PEGIDA entfreunden?

 

Zur Zeit machen Artikel zu „Unfriend Me“ auf Facebook die Runde, in denen Kurzlinks zu finden sind, unter denen du nachsehen kannst, wer von deinen Friends PEGIDA, NPD, AfD, Ken.Fm usw liked. Aufgehängt an der Aufforderung, diese zu entfreunden. Dass dies mit einer Prise Humor zu genießen ist, sollte spätestens klar sein, wenn du siehst, dass auch ein Link dabei ist, der dir zeigt, wer Nickelback-Fan ist.

Hat mich amüsiert, habe ich auf Facebook geteilt, habe die Handvoll Friends getaggt, die Ken.Fm geliked haben (PEGIDA, NPD, AfD Leute waren bei mir eh nicht dabei), mit der Frage, dass sie dies doch bestimmt nur ironisch oder neugierdehalber täten. Ich hatte erwartet, dass diese Leute lachend abwinken, sich enttaggen und gut ist. Und: dass ich in dieser Form beim Weiterverbreiten gleich dezent mit darauf hinweise, dass Menschen auf Facebook eben nicht nur „liken“, was sie tatsächlich mögen, sondern das auch zur Recherche tun, oder ironisch, oder weil sie am Laufenden bleiben wollen, was auf diesen Seiten für Scheiß verbreitet wird usw. User werden immer ihre eigenen Wege finden, Funktionen wie den Like-Button zu nutzen und dies nicht nur auf die vom Service vorhergedachte Weise tun. Genauso wie Leute auf „Unfriend.me“ Artikel nicht blindlings mit Entfreunden reagieren, sondern auch mit Diskutieren, Belustigen, u.v.m.

Ich hatte unterschätzt, dass es tatsächlich Leute in meinem FB-Bekanntenkreis geben könnte,* die sich von sowas auf den Schlips getreten fühlen (mindestens einer davon hasst mich jetzt, glaube ich 😥 ) oder das gar welche dabei sein könnten, die Jebsens sektiererische Weltverschwörungstheorien ernst nehmen. ( o_O )Dass dem so ist, betrübt mich etwas, aber zu Diskutieren mochte ich gar nicht erst beginnen, denn dafür stehen mir diese Jebsen-Fans nicht nahe genug und erfahrungsgemäß sind Verschwörungstheorienanhänger_innen durch die quasi-religiösen Züge der Argumentation ihrer Wortführer meist diskussions-resistent. Wenn du PEGIDAs, Montagsmahnwachenden und Friedensmarschierenden beizubringen versuchst, dass es die US-zionistische Weltbankverschwörung nicht gibt und dass sie auch nicht die Medien hierzulande wie eine Krake in ihren Tentakeln halten, und warum dieses Bild antisemitisch ist, dass die Islamisierung des Abendlandes genauso wenig droht wie dass eine Gender-Mafia ihnen ihre Kinder entreißt, werden sie dich meist nur wissend anlächeln und dir sagen, wie naiv du bist, und dass du Ken oder Elsässer und wie sie alle heißen, nur nicht genug zugehört hättest. Oder, wenn sie gerade in Gruppen auftauchen, schallt dir ein stumpfes „Wir sind das Volk!“ entgegen, grob an die „Sie klaun unsere Jobs!“-Typen aus South Park erinnernd.**
Aber.

Ich halte es auch für keine Lösung, sich über PEGIDA und Co. lustig zu machen und sie als dummen Mob zu kategorisieren, auch wenn es ein verlockendes Ventil ist, weil wir dem beängstigenden Wachstum dieser Aufmärsche mit einer lähmenden Hilflosigkeit gegenüberstehen. Selbst Gegendemonstrationen versagen als Mittel ihnen Konter zu bieten, da sie sich davon nur bestärkt fühlen. Gegendemonstrationen sind aber andererseits als eine Möglichkeit wichtig, all denen unter uns ein Zeichen der Solidarität zu schicken, die von PEGIDA angegriffen und eingeschüchtert werden. Die offene Frage bleibt jedoch: Wie kommst du an eine konservative Masse von Menschen ran, die sich einfach aus einem vagen Bauchgefühl heraus unterdrückt und belogen und ausgebeutet fühlt und jedes Argument als Lüge abtun?

Ich denke, das Interessante an dem eingangs erwähnten Unfriend.Me Artikel ist nicht die Aktion, zu der er oberflächlich aufruft, sondern die Funktion, dass er vielen Leuten aufzeigen kann, dass PEGIDA oder Ken.Fm Anhänger_innen nicht „die anderen“ sind; nicht ein anonymer Mob, mit dem sie nichts zu tun haben, sondern Menschen aus dem Bekanntenkreis, Leute von nebenan. Was sie dann draus machen – das dürfte bei jeder_m anders ausfallen.

P.S.: Als ich das erste Mal von PEGIDA hörte, fühlte ich mich an die Anfang des Jahres veröffentlichte „Mitte-Studie“ erinnert, und ich dachte mir, dass PEGIDA nun vielleicht endlich ein groß genuger Anlass sein könnte, auch in der Mainstreamberichterstattung und Politik der Extremismustheorie den längst überfälligen Todesstoß zu versetzen. Dieser Gedanke taucht auch in einem neuen Artikel der Publikative.org auf, deren Berichterstattung und Auseinandersetzung zu PEGIDA auch sonst sehr empfehlenswert ist.

*) Ich bin jemand, dessen FB-Bekanntenkreis neben offline-Freundschaften stark durch kulturelle Interessen wie Musikszenen und durch sozial/netz/etc./politische Haltung geprägt ist und ich poste ausschließlich öffentlich. Jemand, der oder die Facebook eher für Familiäres und in kleinen geschlossenen Kreisen nutzt, wird andere Ergebnisse haben und damit anders umgehen. Wenn Journalist_innen über das Netz schreiben, solltet ihr nicht vergessen, dass sie immer nur eine von vielen möglichen Perspektiven auf Social Media haben, die meist entweder auf ihrer eigenen personalisierten Timeline, auf der Timeline der Facebook-Seite ihres Nachrichtendienstes, oder auf verallgemeinernden Datenauswertungen basiert, die nur öffentliche Postings berücksichtigen. Correct me wenn ich falsch liege.

**)  In einer Folge der Serie kommen durch ein Zeittor Immigrant_innen aus der Zukunft („Goobacks“, das Wortspiel mit Schleim, Zeitreise, immigrant_innenfeindlichem Slogan geht im Deutschen leider etwas verloren) als Billigarbeitskräfte nach South Park, hier gibts die ganze Folge online zu sehen.

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