistischen Umfeld Zwängen unterworfen sind, denen sie nicht entkommen. True Blood gibt uns Figuren, die durch ihre Sexualität bereits von den Moralvorstellungen der Gesellschaft in ein Außenseiterdasein gedrängt wurden, von dem aus der Schritt zur Sexarbeit kein großer mehr war. In keinem der Fälle träge ein Sexarbeits-Verbot zu einer Verbesserung der Situation der Betroffenen bei. In allen Fällen wird das deutlich, was wir bei der aktuellen Diskussion um die Sexarbeit nicht vergessen sollten: Die ‚freie‘ Wahl gibt es nicht, sie ist immer an sozio-ökonomische Bedingungen gekoppelt. Diese sozio-ökonomischem Bedingungen zu verbessern sollte also, wenn wir uns auf den Weg zu einer Utopie machen wollen, statt einer partiellen Verbotskultur unser großes Anliegen sein.

Queer Ally For The Straight GQ – mein Problem mit der #Mundpropaganda Kampagne

(via many-sexuals-so-edgi-wow tumblr)

via many-sexuals-so-edgi-wow tumblr

Vor ein paar Tagen hat das deutsche GQ Magazin eine Kampagne namens ‚Mundpropaganda‚ gestartet. Es handelt sich dabei um eine Fotoserie von sich küssenden männlichen Hetero-Berühmtheiten. Viele meiner schwulen Freunde scheinen die Kampagne zu mögen. Manche weil sie es sexy finden. Manche weil sie sie als Verbündete empfinden. Wie so oft werde ich mal wieder die Spielverderberin sein.
Lasst mich einen Satz aus dem GQ Editorial herauspicken um zu erklären warum:

„Sich küssende Heteros – dieser Mut ist absolut männlich.“

Dieser Satz sollte es klar machen: Dies ist kein GQ-Willkommensgruß für Schwule sondern es geht bei der Aktion um gefakte gleichgeschlechtliche Küsse als heroischer Akt von heterosexuellen Männern. Vielleicht war die Intention eine andere, oder vielleicht zielt GQ darauf ab, Schwule als Zielgruppe einzukassieren ohne tatsächlicher schwuler Sexualiät Raum zu geben, oder sie wollten einfach bloß eine medienwirksame rührselige soziale Konflikt-Sache für die Weihnachtsausgabe haben. Mir ist die Intention herzlich egal, für mich zählt das Resultat.

Dass sie es zu einem Hauptstatement der Aktion gemacht haben dass es Männer Mut kostet einander zu küssen ist das ‚No Homo‘ dieser Kampagne. Auf den ersten Blick mögen die Bilder erotisch erscheinen, aber die sie umgebenden Texte und der ‚Making Of‘ Clip tragen die deutliche Botschaft: „Es ist echt hart für uns, das zu tun, aber wir haben unseren Ekel überwunden um Solidarität mit euch zu zeigen – sind wir nicht toll?“ Es wird so explizit betont, dass die Küsse fake, also falsch, unecht sind, dass es diese Küsse selbst des bloßen Schattens von schwulem Verlangen beraubt. Die Interviews sind dazu da, dass die Küssenden sagen können, wie schwer es für sie war, in dieser Art solidarisch zu sein und dass sie viel lieber Frauen küssen. Der ‚Making Of‘ Clip zeigt wie manche von ihnen vor Lachen halb zusammenbrechen als sie versuchen sich zu küssen, usw. Partiell ist das ganze gefährlich nah dran schwule Sexualität als abstoßend und unnatürlich zu redämonisieren, egal ob sie eigentlich das Gegenteil bewirken wollten. Umgeben von all diesem Gerede über die Gefaktheit werden die eigentlichen Bilder zu einem zutiefst desexualisiertem Bro-Ding. Dadurch trägt der Kuss letztlich mehr dazu bei, die Heterosexualität der Küssenden zu reaffirmieren als tatsächlich der homoerotische Protest zu sein, den sie erzeugen wollten. (Für mehr zu diesem Phänomen empfehle ich „Bro-Porn: Heterosexualizing Straight Men’s Anti-Homophobia“, von Tristan Bridges und C.J. Pascoe).

Ich weiß nicht, ob GQ die Idee von der tatsächlich existierenden kreativen Protestform der queer Kiss-Ins hat. Da sind oft ’straight allies‘ (‚heterosexuelle Verbündete‘ klingt nicht so schön, also belass ich’s lieber beim englischen Begriff; ebenso wie beim Titel dieses Beitrags sehe ich da keinen Sinn in einer Übersetzung) dabei. Es ist nicht so, dass es für gleichgeschlechtliche Heterosexuelle, grundsätzlich immer eine schlechte Idee ist, als Protest gegen Homophobie miteinander rumzuknutschen, aber wenn sie dabei sofort auch markieren, dass sie nicht wirklich homosexuell sind, dann ist das ein klares Zeichen dafür, dass hier gleichgeschlechtliches Verlangen nicht respektiert oder gar sich darüber lustig gemacht wird. Außerdem könnte es kontraproduktiv sein, es zu nur zu tun um von queeren Leuten Applaus zu bekommen.

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via pourmecoffee twitter

Ich versuche mal, nicht nur zu rumzukritisieren, sondern auch ein wenig Queer Ally For The Straight GQ zu spielen: Wie hätte diese Kampagne aussehen müssen, damit sie mir taugt? Im besten Fall hätte sie sich um queer-inklusives sexy Küssen gedreht, und mit ‚queer‘ meine ich: alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen. So dass Leute die Bilder ansehen und keinen Unterschied festmachen können, sondern als Eindruck nur das Küssen als süßer sinnlicher erotischer Akt zwischen allen möglichen Menschen bleibt. Wenn ihr es auf ‚Fake-Küssen‘ einschränken müsst, warum dann nicht auch eine lesbische Frau die einen schwulen Mann küsst neben diesen Heterotypen abbilden? Wenn ihr keine Frauen mit reinnehmen wollt, weil es ein ‚Gentlemen’s‘ Magazin ist, warum nicht wenigstens schwule oder Trans*-Männer unter die Heteromänner mischen? Das absolute Minimum aber wäre gewesen: Wenn ihr nur Heteromänner dafür zeigt, dann markiert sie NICHT auch noch als solche.
Um es in Celebrities auszudrücken: Es ist ein wenig wie der Unterschied zwischen George Clooney und Jake Gyllenhaal. Beide wurden oft gefragt, ob sie schwul seien, beide sprechen nicht gern über ihr Privatleben. Gyllenhaal macht es aber sehr klar, dass er nicht schwul ist und fügt noch eine ‚Titten und Ärsche‘ Bemerkung hinterher, in einem nicht ganz so schönen ‚echte Männer sind sexistisch‘ Beweis. Clooney dagegen sagt, er würde niemals behaupten nicht schwul zu sein, weil er damit Schwulsein als etwas kennzeichnen würde, von dem er das Bedürfnis hätte sich zu distanzieren, etwas Negatives, und das fände er nicht respektvoll der Gay Community gegenüber. In diesem (zugegebenermaßen ziemlich-hinkenden aber Clooney-in-einen-Blogpost-einzubauen-schadet-nie) Vergleich steht die ‚Mundpropaganda‘ Kampagne ganz offensichtlich viel weiter auf der Gyllenhaal-Seite der Dinge.

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GENTRIFICATION IS REAL via sophfierce twitter

Anderer Kerl, ähnliche Sache: Macklemore. Ich habe erst so richtig realisiert wie wenig ich den großen Macklemore Hit ‘Same Love’ ausstehen kann, als ich hörte, wie Angel Haze den Song für sich eroberte:

Ihre Version (hier die Lyrics) ist um so vieles ermächtigender. Manche Versuche ein Straight Ally zu sein lassen keinen Raum in dem tatsächlich homosexuelle Menschen gehört werden könnten. Sie können Queers auf die Position verdammen, die sich engagierenden Heteros aus der Ferne zu begehren und/oder ihnen zu applaudieren für… – nun ja, im GQ Fall, wenn du drüber nachdenkst: letztlich dafür öffentlich hetero-männliche Abscheu vor männlich-gleichgeschlechtlichem Küssen auf’s neue festzuzementieren. Wenn ein oft übelst homophobes Blatt wie die BILD auf meiner Seite ist, oder der Playboy sich mit dem Posten eines misogyn-lesbophoben Bildes zweier sich offensichtlich für den männlichen Blick küssenden Frauen kontert, und beides freudig auf der GQ Website als Zeichen dafür geteilt wird, wie gut die Kampagne läuft, dann zeigt (gentle)man ja ziemlich deutlich, wie unwichtig ihm die Positionierung gegen Diskriminierung wirklich ist.

In “Why We Should Care How Straight Allies Benefit From Their Support” fragen Tristan Bridges und C.J. Pascoe:

Wieviel Anerkennung verdient Macklemore für sein Coming Out als Straight Ally? (Und er lässt uns wissen, dass er hetero ist, erwähnt es zu Anfang des Songs, dass er schon immer Mädchen geliebt hat.)“ [Übersetzung von mir]

Sie vergleichen die Situation mit dem ‚Wirtschaftssystem der Dankbarkeit‘ (‘economy of gratitude’), das es oft bei Heteropärchen gibt:

In ihrer Untersuchung fand (Ariel) Hochschild heraus, dass Ehemännern oft mehr Dankbarkeit für das Mitmachen bei Hausarbeit entgegengebracht wurde als Frauen. Das heißt, bei Männern wurde sich subtil – aber systematisch – für ihre Hausarbeit ‚über-bedankt‘ und das in einer Weise, die ihren Ehefrauen nicht zuteil wurde. Dieser einfache Fakt, argumentierte Hochschild, war viel folgenschwerer als es zunächst erscheinen mochte. Es war ein indirekter Weg Männer symbolisch darüber zu informieren dass sie sich an einer Arbeit beteiligten, die von ihnen nicht verlangt wurde. Tatsächlich haben wir eine ganze Sprache für die Teilnahme von Männern an Hausarbeit, die Hochschilds Ergebnisse bestätigt. Wenn Männer etwas übernehmen, sagen wir, dass sie ‚aushelfen‘, ‚einspringen‘ oder ‚babysitten‘. Diese Begriffe erkennen ihre Arbeit an, aber rahmen gleichzeitig ihre Teilnahme als ein ‚Extra‘ ein – eher als eine fürsorgliche Geste als eine Verpflichtung.

Wir würden sagen, dass etwas ähnliches mit männlichen Straight Allies passiert. Wir alle sind daran beteiligt, die Arbeit an der Gleichheit so zu definieren als wäre sie nicht ihre Sache, indem wir ihnen zuviel Dankbarkeit erweisen, genauso wie Hausarbeit als ‚keine Männerarbeit‘ definiert wird. Indem wir diese ‚mutigen‘ Männer in Machtpositionen (racial, sexual, gendered, und machmal auch classed) für ihre Anerkennung loben, sagen wir zu ihnen und zu anderen: Das ist nicht euer Job, also danke, dass ihr in Sachen Gleichheit ‚aushelft‘.
[Übersetzung von mir]

Tristan Bridges und C.J. Pascoe schließen daraus warnend:

Lasst uns nicht Anti-Homophobie zum Äquivalent von ‚Babysitting‘ für Väter und Aktivismus zur de facto ‚zweiten Schicht‘ für marginalisierte Leute machen. Die Bewegung für Gleichheit sollte in der Verantwortung aller liegen und ein Auftrag für alle sein.

Ein weiterer Punkt, der mir bei dieser Kampagne in den Kopf kam, ist dass GQ indem sie so eine Kampagne auf die Schwulen-Community mitausrichten zu einer bereits existierenden Kluft zwischen Schwulen und Lesben beitragen. In der Welt von GQ, einem Männermagazin, das für eine stylishe Sorte Frauenfeindlichkeit steht, die mich ein wenig an old school James Bond erinnert, existieren Heterofrauen fast ausschließlich als das fickbare Andere und lesbische Frauen existieren eigentlich gar nicht.

Ich folgte einem Twitterlink zu einer anderen GQ Story, die inzwischen gelöscht wurde: Eine Geschichte, in der ein Mann uns erzählt, dass er die Sorte Kerl ist, der jede Frau kriegen kann und sich deshalb als neue Herausforderung vornimmt, eine Lesbe zum Hetero zu bekehren. Das gelingt ihm dann wohl auch vier Seiten später. (Ich hab nur den Anfang überflogen und das war ganz und gar so wie du es dir vorstellst: Frauenfeindlich, Stereotypen davon wie Lesben aussehen, und der Anspruch dass Lesben nur Heterofrauen seien, die noch nicht von Mr. Right gefickt worden sind.) Als die ersten Zeichen eines Social Media Shitstorms aufkamen, nahm GQ diese Geschichte vom Netz, und zwar mit dem Argument sie sei schon älter und würde nicht mehr ihre Einstellung repräsentieren. Inzwischen haben sie sogar ein Interview mit der lesbischen Aktivistin Yelena Goltsman online. PR Disaster vermieden? Scheint so.

Natürlich ist die GQ Kampagne nicht in erster Linie eine Werbekampagne für das Magazin, aber die Übergänge sind dieser Tage fließend und ich sehe Parallelen zu einem gewissen Typ von Werbung, die Sozialkritik benutzt. Nimm zum Beispiel die #whipit Pantene Werbung, die sich um geschlechterspezifische Doppelmoral dreht:

Die Botschaft ist: „Don’t let labels hold you back. Be strong and shine.“ Nun, so lange das nicht auf die Art von ’shining‘ anspielt, die mit Frauen zu tun hat, die Jack-Nicholson-mäßig mit einer Axt hinter den Labels her sind, die sie zurückhalten, kann ich nicht wirklich sehen, wie ‚Glänzen‘ gegen geschlechterspezifische Doppelmoral helfen soll. Einer der Kommentare auf youtube oder facebook dazu war: „Verkaufe dein Produkt indem du deinen angestrebten Markt davon überzeugst, dass du mehr darin investierst zu gefühlsmäßig aufgeladenen, global relevanten (…) Problemen etwas beizutragen, als darin für dein Produkt Werbung zu machen.“
Oder nehmt die ‚Beauty Sketches’ Dove Werbung, ein echter Tränendrüsendrücker:

Beachte dabei, dass Dove genauso wie Axe Teil von Unilever ist, was ein recht nettes Konzept ergibt: Zerstöre die Egos von Frauen mit Axe-Werbung und bau sie dann mit Dove-Werbung wieder auf. Ein Erfolgsrezept seit vielen Jahren. Ich glaube, es ist recht einfach zu sehen, wie der Aspekt der Sozialkritik durch solche Kontexte der Bedeutung entleert oder sogar lächerlich gemacht wird.
Genauso ist bei ‘Mundpropaganda’. Stell es dir als auf Viralität hin produzierte Kampagne vor ein Männer-Lifestyle-Magazin zu verkaufen. An Männer, die Gay Rights unterstützen und an Schwule, aber möglichst ohne die konservativen Heteromänner unter der Leserschaft zu vergraulen.
Wenn sie über Homophobie schreiben, schaffen sie es irgendwie Frauen dabei völlig rauszuschreiben, einfach indem über sie nicht geredet wird. Sie sprechen über Homophobie als beträfe diese nicht auch Frauen und TI*-Leute. Lasst uns auch nicht vergessen, dass es die Sorte Magazin ist, die auf einen gewissen Typ von Mann zielt: Maskulin, selbstsicher, erfolgreich, stylish. Nicht-so-maskulin aussehende, sich benehmende, denkende Männer oder Trans*-Männer sind nicht Teil der GQ Welt. Diese ist so unqueer wie’s nur geht: Eindimensionale heterosexuelle Maskulinität.

Das findet Anklang bei bzw wird sogar als Idealbild von manchen schwulen Männern angestrebt, nicht zuletzt weil das negative Stigmatisieren von ’schwul‘ mit Weiblichkeit verbunden ist. ‚Schwul‘ als Schimpfwort kann meist einfach ‚wie ein Mädchen‘ ausgetauscht werden. Das Stereotyp des ‚weibischen‘ Schwulen ist etwas, womit viele schwule Männer fürchten verglichen zu werden, und vielleicht sind die Fitnessstudio-besessene Muskelschwulenszene ebenso wie die heteronorm-angepassten konservativen Schwulen auch eine Reaktion auf diese Art von Homophobie.
Queere Menschen gibt es aber nun mal in allen Formen und Größen und Farben und aus allen Klassen. Das war eine Stärke der Queer Community und sollte es auch bleiben. Kampagnen wie ‚Mundpropaganda‘ können die Kluft zwischen erfolgreichen weißen Männern und dem Rest der LGBTBI* Community vertiefen. Wie Mykki Blanco sagte: „Homophobie kommt von Misogynie, dem Hass auf Frauen. Wenn du die Verbindung zwischen Homophobie und Frauenhass nicht siehst, bist du blind.“
Also, meine lieben egal-wie-auch-immer-sich-als-männlich-definierenden Brüder, wenn GQ sagt, „dieser Mut ist absolut männlich“ bitteschön hört auf brav die Fotos dieser Heterotypen anzusabbern, sondern sagt stattdessen: „Suck my left one! Jede queer-feministische Lady da draußen hat mehr Mut gezeigt und mehr zu meinen Gay Rights beigetragen als eure sich-selbst-auf-die-Schultern-klopfende hetero-exklusive Kampagne!“