WhatsApp und die Vermessenheit von facebook – Gedanken zu Zentralisierung, Alternativen, Vermessung und Macht

Seit Zuckerberg Whatsapp gekauft hat, gab es auf facebook viele Postings, in denen Menschen sich nach Alternativen erkundigten oder herausfinden wollten, welche die populärste App in ihrem Freundeskreis werden würde. Auf diese Postings wurde oft mit einer regelrechten ‚wie dumm und naiv‘ Kommentarkeule eingedroschen, als ob jeglicher Ansatz die App zu wechseln, im Keim erstickt werden sollte. Es fielen Sätze wie: „Wer facebook nutzt, braucht sich um seine Daten eh nicht mehr sorgen“, „Whatsapp war vor der Übernahme durch facebook auch nicht gerade für Datenschutz bekannt, da brauchst du jetzt auch nicht jammern“, „Alles außer [für den Durchschnittsinternetuser kryptische Nerdbegriffe einfügen] bringt eh nix, und das nimmt niemand weil’s zu kompliziert ist“, „Niemand kann garantieren, dass die Alternativen nicht auch früher oder später von facebook oder Google geschluckt werden“, „Der Überwachung kannst du doch eh nicht entkommen, weil Backdoors im Betriebssystem sitzen“, „Für kostenlose Services zahlst du nun mal mit deinen Daten“, „Ich hab ja gottseidank gar kein Smartphone. Früher ging’s auch ohne, ist eh besser.“ Was ihnen gemein ist: Ein oft erstaunlich abfälliger hämischer Tonfall und das Proklamieren einer Auswegslosigkeit und damit einhergehend die Aufforderung nichts zu ändern. Das ähnelt Äußerungen angesichts der Snowden-Enthüllungen, aber die Resignation vor der Massenüberwachung ist verständlicher, weil den Mitteln der Geheimdienste wirklich kaum zu entkommen ist. Eine ähnlich resignierte Haltung gegenüber facebook fällt mir allerdings schwer nachzuvollziehen. Vielleicht liegt es daran, dass die Suche nach Whatsapp-Alternativen manche an frustrierend gescheiterte Ansätze erinnert, den Freundeskreis dazu zu bewegen, zu einer facebook-Alternative umzuziehen, z.B. dem dezentralen Diaspora. Oder wenigstens Twitter.

One does not simply leave facebook

Dass facebook so viel mehr Standkraft beweist als friendster oder myspace liegt sicher nicht darin, dass alle es so lieben, wie es ist: Es gab und gibt stets viel Kritik, die von Echtnamenpflicht über komplizierte und sich immer wieder ändernde Sicherheitseinstellungen bis zum gefilterten Stream reicht. Dass facebook sich so gut hält, liegt eher daran, dass es sehr gut darin ist, Leute zu halten. Nicht umsonst experimentiert facebook die ganze Zeit damit herum, wie es deinen Stream so füllt, dass du möglichst nur Dinge siehst, die dich dazu bringen, möglichst viel Zeit dort zu verbringen, und dabei gleichzeitig die Wünsche der Werbe-Kundschaft zu erfüllen, die Geld in die Kassen bringt. Das Spielerische der Inszenierung deiner Identität, das Myspace noch ermöglichte, und was für viele auch auf Messageboards, Livejournal usw. einer der großen Reize daran waren, sich im Internet mit anderen zu vernetzen, ist bei facebook einer seltsamen Eindimensionalität gewichen, einer Fortsetzung der Community mit der du auch außerhalb des Netzes verkehrst.

Facebooks Mechanismen taugen – obwohl es die Möglichkeiten zum Bruch gäbe – nicht zur kreativen Inszenierung, zum Ausbruch, ja – nicht mal zu längeren Diskussionen. Poetisch-Absurdes wie Weird Twitter oder eine Teen Angst Ästhetik wie tumblrs Soft Grunge entsteht in der strikt durchregulierten Umgebung von facebook erst gar nicht. Echtnamen, echter Job, echter Wohnort. Facebook hat es auch wie kein Social Network vor ihm geschafft, in Bereiche des ‚Offiziellen‘ vorzudringen, die auf früheren Social Networks nicht denkbar waren, z.B. dass neben Firmen selbst viele städtische oder staatliche Einrichtungen Seiten dort haben. Non-profit Organisationen, alles was kreativ ist, sich aber nicht als Produkt verwerten will, hat keinen wirklichen Platz: Entweder es spielt mit und versucht möglichst viele Likes zu ergattern, oder es wird unsichtbar weil seine Postings nicht mehr in den Timelines auftauchen. Lokal und geschlossen statt international und offen – der Reiz des Internets, Fremdes und Fremde zu entdecken, ist bei facebook der perfekten Ausreizung dessen, was du schon kennst gewichen: aus dem was du schon magst und denen die du schon kennst filtert dir facebook eine Timeline und Werbung zurecht, die Vertrautes und auf dich zugeschnittenes Neues bietet, aber dir möglichst alles Fremde, Störende und Negative vorenthält.

Auf ein Beispiel, dass das richtig gut funktioniert, bin ich erst kürzlich in einem Gespräch mit einem Freund gekommen: Ich bekomme in meiner Timeline inzwischen so gut wie nie mehr etwas zum Thema Fußball gezeigt, obwohl ich wirklich mit einigen sehr fußballbegeisterten Menschen befreundet bin. Schöne Sache? Jein. Ja, weil yeah, kein Fußball mehr! Nein, weil es suggestiert, dass ich Macht über meinen facebook-Stream habe, die mir facebook aber eben verwehrt, weil es mich nicht selbst über meinen Stream bestimmen lässt, z.B. indem es mich Filter für Themen setzen ließe, die ich nicht sehen will. So macht es mir nur bewusst, wie einfach sich auch kritische Diskussionen aus Streams rausfiltern lassen.

Felix Stalder erklärt in einem empfehlenswerten Artikel in der Le Monde Diplomatique zu Big Data:

„Aus großen Datenbeständen lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die auf der Ebene der Kommunikation gar nicht existieren. Es lassen sich Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten zukünftigen Handelns ermitteln. Darauf werden Strategien aufgebaut, um diese Wahrscheinlichkeiten zu manipulieren. (…) Repression ist die Ausnahme. Mit großen, gut organisierten Datenmengen lassen sich Menschen steuern, ohne dass ihnen diese Steuerung bewusst wird. (…) Die Daten bieten die Grundlage dafür, die Umgebung, in der Menschen handeln, vorzustrukturieren, bevor sie handeln. Dadurch wird der Eindruck der individuellen Freiheit erhalten, obwohl die Freiheit nur noch darin besteht, aus Optionen auszuwählen, die ein anderer aus eigennützigen Motiven bereitgestellt hat. Amazon, der große Onlinehändler, wird nie ein Buch empfehlen, das er nicht im Angebot hat.“

Eine ähnliche Vorstrukturierung der Welt und wie sie sich auf unser Denken und Handeln auswirken kann, untersucht auch Liam Mitchell in seinem Artikel zu Facebook „Life on automatic: Facebook’s archival subject„, den Rob Horning dankenswerterweise für Cyborgology zusammengefasst und besprochen hat. Horning schreibt: „Somit ist die Gefahr aus Mitchells Sicht … ‚die Veränderung dessen, was wir als gegeben hinnehmen, darauffolgend die Etablierung eines Subjekts, dass nichts mehr außer Browsen tun wird.‘ Soviel zum Verändern der Welt; es reicht, sie durchsuchbar zu machen. … “ Bequemlichkeit und Automatisierung kennzeichnen das archivalische Subjekt, das Mitchell hier als Möglichkeit entwirft.

Wer solche theoretischen Gedanken dazu wie Social Networks und Big Data uns beeinflussen können für paranoid hält, sei versichert, dass z.B. Google bestimmt nicht umsonst mit dem Einkauf von DeepMind in die Forschung zu künstlicher Intelligenz und Deep Learning investiert hat. Das all sowas um so bedenklicher ist, je mehr alle unsere Kommunikationen durch den Rüssel derselben paar wenigen Datenelefanten laufen, sollte klar sein. Dezentralisierung deiner Daten anzustreben, ist durchaus einer von vielen Gründen von WhatsApp wegzuwechseln.

 I’m Your Private Dancer

Nathan Jurgenson und PJ Rey verwenden in „The Fan Dance: How Privacy Thrives in an Age of Hyper-Publicity“ den Fächertanz aus der Burleske als Bild dafür was Privatheit ist, und das nicht nur auf Social Media, sondern auch sonst im Alltag: Den Fächertanz macht nicht der komplett entblößte oder verborgene Körper des Tanzenden aus, sondern das ständige Wechselspiel in dem manches gezeigt und anderes verdeckt wird. Genau so sind Privates und Öffentliches nicht als Gegensatzpaar zu verstehen, sondern funktionieren als ähnliches Wechselspiel. ‚Privatheit‘, dazu wird der frühe Hacktivist Eric Hughes zitiert, ‚ist, die Macht zu haben selbst zu wählen was der Welt gezeigt wird‘. Die beiden Soziologen räumen auch ein Klischee aus: Es gibt Belege dafür, dass diejenigen, die auf facebook am meisten teilen auch diejenigen sind, die am empfindlichsten sind was ihre Privatheitseinstellungen betrifft. Es hat sich auch gezeigt, dass Leute die nicht wirklich wählen können, wem sie was zeigen, Informationen lieber geheim halten. Deswegen sind Debatten um Privacy-Richtlinien für Social Media Seiten nach Jurgenson/Rey kein Kampf für mehr Privatheit um weniger zu teilen, sondern vielmehr mehr Privatheit gefordert, damit wir uns wohl dabei fühlen können mehr zu teilen.

Bei facebook ist meine Kontrolle darüber, was ich zeige und was nicht, gleich an mehreren Stellen gebrochen: Der Stream zeigt nur gefilterte Bruchstücke dessen, was ich zeigen und sehen will (im Gegensatz zu Twitter z.B., wo ich alles ungefiltert zu sehen bekomme). Es gab auf facebook auch immer wieder mal Umstellungen, durch die etwas, was als nur für manche sichtbar eingestellt worden war, plötzlich für alle sichtbar wurde. Komplexe, sich immer wieder ändernde Privatheitseinstellungen. Kein durchsuchbares und löschbares Archiv meiner Daten. Kein Überblick, was von meinen Daten durch Zugriff von Apps, die nicht mal ich selbst, sondern jemand aus meinem Freundeskreis nutzt, weitergegeben wurden. Kein Einblick, was von meinen Daten an Werbekundschaft verkauft wird. Diese Eingriffe und Pannen sind ein Eingriff in die Privatheit, als würde bei einem Fächertanz jemand dauernd die Fächer des Tanzenden wegziehen oder andere vorhalten. Die Gefahr für facebook ist, dass der Tanz an Reiz verliert, wenn die Interaktion mit anderen zu gebrochen erscheint. Wenn die Mechanismen nach denen es funktioniert zu sichtbar werden, dann kippt der Tanz und erinnert eher an die schlaff schlurfenden ausgebeuteten ‚Private Dancer‘ im Tina Turner Clip als an ein lustvolles Spiel.

Facebook gibt sich alle Mühe, das aus unseren Köpfen heraus zu halten. Obwohl alles um eine riesige ständig wachsende Datensammlung kreist, wirkt für uns der Stream mit seiner scheinbaren Augenblickhaftigkeit und Vergänglichkeit seiner Inhalte als das Zentrum von facebook. Aus den Augen, aus dem Sinn. Stell dir vor, wenn Kopernikus daherkäme und dir auf deiner facebook-Seite nicht die Zahlen der Kontaktaufnahmen anderer User entgegenleuchten würden, sondern sowas wie:

„Willkommen bei facebook. Du hast uns bis jetzt schon 587 Bilder deiner Freund*innen und Kinder überlassen, die wir unserem Facetracking unterzogen haben. 16 Apps von Freund*innen von dir hatten Zugriff auf dein Profil, was sie für Einnahmen durch Werbung nutzen werden. Die Analyse deines Freundeskreises hat ergeben, dass du derzeit nicht kreditwürdig bist. Dein zukünftiger doch-nicht-Arbeitgeber hat deine 243 Statusmeldungen über deinen Gesundheitszustand gelesen. Deine Krankenkasse hat deine 523 Essensbilder analysiert und wird dir demnächst Broschüren zur Änderung deiner Ernährungsgewohnheiten schicken. Wir konnten dich dank Messung deiner Verweildauer auf 27 Pages und dem Chat über dein letztes Wochenende 39 neuen Werbezielgruppen zuordnen. Wir bedanken uns und werden dir im Folgenden aus diesen Informationen eine besonders angenehme Timeline und Werbung zusammenfiltern.“

Das wäre eigentlich die Sorte Transparenz, die wir von einem sozialen Netzwerk fordern sollten.

 I just fucking wanted a privacy

Die Perspektive einiger Leute, die sich professionell mit Datatracking auseinandersetzen um sich die Perspektive anderer zu erschließen, entpuppt sich immer wieder mal als ziemlich weit von der ihrer Ziele entfernt. Das zeigte sich auch beim WhatsApp-Kauf von facebook, als in einigen Meldungen zugegeben wurde, noch nie von dieser Messenger-App gehört zu haben. Sam Kirkpatrick erklärt in seinem Artikel über den WhatsApp-Aufkauf zwar dass der Erfolg von WhatsApp im Dark Social liegt, ignoriert aber einen wichtigen Grund dafür, wenn sein Fazit ist, dass doch alle nun wie BuzzFeed einen WhatsApp Share-Button auf ihren News-Seiten anbringen sollten. Für viele Anwendende ist das Tracking so selbstverständlich geworden, dass übersehen wird, dass einer der großen Gründe für Dark Social ist, dass viele Leute einfach nicht getrackt werden wollen.

Es wird gern so getan, als sei das Bezahlen mit Daten für kostenlose Dienste eine Selbstverständlichkeit, als hätten alle Nutzenden explizit und bewusst eingewilligt. Es sollte wieder mal vor Augen geführt werden, dass dem in den meisten Fällen nicht so ist. Im Gegenteil: Es wird meist sogar extra damit geworben, dass etwas gratis sei, aber ohne das irgendwelche daran geknüpften Bedingungen dazu genannt werden würden. Dass du mit deinen Daten zahlst mag sich aus Erfahrung erschließen, basiert aber nicht auf einer expliziten Abmachung, in der z.B. beide Seiten genau festlegen was für Daten wieviel wert sind. Dasselbe gilt für Werbung, und pardon, aber wenn es nie explizit ausgemacht wurde, dass ich mir z.B. für das Lesen eines Artikels zwei Sekunden eine Anzeige ansehen muss, oder ich nicht weiß, wieviel Tracker mich von irgendeiner Website verfolgen, schalte ich doch lieber meine AdblockEdge und Disconnect AddOns ein. Trotzdem erstaunt es immer wieder Profis, wievieles Menschen gern lieber ohne ihre spähenden Blicke tun. Auch der Artikel, mit dem Alexis C. Madrigal 2012 den Begriff Dark Social schuf, ist von Überraschung über den großen Anteil des Social Traffics von dort (56.6% im Vergleich zu 21.6% facebook) gezeichnet und er stellt fest:

„Die Tauschgeschäfte, die wir auf Social Networks machen, sind nicht die, von denen uns gesagt wurde, dass wir sie machen. Wir geben ihnen unsere persönlichen Daten nicht für die Möglichkeit Links mit Freunden teilen zu können. Eine große Zahl von Leuten – eine größere als auf irgendeinem Social Network existiert – tut dies schon außerhalb von Social Networks. Vielmehr tauschen wir unsere persönlichen Daten für die Möglichkeit das was wir teilen zu publizieren und archivieren. Das mag eine Transaktion sein, die du machen willst, aber es dürfte nicht die sein, von der dir gesagt wurde, dass du sie machst.“

Es ist also vielen Menschen nach wie vor ein Bedürfnis auch in digitaler Form nicht-öffentlich zu kommunizieren. So banal das klingt, es ist vielen zentralen Figuren im Datamining nicht so klar wie denen, die ihre Dienste nutzen. Sein tiefes Unverständnis für das Bedürfnis nach Privatheit, könnte sich zum Beispiel bei Mark Zuckerberg noch als seine Achillesferse entpuppen. „Du hast nur eine Identität“, betonte Zuckerberg nicht umsonst gleich drei Mal in einem einzigen Interview mit David Kirkpatrick schon 2010: „Die Tage, in denen du für deine Arbeitsfreunde oder Mitarbeiter und für die anderen Leute, die du kennst, ein verschiedenes Image hast, werden wahrscheinlich ziemlich bald vorbei sein.“ Er fügt hinzu: „Zwei Identitäten für dich selbst zu haben ist ein Beispiel mangelnder Integrität.“ Michael Zimmer, von dessen Blog ich das zitiert habe, kritisiert diese Haltung verständlicherweise heftig, und erklärt:

„Individuen regeln und begrenzen den Informationsfluss ununterbrochen basierend darauf in welchem Kontext sie sich befinen, wechselnd zwischen Identitäten und Rollen. Ich präsentiere mich anders wenn ich im Klassenzimmer lehre, als wenn ich mit Freunden ein Bier trinken gehe. (…) So navigieren wir die vielfältigen und zunehmend komplexen Bereiche unserer Leben. Das heißt nicht, dass du so tust, als wärst du jemand, der du nicht bist, vielmehr drehst du die Lautstärke von ein paar Aspekten deiner Identität lauter, und nimmst andere etwas zurück, basierend auf dem jeweiligen Kontext, in dem du dich befindest.“

Kein Wunder, dass WhatsApp mit seinem Image des Respekts vor Privatheit Zuckerbergs Messenger den Rang ablief. Das Image von facebook ist das einer Plattform für öffentliche Nachrichten in die breite Runde, und die Nutzer*innen sind sich meist dessen bewusst, dass Vertrauliches dort nicht gut aufgehoben ist. Whatsapp kam dagegen ohne komplizierte Privatheitseinstellungen daher und ohne das Filtern deiner Nachrichten und Fotos für Werbekundschaft, kurz: perfekt um mit einem engeren Kreis oder Einzelnen zu kommunizieren. Den Unterschied in der Nutzung hält auch Sam Kirkland fest: „Facebook users broadcast content widely; WhatsApp users target content narrowly. Users of Facebook discover content …; users of WhatsApp receive it.“

Dass es WhatsApp, obwohl es datensicherheitstechnisch ähnlich problematisch wie ein facebook Messenger ist, gelang, ein Image der Sicherheit und des Respekts vor Privatheit zu suggerieren dürfte unter anderem auch daran liegen, dass die App eher als Nachfolger von Telefon/SMS empfunden wird, also eher vom privaten Bereich her gedacht wird, und nicht vom öffentlichen World Wide Web her. WhatsApp hat genau an der stagnierenden SMS-Weiterentwicklung angesetzt und eine Lücke gefüllt, als vielen die SMS-Gebühren zu teuer wurden. Das erkennen inzwischen auch Mobile Service Anbieter an: „Ein Service wie WhatsApp ist, um ehrlich zu sein, etwas worauf wir hätten selber vorher kommen können und sollen,” sagt Orange’s Richard. „Wir sind fest entschlossen aufzuholen.“ Dass WhatsApp demnächst dann auch noch zum Mobilfunkanbieter wird, dürfte ein Schritt sein, der auch noch ‚konservativere‘ SMS-User dazu gewinnt.

Dass WhatsApp werbefrei läuft und verspricht, die Daten seiner Nutzer*innen nicht weiterzuverkaufen (hier sei nach dem facebook-Aufkauf ein Hüsteln gestattet), ist ebenfalls Aspekt mit dem der Messenger Vertrauen gewann. Werbung ist in Zeiten von Big Data ein Signal für das Unprivate, wenn nicht gar Unseriöse geworden. Und die gefühlte Privatheit, das Aufbauen eines Images, das Sicherheit vermittelt, spielt bei so etwas eine größere Rolle als die tatsächliche; da können technische Fakten noch so viel von Lücken in der Sicherheit erzählen. Das mit Dummheit zu begründen, greift zu kurz, denn es ist durchaus zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, weil es wenige vertrauenswürdige Informations-Instanzen gibt, und das Wissen um gekaufte Testergebnisse und Besprechungen sich breit gemacht hat. Die Technik selbst ist so komplex, dass sie die meisten nicht mehr selbst auf Sicherheit hin überprüfbar ist.

Facebook hat was die mobilen Messenger anbelangt, die Image-Hürde nicht geschafft. Als Plattform des öffentlichen Austauschs und Archivs ist es nach wie vor breit akzeptiert, aber eben als eine Plattform, der die Datengier ins Gesicht – pardon: in die Benutzeroberfläche geschrieben steht. Dass Zuckerberg das erkannt hat, dürfte einer der Gründe dafür sein, dass sie Whatsapp als ‚unabhängige‘ (auch hier nochmal ein die Anführungszeichen verstärkendes Hüsteln) App weiterlaufen lassen.

All the single Lokis

Whatsapp dürfte neben Paper und Instagram für die neue Stoßrichtung facebooks stehen: Da es nicht gelang, das mobile Netz unter dem facebook-Banner zu erobern, dann eben indem gezielt bestimmte Interessengruppen mit einzelnen Apps, die alle ihre ganz eigenes Image haben, angesprochen werden. Das Vordringen in den mobilen Bereich mit einzelnen für verschiedene Zielgruppen zugeschnittenen Diensten ist bei aller lauter Kritik zur WhatsApp-Übernahme erfolgsversprechend. Wenn Apps unter ihrem eigenen Namen weiterlaufen, sind sich die User weniger bewusst, dass sie facebook gehören. Das mag fürs Branding nicht so gut sein, aber die Daten landen ja letztlich doch alle in facebooks Händen; und durch den Kauf die ganzen Nutzer*Innen der Services samt ihrer Nutzungsdaten mitzuübernehmen sorgt für neuen Schwung in der Nutzerstatistik. Die Handynummern der Whatsapp-User lassen sich dann ja über kurz oder lang auch so mit ihren facebook-Daten zusammenführen.

Es bleibt natürlich durchaus interessant und erfreulich zu sehen, wie schnell der Ruf von facebook abfärbt und innerhalb kürzester Zeit auf Twitter und facebook nach Alternativen zu Whatsapp gesucht wurde, und selbst Medien wie der Stern über eine verschlüsselte Messenger-App wie Threema als mögliche Alternative berichtet. Trotzdem ist anzunehmen, dass viele bei der bereits genutzten App bleiben, seie es aus Resignation, sei es aus Faulheit. Sam Kirkland beschwört aus der Übernahme von WhatsApp die düstere Vision: „Das größte Social Network könnte auch zum größten Player in Dark Social werden.“

Tom McKay vertritt die Theorie, dass facebook in erster Linie wegen seiner Präsenz in Sachen Fotos an WhatsApp interessiert ist. Und da hat es wahrhaft beeindruckende Zahlen: McKay spricht von 500 Millionen Fotos die am Tag über WhatsApp verschickt werden, während facebook selbst ’nur‘ 350Mio. und Instagram 55Mio. melden kann. Für die Foto-Theorie spräche auch der gescheiterte Versuch Zuckerbergs Snapchat zu kaufen, eine App mit der durch Fotos und Videos kommuniziert werden kann, die für die Empfänger nur bis zu 10 Sekunden sichtbar sind, bevor sie sich selbst wieder löschen. Snapchat hatte Ende letzten Jahres auch schon 400Mio Bilder pro Tag. Eine App, deren Erfolg auch für den Wunsch nach der Möglichkeit zu vertraulicher digitaler Kommunikation spricht.

Es scheinen nicht alle eingelullt zu sein, sondern es besteht ein Bedürfnis nach privateren digitalen Kommunikationsvarianten. Die Frage ist, ob facebook und ähnliches uns schon so weit zu einem Verhalten nach „Bequemlichkeit und Automatisierung“ erzogen haben, dass wir nicht mehr flexibel und entschlussfreudig genug sind, um Apps und Dienste zu wechseln und darauf zu achten, sowohl sichere als auch dezentralere Dienste zu nutzen, und auch unseren Bekanntenkreis darauf anzusprechen. Ich denke jedenfalls, um noch mal auf die hämisch Abwinkenden, die ich eingangs erwähnt habe, zurückzukommen, dass das Bemühen um Privatsphäre und Datenschutz gerade derzeit nie belächelt oder sarkastisch abgetan werden sollte. Facebooks WhatsApp-Übernahme ist nur eine von vielen bedrohlichen Entwicklungen, die unsere Freiheit und Sicherheit im Netz einschränken könnten. Für Leute, die sich schon länger mit dem Thema befassen, mag es ein alberner und viel zu später Anlass sein, um sich einen anderen Messenger zu suchen, aber es ist immerhin überhaupt ein Schritt und es hat ein Interesse geweckt. Ich würde mir wünschen, dass statt zu Sarkasmus und Belächeln wieder mehr zu Erklärungen und Tipps gegriffen wird, damit immer mehr von uns nicht nur wissen wie und wozu sie eine App oder einen Dienst benutzen, sondern uns auch bewusster wird, wie und wozu wir dabei benutzt werden. Wenn nicht gleich die sicherste gewählt wird, mag das bei den meisten einfach daran liegen, wieviele ihrer Kontakte welche App wählen. Denn die sicherste App nützt nichts, wenn du mit niemandem darüber kommunizieren kannst. Hier ein paar Empfehlungen von Digital Courage. Bei mir sind derzeit Threema und Telegram installiert. Und wenn diese Alternativen auch irgendwann aufgekauft werden sollten, dann ziehen wir eben weiter und suchen uns neue. Auch wenn Google und facebook euch das Gegenteil erzählen: Einem vielfältigen lebendigen Netz tut es nur gut, wenn nichts zu statisch und zentralisiert wird.

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