Pleasantville ist keine Lösung – Soziale Netzwerke müssen sozialer werden

Die US-Comedian Chelsea Handler hat vor ein paar Tagen ein Bild auf Instagram gepostet, das ein Bild von ihr neben einem von Putin zeigt – beide auf einem Pferd, beide oben ohne. Beschriftet hat sie es mit: “Anything a man can do, a woman has the right to do better #kremlin.” Instagram löschte das Bild mit einem Verweis auf die Community Guidelines.

Die einfachste Reaktion darauf wäre gewesen: “Nun ja, das ist eben wie beim Hausrecht: Wenn ich bei so einem Service etwas poste, dann muss ich mich auch dessen Regeln unterwerfen.” Andererseits ist den Usern ja zunehmen auch bewusst, dass sie eine gewisse Mitsprachemacht haben, da ihre Inhalte die Bausteine sind, ohne die dieses Haus nicht existieren würde. Wenn ein Service sich zu weit von dem entfernt, was seine User wollen, werden diese ihn verlassen.

In diesem Geiste postete Chelsea Handler das Foto einfach noch mal. Diesmal mit dem Zusatz, dass es sexistisch sei, das Bild zu entfernen. Als es abermals von Instagram gelöscht wurde, postete sie einen Screenshot der Löschmeldung mit dem Kommentar: “If a man posts a photo of his nipples, it’s ok, but not a woman? Are we in 1825?” Damit löste sie in den Kommentaren und anderswo eine Diskussion über die Angemessenheit aus. Viele Kommentare pflichteten Handlers Position bei, es als sexistisch zu betrachten, aber es gab – surprise, surprise! – auch süffisante Kommentare in Richtung “höhö, wenn es um nackte Brüste geht, dann ist das genau meine Sorte Feminismus”.

Solche Dispute sind nicht wegen Celebrity Content oder Sensationalisierungspotential interessant, sondern weil sie Problemzonen der Social Networks aufzeigen.

Solche Dispute sind nicht wegen Celebrity Content oder Senastionalisierungspotential interessant, sondern weil sie zeigen, wo das Mauerwerk bröckelt. Sie machen es einfacher, Problemzonen von Social Networks zu finden, zu kritisieren und zu verbessern. Sie einfach nur als belanglose Aufreger zu ignorieren kann Gefahr laufen, in der Tradition des Abtuns weiblicher Kritik als “hysterisch” zu liegen. Auch wenn der Tonfall von Onlinediskussionen oft erhitzt und polemisch ist, sollten sie als Marker von Problembereichen ernstgenommen werden. Dass in den Medien oft eher sie als Problem benannt werden als ihre Auslöser, spricht für sich. Die Medien sind of Teil oder Plattform des Problems.

In der Time gibt es einen Beitrag von Charlotte Alter, der titelt: “Instagram is right to censor Chelsea Handler”. Darin argumentiert sie, dass um das Wohl der Kinder willen auf Social Networks wie Instagram alle Bilder nackter weiblicher Brüste gelöscht werden sollten, selbst die von stillenden Frauen (davon ist meines Wissens selbst Facebook inzwischen abgekommen. Zumindest offiziell). Die Begründung Alters: “because that kind of monitoring helps keep revenge porn and child porn off of the network. It’s not that kids on Instagram need to be protected from seeing naked photos of Chelsea Handler–it’s they need to be protected from themselves.” Wie sie in ihrer Argumentation vom Foto einer selbstbewusst satirisch posierenden erwachsenen Frau auf Kinderpornographie kommt, spiegelt letztlich deren entmündigenden Gestus wider. Dass Jugendliche sicherer im Umgang mit Social Media sind, als es die Sorge von verängstigten Erwachsenen, die nicht mit diesen großgewordenen sind, oft vermuten, lässt sich bei Expert_innnen wie z.B. Danah Boyd gut nachlesen. Ebenso bekannt ist, dass großflächige Zensur nicht den Nutzen bringt, den sich simplifizierende Hardliner davon versprechen. Beides setzt auf Freiheitseinschränkung und auf Kontrolle mit grob vereinfachenden Kritierien statt auf Auseinandersetzung. Beides scheitert immer wieder an der Komplexität menschlichen Sozialverhaltens. der wie es Astra Taylor und Joanne McNeil in “The Dads of Tech” schreiben: “Complicated power dynamics do not fit neatly into an Internet simple enough for Dad to understand.”

Die Grenze des Zulässigen beim Anblick von weiblichen Nippeln zu ziehen ist recht beliebig.

Nude Pix sind ein gutes Beispiel für dieses Scheitern. Die Grenzen zwischen der Darstellung asexueller, erotischer und pornographischer Nacktheit sind fließend und komplex. Eine medizinisch-unterkühlte Ganzkörpernacktillustration ist weniger erotisch als ein Bild auf dem ein Körper mit Dessous bedeckt ist. Was als anstößig empfunden wird, hängt von kulturellem Background, Alter und anderen Kontexten ab. Fest steht: Es ist es ein recht beliebiges Vorgehen, die Grenze des Zulässigen beim Anblick von nackten weiblichen Nippeln zu ziehen. Das bringt auch Amanda Marcotte bei Slate sehr schön auf den Punkt:

“The taboo around the nipple encapsulates how ridiculous and contradictory our expectations about women, fashion, and sexuality really are. On the one hand, women are expected to be sexually appealing, even to the point of mutilating our feet to achieve that forever-sexy mystique. But we’re also expected to avoid being too sexual, or else we’re considered scandalous. The conflicting demands reduce us to counting inches of cloth and arbitrarily deciding that the nipple is a step too far. We’d all be better off in a more sensible society where women could walk around topless to look sexy but wearing 3-inch heels was considered over the top.”

Verschiedene Netzwerke mit verschiedenen Ansätzen für verschiedene Bedürfnisse?
Netzwerke wie Twitter oder Ello haben andere Ansätze. Statt solche beliebige Grenzen des Erlaubten zu ziehen, geht Twitter, wo Chelsea Handler ihr Bild nach ihrem Abgang von Instagram gepostet hat, von mündigeren Usern aus und setzt ein Stück weit auf Vertrauen. Es wird der Komplexität und der subjektiven Natur dessen, was Menschen anstößig finden, gerechter: Die Nutzer_innen können selbst entscheiden, was sie sich ansehen. Wenn Nutzer_innen öfter solche Inhalte posten, sind sie dazu angehalten, ihren Account selbst so einzustellen, dass vor allen Bildern oder Videos mit “sensitive content”, also potentiell anstößigem Inhalt (Nacktheit, Gewalt, medizinische Prozeduren usw.) eine Warnung angezeigt wird, die bewusst weggeklickt werden muss, um das Bild zu sehen. Erst bei mehrfachen gemeldeten Verstößen schreitet Twitter ein. Einen ganz anderen Ansatz hat letzte Woche der Gamer Video Service Twitch gewählt: Er verbietet Frauen und Männern gleichemaßen, sich mit entblößten Oberkörpern zu zeigen. Puritanisch oder gleichberechtigt? Solidarische Geste oder prüde Bevormundung? Das sind Themen, die offline auch alles andere als geklärt sind und wir können aus den Onlinediskussionen darüber auch dafür lernen. Die unterschiedlichen Ansätze was die Handhabe von potentiell anstößigen Inhalten anbelangt deuten daraufhin, dass die sinnvollste Art der Nutzung und auch der Entwicklung von Social Networks ist, verschiedene Netzwerke für verschiedene Bedürfnisse zu verwenden. Was aber, wenn Netzwerke die eierlegende Wollmilchsau sein wollen, weil es mehr User bringt und damit mehr Profit? Was aber, wenn ein Netzwerk die eierlegende Wollmilchsau sein will, weil es mehr User bringt und damit mehr Profit.

Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Wie lassen sich Social Networks sozialer gestalten?

Noch mal zurück zu Charlotte Alters Artikel, in dem sie schreibt: “This is also a question of practicality. Ideally, Instagram would be able to distinguish between a naked 13-year old and a breastfeeding mom. In reality, it would be unrealistic to expect Instagram to comb through their content, keeping track of when every user turns 18, whether the user is posting photos of themselves or of someone else, and whether every naked photo was posted with consent. …“

Noch mal auf deutsch: Es sei eine Frage der Praktikabilität und von Instagram könne keine angemessene Inhaltsmoderation erwartet werden. Dem möchte ich in aller Deutlichkeit entgegensetzen: Doch, das ist genau die Forderung, die wir an Social Networks stellen müssen: angemessene Inhaltsmoderation und Restrukturierung. Sie sind zunehmend Teil von zu vielen Bereichen unseres Lebens, um ihre Unzulänglichkeiten zu ignorieren. Immerhin verdienen sie gutes Geld an ihren Usern und deren Inhalten und investieren eine Menge davon ja schon in fein-strukturierte und höchst effiziente Filterung dieser Inhalte – nur eben für Werbekundschaft. Die Interessen beim Bauen, Strukturieren und Verwalten von Social Networks lagen lange genug nur auf Technik und Marketing. Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Wie lassen sich Social Networks sozialer gestalten? Die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge darf gerade bei solchen sozial-ethischen Themen nicht länger als Argument gelten, die billigsten einfachsten Wege zu wählen. Dass ein Bedürfnis dafür gewachsen ist, darauhin deutet die Größenordnung und Intensität von etwas wie Gamergate und das derzeitige Entstehen von zahlreichen neuen Social Networks wie Ello oder Heartbeat.

Charlotte Alter endet in ihrem Artikel bei der Frage: “So which is more important: the rights of a few bold comedians or breastfeeding moms to feel validated by their Facebook followers, or the privacy of people who might have their private photos posted without consent? I would side with the latter any day of the week.”

„So lasset uns Freiheit für Sicherheit opfern!“ – ein Credo, das wir aus privilegierten konservativen Kreisen nur allzugut kennen. Die Freiheiten und Rechte von Wenigen als unvermeidlichen Kollateralschaden zu betrachten, den es für ein übergeordnetes Wohl zu bringen gälte, ist nichts als eine ignorante Weigerung, sich mit komplexeren Dimensionen auseinanderzusetzen. Es sollte nicht vergessen werden: Im Gegensatz zu der sonst in Medien und Marketing immer noch überwiegenden sexuellen Male Gaze-Objektivierung weiblicher Körper bieten Social Media Plattformen Frauen die Freiheit, dem eine selbstbestimmte öffentliche Abbildung des eigenen Körpers entgegenzusetzen – egal ob erotisch oder stillend oder satirisch oder medizinisch. Es wäre traurig, solche Möglichkeiten unüberlegt zu opfern. Stattdessen sollten Wege eingefordert werden, die solche Arten der Selbstermächtigung ermöglichen und der Vielschichtigkeit der User gerecht werden, ohne dass es in Konflikt mit dem allgemeinen Zugang für Jugendliche zu diesen Social Networks gerät. Pleasantville ist keine Lösung.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.socialmediawatchblog.org.

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