Oh Noes! Nicht noch ein Artikel über die Krautreporter!

Es ist faszinierend, was in den letzten Tagen aus der Crowdfunding-Aktion der Krautreporter für ein Wirbel geworden ist. Viele der großen Medien haben es aufgegriffen, zahlreiche Blogs kommentiert und auf Twitter und facebook ging und geht es auch rund. Da sich Krautreporter aus eher bekannteren Journalisten und – ja: auch ein paar -innen – zusammensetzt, die den Onlinejournalismus als kaputt bezeichnen und mit Pathos zu seiner Rettung antreten, sind die Erwartungen hoch und es wird neugierigst durchleuchtet, was da entstehen soll. Mit der Kritik wurde bisher eher mäßig umgegangen, von Fans kam alsbald die Befürchtung, dass dieses Herumkritisieren das zarte Pflänzchen kaputtmachen könne. Es wurde gar Welpenschutz gefordert.

Wenn das Pflänzchen so zart wäre, dass es vor ein paar kritischen Worten einknickt, dann wäre es sein Geld nicht wert.

Die Kritiken, die ich gelesen habe, sind weder besonders hart noch überraschend angesichts der Prominenz. Und schon gar nicht ist Kritik schlecht für ein junges Projekt, das ja selbst sagt, dass es in einem dialektischen Ansatz mit seinem Publikum wachsen will. Letztlich ist kritisches Feedback immer auch eine Art Kompliment an die Sache: Krautreporter wird ernstgenommen. Davon abgesehen war das Gros des Feedbacks, dass ich mitbekommen habe, entweder positiv oder Kritik mit der Anmerkung, das Projekt trotzdem unterstützenswert zu finden und gespendet zu haben.

Das wiederum verwundert mich, denn dafür was für professionelle und durchaus auch passionierte Journalist*innen da im Team sind, kommt die Präsentation enttäuschend unausgereift und farblos daher. Statt inhaltlich und strukturell konkreten Vorstellungen und einer knackigen Vorschau anhand von Beispielen kommen Videoporträts eines Teams aus Journalisten, die eigentlich ganz gut unterkommen sind in ihrer Branche; Videos voller großer vager Worte über Qualitätsjournalismus, der sich seinen finanziellen Fesseln in der Werbung entledigen will. Von Biss, Diversity und klaren Vorstellungen und Beispielen davon wie ihre Version des Zukunftsjournalismus aussehen soll keine Spur.

Es fühlt sich wie ein journalistischer Ableger der LOHAS Bewegung an, dessen Zielpublikum Geld ausgibt für Nachhaltigkeit, Fair Trade, und das Gefühl zu etwas vage Gutem beigetragen zu haben.

Wohlfühlen dadurch, die Welt mit dem ausgegebenem Geld irgendwie ein kleines Stück besser gemacht zu haben und irgendwo dazuzugehören. Die Community-Ebene als Äquivalent zum Fokus auf Regionalprodukte. Dem LOHAS ist auch zu eigen, dass er mit einer Verbesserung des Ist-Zustands zufrieden ist, große Zukunftsvisionen gibt es da nicht. Auch darin bordet Krautreporter an diese Bewegung: Es klingt alles eher nach dem Wunsch Vorhandenes besser  machen zu wollen und nach Sicherheit, weniger nach dem Wunsch sich wagemutiger in die Wogen von neuen Möglichkeiten stürzendem Anarcho-Journalismus, von dem Stefan Esser, einer der Gründer, auf Medium träumt. Was Krautreporter mit ihrer Präsentation bislang abgeliefert haben klingt eher, als wären sie im Bestreben zur Finanzierung eine möglichst breite Masse zu erreichen in die Falle getappt, sich aller Ecken und Kanten zu entledigen – genau das, was sie dem clicksabhängigen Onlinejournalismus vorwerfen. Mir fehlt da ein klares lautes Verorten in unabhängigem kritisch-emanzipatorischem Journalismus.

 

 

 

Das wenige was sie an Infos herausrücken gibt nicht das stimmigste Bild ab. Hintergrund- und Recherche-Journalismus mit Tiefe soll es sein, aber dann Thilo Jung & Naiv? Für die Zukunft des Onlinejournalismus wollen sie stehen, aber dann Christoph ‚Ich bin dann mal offline‘ Koch? Kein Kommentarjournalismus, aber Stefan Niggemeier, der doch gerade darin glänzt? Dass mit Theresa ‚Tussikratie‘ unter den wenigen Frauen im Team auch noch eine Vertreterin des nach unten tretendem Anti-Feminismus-‚Feminismus‘ an Bord ist, macht die Zusammensetzung des Krautreporter-Teams nicht prickelnder.

Noch eine Newsplattform, von der ihr vorwiegend weiß/männlich/hetero/nichtmigrantisches Team behauptet, dass Vielfalt in Themenwahl, Inhalten, Perspektiven und Struktur unabhängig von der Diversity ihrer Mitarbeitenden sei ist #notmyfutureofjournalism.

Ich will keine Plattform funden, die zum x-ten Mal dieselben Perspektiven und Strukturen reproduziert. Für mich krankt Journalismus hierzulande immer noch viel zu sehr daran, dass die meisten Entscheidungstragenden so sehr an ihren Tunnelblick gewöhnt sind, dass ihnen gar nicht bewusst wird, wie eindimensional der Großteil des Erscheinenden ist, sondern diese Perspektive gar für eine objektive Sicht gehalten wird. Ich musste unwillkürlich an die Diskussion zurückdenken, die letztes Jahr um Glenn Greenwald entbrannte, der ja nie müde wird, zu betonen, dass für ihn alle guten Journalist*innen auch Aktivist*innen sind. So etwas wie völlige Objektivität gibt es für ihn nicht, sondern der Journalismus, der von sich behauptet völlig neutral zu sein versuche lediglich seine Perspektive unsichtbar zu machen. Greenwalds Ansatz von Journalismus geht von einem mündigen Publikum aus, nimmt dieses ernst. Und er verficht das seit Bloggerzeiten so überzeugend, dass ich The Intercept bestimmt gefundet hätte. Wenn mir nicht dieser Omydiar dazwischengekommen wäre.

Diese klare Selbstpositionierung, die sich nicht drum schert, Leserschaft abschrecken zu können, und auch der Biss und Esprit, die feurige Überzeugung von ihrem Ansatz – das vermisse ich beim Krautreporter. Leider. Greenwald & Co. nehme ich sogar ab, dass The Intercept auf ein diverseres Team zusteuert, weil sie das auf inhaltlicher, perspektivischer und arbeitsmarktstruktureller Ebene wichtig finden. Krautreporter klingen für mich so, als ob sie, naja, vielleicht zumindest das mit den Frauen irgendwann mal angehen, weil es halt irgendwie jetzt von manchen gefordert wird und ja auch nicht so ganz verkehrt ist usw.usf.

Dass Krautreporter die Kommentarfunktion zu einer Communityfunktion ausbauen wollen, finde ich eine gute Sache; dass sie das bis zu Offline-Aktionen erweitern wollen, kann sogar sehr spannend werden (wenn es nicht wieder so ein Berlin-only-Ding wird). Aber dass sie ausgerechnet vor der Interaktion mit ihrem Publikum die Paywall aufziehen wollen, da geht unser Verständnis von Community auseinander: „Zahlen sie nicht, [dann wird sich das] anfühlen als würde ihre Lieblingsband im Stadion spielen und sie dürften die Umkleidekabine nicht verlassen“, so die Krautreporter. Statt offenem Austausch soll hier eine geschlossener Clubbereich gebaut werden, für den Leute zahlen sollen. Exklusion statt Inklusion ausgerechnet in dem Bereich, der durch eine lebendige Diskussionskultur auch Leute anziehen könnte. Ich hätte mir ja eher Journalismus gewunschen, der etwas aus Community Media und der Blogger-Szene als typischen Netzmedien lernt, Augenhöhe schätzt und nicht mit Metaphern von Rockstars ankommt, die nur mit ihren Fans kommunizieren, wenn diese zahlen.

Unabhängig von Krautreporter gestehe ich aber, dass ich sowieso zu denen gehöre, die in der Zwickmühle stecken sich nicht nur an eine Zeitung fest binden zu wollen, aber die es sich auch nicht leisten können ein Dutzend zu abonnieren. Es tut mir ja leid wann immer ich das völlig nachvollziehbare Gejammer um die Finanzierung von Journalismus höre, aber ihr machts einer auch nicht leicht.

Die ’natürlichste‘ Weise im Netz Journalismus zu genießen, ist für mich die polyamouröse.

Das drückt keine Geringschätzung für die einzelnen Newsplattformen aus, sondern eine Liebe, die sich nicht nur an eine binden kann und will. Es gibt einfach ein so irrsinnig großes Überangebot an Lesenswerten im Netz, dass ich da (bis auf ein paar Ausnahmen wie The New Inquiry, The State oder Der Zaun) gezwungenermaßen Micropayment-Fan bleibe, was selten angeboten wird.

Die Diskussion über die schlechte Qualität des Onlinejournalismus kann ich auch nicht mehr hören, denn in meiner Erfahrung gibt es, vor allem wenn du auch Englischsprachiges liest, einen Überfluss an qualitativ gutem kostenlosen Journalismus. Ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit mal alles gelesen haben werde, was sich in meiner Pocket App angesammelt hat. Da vermisse ich dann eher manchmal selbst als passionierte Onlineleserin dieses wohlige Printzeitungsspezifische Gefühl eine Ausgabe fertiggelesen zu haben, sie zusammenzufalten, und dann Blatt für Blatt als Unterlage für den Katzennapf weiterzuverwenden. Das kann mir Krautreporter aber auch nicht geben. Hey, wenn jemand das gecrowdgefundet haben möchte: Ich wär sofort dabei bei einer personalisierten Print-Tageszeitung, die mir auf wunderbar großformatigem dünnen Zeitungspapier gedruckt all die Artikel auf den Frühstückstisch bringt, die ich mir am Vortag auf Pocket zum Lesen vermerkt habe.

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