Wiebusch, der deutsche Macklemore

Wiebusch macht einen Versuch, zum deutschen Macklemore zu werden und platziert rechtzeitig vor der WM diesen Song und ein neues Album. Echte deutsche Jungens sind dem Stereotyp nach auf der Gefühlsebene am besten über Fußball zu erreichen, und praktischerweise ist das ja einer der Bereiche, der sich ebenso gern anti-homophob, anti-rassistisch und anti-sexistisch gibt wie es Fans, Spieler und das ganze Business drumrum sind. Super-Kombi: Wiebusch setzt nun also auf Fußball-Bro-Culture-Pathos und die Emotionaliät eines Coming Outs, ach was sag ich, DES Coming Outs des Erretters, und feiert das im Heldenpathos: Ein Mann muss sich outen, dann ist das schnell alles für den Rest ganz easy. Genau wie mit dem Rassismus, den es laut diesem Song im Fußball ja auch nicht mehr gibt. Very funny. Not.

Was ich davon halte, wenn Heteros Queer Culture für ihre Zwecke melken, während im strukturell genauso homophoben Deutsch-Indiepop auf gleicher Ranghöhe mit sowas wie Wiebusch bezeichnenderweise kein Platz für einen queeren Künstler*in ist, die selbst einen Song zum Thema bringen könnte oder würde, habe ich ja schon in aller Breite in meinem Beitrag zur GQ-‚Mundpropaganda‘-Aktion erläutert. Ebenso, warum wir auf diese Art Bezeugungen verzichten können, bei denen sich weiße Hetero-Männer für möglichst viel Publicity gegenseitig dafür auf die Schultern klopfen, wie unfaßbar fucking tolerant sie sind, ja, ganz von sich selber gerührt, ohne zu checken, dass genau diese Kultur das Problem stärkt, vom dem sie sich so stolz abheben wollen. Mit der ganzen Wortwahl in dem Song (Mut, Feigheit, Stolz, wie oft kommt ‚Freiheit‘ vor?, der ‚verschworene Haufen‘, der zusammenhält in Mackerpose, usw.) würden nicht nur zufällig Freiwild oder die Onkelz auch ganz gut fahren. Auch musikalisch ist das Teil ja nicht soweit weg davon.

Hätte ja echt gedacht, dass mir Wiebusch zu egal ist, als dass ich noch jemals Worte über seine Musik verlieren würde, aber das hier ist halt echt zu armselig. Er wird aber sicher hart abgefeiert werden für diesen Song. Sowas funktioniert. Bleurgh. [/RANT]

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6 Kommentare

  1. Finde deinen Kommentar nicht besonders stichhaltig oder fair argumentiert. Ganz grundlegend ist die hier angewandte Standpunkttheorie mal wieder völlig überzogen eingesetzt. Am meisten scheint dich nicht aufzuregen, was Wiebusch in dem Song sagt, sondern was er ohne sein eigenes Verschulden ist oder was du ihm als bestimmende Identitätsmerkmale unterstellst (weiß, hetero, „männlich“). Ich habe bisher noch kein vernünftiges Argument gehört, warum Leute die von bestimmten Unterdrückungsmechanismen (in diesem Falle Homophobie) nicht betroffen sind, darüber grundsätzlich erstmal die Fresse halten sollen, und warum ein queere(r) Künstler*in automatisch eine höhere Kompetenz und Berechtigung hat, dies künstlerisch zu verarbeiten. Davon mal abgesehen gibt es mit Sookee offenbar eine Rapperin, die diese Nische gar nicht mal so unerfolgreich besetzt.

    Auch der Rest der Kritik geht ins Leere und vielleicht solltest du den Text des Songs an einer entscheidenden Stelle nochmal verinnerlichen: Fortschritt wird nicht dadurch erreicht, dass soziale Gruppen mit ihrem Kampf alleine gelassen werden, sondern dass sich möglichst viele Menschen, die von der Unterdrückung nicht betroffen sind, mit ihnen SOLIDARISIEREN. Historisch gesehen wurden die meisten emanzipatorischen Errungenschaften (Frauenwahlrecht, Ende der Apartheid, etc.) nicht durch unreflektierte Identitätspolitik, sondern durch Kooperation mit dem gesellschaftlichen Mainstream oder mit aufgeklärten Teilen der Elite erreicht.

    Deswegen ist es auch nicht verkehrt, dass Wiebusch fußballaffine Jugendliche / junge Männer anspricht. Die Fußballstadien sind jeden Samstag packevoll und wem wäre damit, geholfen wenn emanzipatorische Bewegungen, sich aus diesen gesellschaftlichen Räumen heraushalten würden? Ob man Fußball mag oder nicht, ist dabei egal.

    Und mit den Onkelz oder Freiwild, hat der Song musikalisch wirklich gar nichts am Hut.

    Antwort

    1. zu Bell

      Solidarität von WEIßEN HETEROSEXUELLEN MÄNNERN, die sich dafür im Gegenzug für total dufte halten? So eine „Solidarität“ meinst du?? Kann ich gut drauf verzichten. Geh mir weg damit!

      Wenn ich die Wahl habe, ob uns diese Leute hassen, was ja der absolute Normalfall ist, oder ob sie uns umarmend erdrosseln mit verlogener Toleranzkacke, dann wähle ich lieber den Normalfall. Das ist wenigstens ehrlich, und nimmt uns nicht noch zusätzlich den Raum. Ich brauche keine WEIßEN HETEROSEXUELLEN MÄNNER, die eine stinkende Schleimspur auskotzen, einen nicht vorhandenen Fortschritt behaupten und diesen dann gleich für sich reklamieren.

      Über WEIßE WICHSER könnte ich von morgens bis abends nur KOTZEN, KOTZEN, KOTZEN!!! Wer nicht weiß, wie er als Ally aufzutreten hat, der kann uns komplett gestohlen bleiben. Da fühle ich persönlich nur noch HASS. Ehrlich, ganz gewaltigen HASS!!!

      Und das ist gut so.

      Antwort

  2. zu bell: schön zusammengefasst.besser hätt ichs nicht schreiben können.

    zu antibro: wenn ich deinen kommentar lese, wird mir echt klamm und beengt ums herz.dir gehts wohl echt nicht gut in deinem leben.schade.aber fortschrittliche menschen dafür zu hassen, dass sie über die gesellschaft, ihren eigenen stand in dieser etc. reflektieren oder gar aktiv werden…puhh.das ist harter tobac.wie soll sich deiner meinug nach etwas ändern auf der welt? egal in welchem bereich? wie sollen menschen lernen? das ist immer eine entwicklung.dein hass hilft da sicher nicht weiter und das ist auch sicher nicht „gut so“.

    Antwort

  3. Es macht mich traurig dies hier zu lesen. 45 Jahre Kampf für einen Platz in dieser Gesellschaft, 45 Jahre hinterfragen ob man wirklich richtig liegt. Immer wieder Selbstzweifel ob man tatsächlich nicht selber falsch liegt. In den letzten Jahren Hoffnung in dieser bigotten Gesellschaft (sei es der schwule Außenminister aus einer konservativen FDP oder der Integration über Leistung bei der Nationalmannschaft). Endlich wird eine der letzten großen Bastionen erklommen, endlich landet das Thema Fußball und Homophobie auf der Tageskarte.
    und Fußball könnt ihr gerne ersetzen durch Feuerwehr, Landjugend und dergleichen. Ich weiß nicht wie groß eure Schnittpunkte mit diesen Gruppen sind, vermutlich marginal und eher auf konfrontativer ebene.
    Ich weiß doch wie es bei mir selbst war. Die Wut der Teenagerjahre staut sich an, die Feindbilder klar und die Flamme brennt möglicherweise bis ins Studium. Nur wenn man danach in die Gesellschaft entlassen wird, dann bricht dieser mühsam aufgebaute Elfenbeinturm zusammen. Man bekommt einen anderen, nicht theoretischen Blickwinkel, wie diese Gesellschaft funktioniert. Dennoch ist das Feuer nie erloschen. Ich bin froh über jeden wie Wiebusch, der seine Position ausnutzt um uns Gehör zu verschaffen, wo doch Stimmen in diesem Zeitalter so schnell verstummen. Und wie Wiebusch zu allem steht hat er schon vor Jahren gesagt

    Hetero, männlich, weiß, hurra – ich werd‘ nicht unterdrückt,
    Auf jeden Fall nicht so wie die anderen. Nennt es Zufall oder Glück.
    Und schlau genug, um am Leben zu sein,
    Bezahlt dafür, dagegen zu sein.
    Du sagst: ich soll nur einmal sagen, wofür ich bin.
    Verdammt, sieh genauer hin.

    Ich bin dafür daß Max Goldt den Nobelpreis gewinnt,
    Dafür, daß Juliet Binoche einen Oscar bekommt.
    Für ein besseres Leben der Hausfrau am Ende der Straße.

    Peinlich, wenn man sagt, wofür man ist.
    Peinlich, wenn man sagt, wofür man ist.
    Weil ihr es alle selber wisst.

    Ich meine: keiner kann mehr eine Utopie formulieren,
    Ohne sich lächerlich zu machen.
    Und ich kann schlauen Köpfen nicht mehr zuhören,
    Ohne loszulachen.
    So voller Moral, ohne Moralisieren, geht das?
    und wenn es geht, wer versteht das?

    Ich bin dafür, daß wir uns mehr als nur einmal verstehen,
    Daß wir zusammen Charlie-Chaplin-Filme sehen.
    Für einen Humor, der den Wahnsinn kompensiert,
    Und dafür, daß Bayern zuhause verliert.

    Peinlich, wenn man sagt, wofür man ist.
    Peinlich, wenn man sagt, wofür man ist.
    Weil ihr es alle selber wisst.

    Antwort

    1. Glaub mir, über eine rebellische Jugendphase, als die du meine Haltung abtun willst, bin ich doch schon ein paar Jährchen hinaus. Dementsprechend zeigt dein Kommentar nur genau das, um was es mir geht: Queersein wird bestenfalls geduldet, so lange es nicht aneckt, so lange es unauffällig und konservative bleibt, so lange es in einer Dankbarkeitshaltung für all die Toleranz verharrt.

      Antwort

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