Sprache is Duke

Mir gingen gestern ein paar Gedanken als Nachwehen durch den Kopf, die halte ich hier mal eben fest. Ich finde Christian Simons „Kontext ist Queen“ für unseren Social Media Watchblog ja richtig gut, da er die Leute einfach mal beim Wort nimmt, die Jung verteidigen indem sie sagen, das Bild sei doch nur ein Scherz. Christian geht dem nach, nimmt Kontakt zu der Frau auf dem Bild auf und holt sie damit auch – ganz nebenbei, ähem – mal aus dem Objektstatus heraus, den sie bei der ganzen Story bis jetzt hatte, und er bekommt sogar die Bestätigung: Ja, das Bild war als Scherz gemeint, der in völligem Konsens entstand. Und genau das verwendet Christian dann, um uns vorzuführen, dass es schnurzpiepegal ist, wie dieses Bild von der Frau und dem Fotografen gemeint war, sondern dass es darauf ankommt, wie Jung das Bild eingesetzt hat. Und dass er dafür zu Recht kritisiert wird. Oder wie @Autofocus das so hervorragend in einem Tweet zusammengefasst hat: „Für konsensuelles in den Sand stumpen. Gegen sexistische Herrenwitze zum Frauentag. Beides ist drin!“

Was ich intern bei uns als kleinen Abstrich angemerkt habe (und was mir auch wichtig ist, weil ich da selber bestimmt auch öfters mal misformuliere und Sensibilität für Sprache zu erarbeiten für einen andauernden Prozess halte und es ist gut, sich drüber auszutauschen, gerade für Vielschreibende): Ich persönlich finde es wichtig, nicht bei dem Framing von „feminist“ als Gegenteil von „sexist“ mitzuspielen, das in den letzten Jahren medial aufgebaut wurde, denn das trägt immer ein bisschen dazu bei, Kritik an Diskriminierung mundtot zu machen. (Ähnlichkeiten zum „rechts“ vs „links“ Diskurs natürlich völlig zufällig. ^^) Zu oft werden Meinungskundgebungen in Social Media auf einen (suggerierten) Tonfall reduziert – „die regen sich mal wieder auf“ – statt dass Inhalte ernstgenommen werden. Deswegen hätte ich die Kritik an dem Bild nicht als „den Empörer und die Empörten“ beschrieben, wie es Martin im Teaser für den Text durchgerutscht ist.* „Empört“, das ist das neue „hysterisch“ und die kleine Schwester vom „Shitstorm“ und dem „Twittermob“. Und der Großneffe von „Social Justice Warrior“, „PC-Polizei“ und „Gutmensch“. Es hat einen abwertenden Beigeschmack, der die damit gekennzeichnete Meinung als nicht ernstzunehmend markiert, sie rhetorisch zu entmachten sucht, die Kritik als nicht berechtigt abtut. Und ist mindestens so hoffnungslos überstrapaziert wie dass ich hier  mit dem x-ten Text zu #tilogate aufwarte. Auch wenn’s in dem gar nicht mehr wirklich um Jung geht. Ich finde jedenfalls dieses ganze Aufregervokabular ähnlich problematisch wie das Verwenden der Floskel „sich bekennen“ im Kontext von Homosexualität oder wie das explizite Erwähnen von nichtweißer Hautfarbe oder nichtdeutscher Herkunft von Tätern in sonst sehr knapp gehaltenen Nachrichtentexten. Indirekte sprachliche Diskriminierung ist oft an die Stelle gerückt, wo direkte inzwischen gesellschaftlich verpönt ist.

In Christians Text wird auch ein Essay von Lasersushi verlinkt, und sie war auf Twitter etwas verschnupft darüber, dass ihr Text auf das Zitat „sickly sexist“ reduziert wurde. Das kann ich nachvollziehen, denn ihr Artikel versucht einen konstruktiven Ansatz von Kritik an dem „blinden Fleck“, mit dem von Krautreporter, sowie von vielen in der Journalismusszene allgemein, bei einer jahrelangen Geschichte von Sexismen Tilo Jungs geflissentlich weggesehen wurde. Dem wird das kurze Zitat natürlich nicht gerecht, vielmehr kann die Verkürzung sogar als Andeutung gelesen werden, das sich dahinter ein Text aus der konstruierten Klischeeecke des „empörten Twitterfeminist*innenmob“™. Um das mitzudenken, musst du aber schon wirklich tief im Onlinediskurs von Feminismus, und all diesen Versuchen, ihn zu einem Witz seiner selbst zu stilisieren, drinstecken, was bei Christian einfach nicht der Fall ist.

Lasersushis Reaktion mag von manchen als empfindlich gesehen werden; sagte sie sogar selbst, und ich kenne diese Geste von mir auch nur allzugut: dieses sich selbst gleich für seine Empfindlichkeit zu entschuldigen während du deine Kritik äußerst, immer mit einem „vielleicht könnte man das auch so sehen“ die Höflichkeitstür aufhaltend, aber es gibt eben auch einen Grund dafür, dass gerade die an solchen Punkten gereizt sind, die sich trauen gegen Diskriminierung den Mund aufzumachen. Denn egal, wie sachlich sie dabei vorgehen, sind es genau sie, die diese Erfahrung immer und immer wieder machen, und das scheuert und verpasst dir eine wunde Stelle, die natürlich empfindlich ist. Es sind irgendwann keine Kleinigkeiten mehr, sondern ist konstantes Nudging, das dich ein Stückchen mehr Richtung Schweigen stupsen will.

Ich tue mir hart, das Problem überhaupt zu kommunizieren. Wie wir Sprache verwenden, hat viel mit Gewohnheit zu tun. Dementsprechend kommt die Kritik an solchen sprachlichen Feinheiten leicht als pingelig rüber und wird als kleinlich abgeschmettert oder ins Lächerliche gezogen. Wenn sie sich aber so häufen, wird aus tausend Kleinigkeiten dann eben doch etwas Großes, eine grundlegende Haltung kristallisiert sich heraus. Um sie zu erklären, muss ich sie aber wieder in ihre granularen Bestandteile zerlegen. Und das klingt dann wiederum übertrieben, als ob ich mich nur über Kleinigkeiten aufrege. So funktioniert Nudging, so werden Meinungen gemacht, so entstehen Normen und so verändert sich gesellschaftlicher Konsens zu Themen. Aber auch: So halten manche irgendwann lieber ihren Mund.

Ich finde es spannend und wichtig, dass kontextuelle Integrität immer häufiger zum Thema bei Diskussionen um soziale und Medien im Allgemeinen wird, wie es Christian eben hier so schön mit Tilo Jungs Gewalt gegen Frauen verharmlosenden Tweet vorgeführt hat, denn es kann ein verdammt komplexes und mächtiges Ding sein, etwas aus einem Kontext herauszulösen und verkürzt in einem anderen wiederzugeben, ob bewusst eingesetzt oder unbewusst geschehen. Sehen wir ja gerade auch bei Varoufakis‘ Mittelfinger, auf den ich jetzt aber nicht auch noch eingehe, keine Angst. Ein totgerittenes Pferd aus dem Grab zerren reicht selbst mir pro Tag.

*) Vielleicht geschah das aber sogar in Anspielung auf den Text von Patrick Gensing; hier am besten mindestens ab der Zwischenüberschrift „Herrenwitze ernten Widerspruch“ lesen.

„““Kunst“““ – Vortrag für Edel Extras ästhetische Prozesse

Donnerstag, 5.3., hatte ich das Vergnügen, für die Kunstwochen im Edel Extra, einem kleinen Raum für ästhetische Prozesse, neben drei anderen Vorträgen folgenden von mir zu halten. Beeindruckend war Hermann Glaser, vor dessen scharfen Verständnis und Witz ich mich wieder mal verneige. Von seinem Credo „Jeder muss ‚Klopstock‘ sagen können!“ bis zur Kritik an affirmativer Kultur, ach ja, und wie er, als jemand meinte, die Kunstfreiheit sei durch Political Correctness bedroht, elegant und knapp, mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen Präskription und moralischer Kritik als Vorschlag, abwinkte – I’m fangirling.

Hier aber nun wie versprochen das kleine Brainstorming zum Thema, das ich dort beitrug:

„Was ist Kunst, was kann Kunst sein, wie ist ein Kunstbegriff zu definieren“ – als ich gefragt wurde, ob ich heute hier einen kurzen Vortrag zu diesem Thema halten würde, sind bei mir gleich schaudernd Erinnerungen an ein Philosophieseminar wieder hochgekommen, das ich vor 100 Jahren belegt hatte, und in dem wir ein Semester lang in unglaublich trockener Weise Kunst zu definieren versuchten, in dem wir uns an der Geschichte entlanghangelten. Von Geniebegriff über Wahrheit, Schönheitblablubb, und was es nicht alles gab. Ich hatte die ganze Zeit insgeheim tatsächlich die naive Hoffnung, dass der Professor am Ende des Semesters doch noch eine befriedigende zeitgemäße Definition aus dem Ärmel zaubern würde, was aber natürlich nicht geschah und so ließ mich dieses Thema so unzufrieden zurück, dass ich eigentlich bis heute noch mit der Kunst hadere. Deswegen habe ich auch etwas gezögert, zuzusagen, und komme heute mit durchaus diffusen Gedanken zu euch.

Es gibt in New York eine zwischen Kunst und Unternehmensberatung changierende Gruppe namens K-Hole. Bei ihnen verschwimmt die Grenze zwischen Business und Kunst: sie machen keine Kunstwerke, die sich ausstellen liesen, liefern aber auch keine Unternehmensberatung, die aus Daten bestünde, aus denen eine Firma einfach so Nutzen ziehen könnte. Eher lässt sich das, was sie tun, als ästhetische Fiktion bezeichnen, die meines Erachtens zwar den Geist von kritischer Kunst atmet, aber sich bewusst nicht als kritisch sieht. Für K-Hole würde sich, denke ich, die Frage nach einem, mir bei der Definition hilfreichen, Spannungsfeld zwischen Kunst und Business nicht mehr stellen. Ist Kunst heute, wenn sich die kreativsten Köpfe nur noch auf das Designen von Start Ups oder im Marketing bewegen?

Marken nehmen die Rolle ein, die vielleicht eher der Staat einnehmen sollte, wenn er dies von einer neutralen demokratischen Warte aus täte. Kunstsponsoring wie der Place de la Liberté, den meine Lieblingszigarettenmarke vor ein paar Jahren am Quellegelände als zeitlich begrenzten Freiraum für Kunst ausrief, dabei auch noch Street Art subsumierend, wird von vielen als Erschließung neuer Möglichkeiten gesehen, um bekannter zu werden und von Kunst leben zu können und würdigt nicht die Kunst zum Werbeträger herab. Ihr merkt an meiner Wortwahl, dass ich das nicht so sehe. Ich bin ja schließlich auch etwas älter und mit einem Kunstbegriff groß geworden, der irgendwo zwischen DIY Punk, Soziokultur mit Fokus auf Underground-Musik und Literaturtheorie hin- und her irrt. Für mich ist es eine Entwertung von Kunst, wenn sie benutzt wird, um ein Produkt zu bewerben. Und das geschieht für mich auch, wenn eine Bank oder ein Ölkonzern ein Museum finanziell unterstützt. Oder wenn Red Bull eine Music Academy macht. Derek Walmsley hat im Wire im Kontext der Red Bull Music Academy u.a. als Problem von Mäzenentum festgehalten, dass es die Szenen und das Publikum ignoriert, die Untergrundmusik zu einem so dynamischen System machen. Das trifft, denke ich, nicht nur auf Musikmäzenentum zu, sondern auch auf die Kreativszene. Context matters, das ist ein Punkt, bei dem ich bei den verschiedensten Themen, die mich beschäftigen immer wieder stoße und der ziemlich vernachlässigt wird. In gemanagter Kunst wird deren eigentlicher Kontext meist zugunsten eines Zwecks, sei es Profit, sei es Imagearbeit im Feld von Marketing, neutralisiert oder entfernt.

Das geschieht auch, wenn die Stadtplanung selbst hier in Nürnberg, wenn auch mit 10 Jahren Verspätung, Richard Florida liest und die Kultur- und Kreativwirtschaft für sich entdeckt. Und tatsächlich hat die Stadt in den letzten Jahren auch hier genug Beinflussungskraft bewiesen: Plötzlich schossen lauter Creative Mondays und Fablabs aus dem Boden und Kreativität steht plötzlich in erster Linie dafür, kreativ aus irgendwas Geld machen zu können. Plötzlich sind Jobs einer der Hauptthemen im Kultur- und Kreativbereich, und es sind darin lauter Leute damit beschäftigt, sich zu vernetzen und Ideen herauszumelken, aus denen das nächste Start Up erblühen kann, das die Branche very kreativ disruptet. Kreative Communities bestehen plötzlich daraus, sich gegenseitig daraufhin zu beschnüffeln, wie dir der oder die andere nützlich sein könnte. Connections und so. Unglaublich, wie schnell sich da in den letzten Jahren wie viel Idealismus verflüchtigt hat und die Grenze zwischen Kunst und Wirtschaft verschwimmt. David Liese hat das auf Regensburg Digital, einem kritischen lokalen Blog, sehr schön in der Warnung zusammengefasst: „Denn wer „kreativ“ sagt und damit die prosperierende Designagentur ebenso meint wie den kleinen Künstler, der trägt dazu bei, dass sich der Unterschied zwischen einem kritischen und einem pragmatischen Kunst- und Kulturbegriff zugunsten des zweitgenannten verflüchtigt.“

Michael Cirino, ein ehemaliger Künstler, der inzwischen unter dem Namen A Razor A Shining Knife außergewöhnliche kulinarische Events macht, zieht in einem Interview für den Pacific Standard (mit dem passenden Titel: How Do You Make a Living, Producer of Experiential Weirdness?) die Grenze am Beispiel Musik ganz deutlich: „Du bist ein Künstler bis zu dem Moment, in dem du bei einer Plattenfirma unterschreibst. Dann wirst du zum Musiker und dein Job ist es, Musik zu verkaufen. Wenn du die Idee Musik zu verkaufen nicht magst, dann bleib weiterhin ein Künstler. Mach deine Platten, verkauf sie selbst, aber bitte niemanden anders in sie zu investieren, weil sie von der Sekunde an, in der sie das tun, ein Mitspracherecht haben.“

In meinen Augen ist die Kultur- und Kreativwirtschaft für die Künstler*innenszene einer ganzen Stadt ein bisschen das, was in der Musik so etwas wie die Red Bull Music Academy (oder auch ein großes Plattenlabel für Musiker*innen) ist: Förderer und Parasit, der, solange die Künstler und Künstlerinnen alle Kunststückchen machen, die erwünscht sind und damit Imagearbeit für’s Produkt leistet, egal ob das ein Energy Drink oder eine Stadt ist, oder gar Geld in die Kassen spült, an ihnen herumnuckelt, ihnen den Kopf tätschelt und ein Häppchen abgibt, und sie danach ausgeblutet zurücklässt. Es entsteht eine Kunstszene, die nur noch darüber als förderungswürdig betrachtet wird, dass sie entweder durchökonomisierte Kunst abliefert, die als Elite gekürt und gefeiert wird. Oder Kunst, die in den Nischen am ausgestreckten Arm verhungernd als exotisches Lockmittel existieren darf, solange sie nicht zu kritisch, laut und dominant wird. Ein Lockmittel, um das Stadtbild ein wenig bunter und wilder wirken zu lassen, denn das bringt Kundschaft in die Stadt.

In diesem Bild von Kunst steckt soviel Respektlosigkeit, dass sich die Künstler*innenszene eigentlich wirklich langsam mal auch hier überlegen müsste, wie sie dagegen in die Puschen kommt und sich nicht nur auf ein brav konformes unkritisches Schmuckwerk einer Stadt reduzieren lässt, das instrumentalisiert wird, um das Eckchen aufzuwerten, das gerade attraktiver gemacht werden soll oder von Missständen ablenken soll. Damit wird aus Kunst dann doch irgendwie bloßes Design oder Handwerk. Oder Entertainment. Je nach „Branche“. Aber dank Austerität und Prekariat ist eben dann doch jeder und jede froh, wenn sie irgendwie ein Stücken vom Kuchen abbekommt und von irgendwas muss man ja leben und Kunst … mei, Idealismus ist halt Luxus. Ist natürlich auch wiederum nachvollziehbar.

Es ist schwer, diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, in einer Zeit, in der Stadtplanung alles durchzieht und es kaum mehr blinde Flecken gibt, in denen Kunst auch mal aufregend und gefährlich, zweck- und sinnfrei, oder anonym agieren und wachsen kann. In der Kunst nicht erst die Versammlungsstättenverordnung auswendig können, und mit Blut die Verantwortlichkeit für jegliche möglichen Folgeschäden für Räume und Publikum einer Ausstellung oder eines Auftritts unterzeichnen muss, sondern in der Kunst sich ausprobieren, fließen und wuchern kann. Wie World/Inferno Friendship Society in einem Philipp K. Dick gewidmeten Song sangen: You can’t change the system from within, the system changes you. Es ist ein ziemlich ekliges Gefühl der Hilflosigkeit, dem ganzen Bereich der durchinstutionalisierten und städtisch geordneten Kultur eigentlich gar nicht mehr entkommen zu können, wenn es nicht Kunst im kleinen abgeschotteten quasi-privaten Kreis sein will, der dann aber auch nur Wenige erreicht und recht wirkungslos bleibt. Und Reibung und Begegnung mit Fremdem sind auch wichtig für Kunst. Kultur als ernstzunehmende kritische Instanz ist eigentlich schon ziemlich abgewürgt.

Noch mal zurück zu K-Hole. Ein Kunst-/Mode-/Zeitgeistbegriff, der von ihnen 2013 in ihrer Youth Mode Veröffentlichung geschaffen wurde, und den vielleicht ein paar von euch kennen, ist Normcore. Es wurde oft viel zu vereinfachend als Angepasstheit und Mittelmäßigkeit ausgelegt (wofür K-Hole auch einen Begriff haben: Acting Basic). Etwas genauer betrachtet, entspringt der Begriff eher aus dem Gedanken, dass wir keine fixe authentische Identität besitzen, sondern diese in jedem Moment erst erschaffen, indem wir sie performen. Wir verändern uns ständig. Wenn es keine festen Identitäten gibt, dann gibt es auch keinen Mittelwert, und demnach gibt es auch keine Normalität. Normcore besteht deswegen nicht darin, möglichst normal zu sein, sondern darin, sich jeder Situation gemäß zu verändern und anzupassen, das aber jeweils mit vollem Einsatz. Grund für diesen Zeitgeist ist, wie es K-Hole in Youth Mode ausdrücken: „In der Vergangenheit wurden Menschen in Communities hineingeboren und mussten ihre Individualität finden. Heute werden Menschen als Individuen geboren und müssen ihre Communities finden.“

Vielleicht ließen sich daraus für einen kritischen Kunstbegriff zum Abstecken Begriffe wie ‚der Schwarm‘ und ‚das Fließen‘ herbeispinnen. Nicht mehr das Schaffen von zeitlosen Werken sondern fließende Kunst, die nicht auf Etablierung aus ist. ‚Schwarm‘ statt Communities, weil in einem Schwarm Anonymität mitschwingt und das einem Künstlerbegriff des Genies ebenso entgegensteht wie dem Künstler oder der Künstlerin als Marke. Kunstaktionen wie das Entführen der Gedenkkreuze der Mauertoten durch das Institut für politische Schönheit mitsamt dem Crowdfunding für die Fahrt vieler zum Grenzzaun Europas, oder auch einiges, was Schlingensief geleistet hat, ließe sich vielleicht grob darunter fassen.

Aber nicht nur kritisches und durchdachtes, auch Pop kann so etwas sein: Internet-Memes sind zum Beispiel eine Kunstform des Schwarms, der Hive-Mind, die außerhalb von Verwertungslogik, Copyright ignorierend entsteht und die von unzähligen anonymen Leuten variiert, weiterbearbeitet und im Netz weiterverbreitet wird, und wieder verschwindet. Das Meme ist tot, wenn es nicht mehr im Netz kursiert. Die Bewegung, das Fließen, gehört zu ihm, macht es mit aus. Sobald es nicht mehr weiterentwickelt wird, sobald es auf einem T-Shirt oder einer Tasse landet, sobald eine Marke es sich für Werbung aneignet, oder sobald eine Zeitung es aus seinem natürlichem Lebensraum, aus ihrem Kontext, herausreißt und abdruckt, ist es schon tot. Darin ähnlich der offiziell legitimierter ‚Street Art‘.

Die Flüchtigkeit im Sinne von Vergänglichkeit, die Ephemeralität, fände ich auch tatsächlich einen spannenden Ansatz für einen Kunstbegriff heute. Sie kann sowohl dafür sorgen, dass sich einer Verwertungsmöglichkeit entzogen wird, als auch dem konservativen musealen Charakter von Kunst etwas entgegensetzen. Und sie bietet auch der endlosen Dokumentation, dem endlosen Archiv, das wir dank Digitalisierung aus unseren Leben machen, die Stirn. Nichts mehr von Wert schaffen? Kunst als Modus statt als Werk? Das Kunstwerk nur noch als nostalgischer Fetisch, ähnlich der Vinylplatte? In Bewegung bleiben, auf neue Situationen mit ständiger Veränderung reagieren statt einen Stil, eine Marke zu verfestigen? Das als Aggregatszustand von Kunst? Oder ist das dann gleich die Auflösung von Kunst?
Auch irgendwie unbefriedigend, ich weiß.
Das waren dann auch schon meine paar bescheidenen Gedanken zum Thema. Danke für’s Zuhören.

Please leave Selfies alone: Was die Krise des Journalismus mit der Logik der PR-Gesellschaft zu tun hat

Hans-Jürgen Arlt interpretiert auf carta das Selfie als Ausdruck eines Gesellschaftszustands, der “PR-Society”, die geprägt ist vom Streben nach Erfolg durch Selbstdarstellung statt Leistung. In einem Gedankensprung interpretiert er Journalismus als Gegensatz zu Selfies, weil dieser sich nicht wie diese nach den Wünschen der Dargestellten richte, “sondern stattdessen unabhängig an Kriterien der Realitätsnähe und kollektiver Relevanz” orientiere. Nun, da Selfies gar nicht die Ansprüche von Journalismus haben, ist es natürlich leicht, sie ihnen abzusprechen und sie darüber zu verdammen. Aber um mal spaßeshalber mitzuspielen: Ist das Kritisierte überhaupt spezifisch für das Problem?

Ja, Selfies sind inszeniert. Ja, sie greifen nur einen Ausschnitt aus einem Geschehen heraus, der uns in dem Licht darstehen lässt, das wir uns aussuchen. Das ist aber nicht spezifisch für Selfies, sondern gilt zum Beispiel auch für eine Anekdote, die wir über uns erzählen: Auch da beschränken wir uns auf einen Ausschnitt einer Situation und lassen gern mal Sachen weg, die uns peinlich aussehen lassen könnten.

Journalismus wiederum ist ebenfalls nicht unabhängig und auch er zeigt oft nur eine Perspektive, und das nicht mal erst dort, wo er kommentierend wird, sondern bereits durch Themenauswahl oder dadurch, was und wer in einem einzelnen Artikel erwähnt wird und was weggelassen wird.

Es ist im Journalismus gängige Praxis, das als Objektivität auszugeben und lange hat es auch halbwegs funktioniert: Indem eine weitverbreitete Perspektive eingenommen wird, wirkt sie fast unsichtbar. Aber daraus folgt kein Anspruch auf objektive Wahrheit. Das wird in unserer Social Media Ära immer deutlicher, in der Menschen aus anderen Perspektiven heraus lautstark Kritik leisten.

Wahr ist nicht mehr, was von Bestand ist

Wie ist es mit Fotografie und Wahrheit? Wir leben in Zeiten von Photoshop und Instagramfiltern und inszenierten Pressefotos, wie dem jüngsten vielfacher Kritik anheimgefallenem Beispiel des Bildes von Regierungsoberhäuptern auf der Hebdo-Demo in Paris. Da ausgerechnet das Selfie als Beispiel für Verlust von Authentizität durch Selbstdarstellung zu beklagen, ist verwunderlich.

Den oder die Fotograf_in als eine unsichtbar die objektive Wahrheit über eine Szene herstellende Instanz heraufzubeschwören, das klingt einfach zu sehr nach lamentierendem Altherrenjournalismus, der vor ein paar Jahren noch das Aufkommen von Blogs als unseriös beklagt hat und heute durch Social Media Posts und Kommentare den Untergang seiner Alleinherrscherposition über die relevante Sichtweise nahen sieht.

Mercedes Bunz hat in “Die stille Revolution” eine Verschiebung im Verhältnis zwischen Wahrheit und Fakten beschrieben: wahr ist nicht mehr, was von Bestand ist. Der digitale Fakt verändert sich schnell und ständig, da er dauernd aktualisiert wird. Und dieses Fehlen gewohnter Fixpunkte kann verunsichern.

Die Digitale Öffentlichkeit als Kontrollorgan

“Die Polyphonie, die Vielheit der Stimmen im Netz, ermöglicht uns eine neue Art der Objektivität: die Qualität der Wahrheit der digitalen Öffentlichkeit ist Unmittelbarkeit von vielen verschiedenen Stimmen – eine Pluralität, die verlangt, dass wir uns ein eigenes Bild machen. Statt nur auf eine einzige von Expert_innen (Journalist_innen, Historiker_innen, usw.) abgesegnete Perspektive zu vertrauen, ist der sich wiederholende Bericht aus unterschiedlichen Quellen das neue Kriterium für Wahrheit. Die aktive Einbindung des Adressaten ist eine zentrale Eigenschaft der digitalen Öffentlichkeit.”

Der Journalismus, wie ihn seit neuesten Reported.ly betreibt, versucht sich in spannender Weise darauf einzulassen. Über die Veränderung der Rolle des Journalismus ist in Bunz’ Buch etwas zu lesen: Sie stellt gleichwohl kritisch fest, dass bereits früher ein Gleichgewicht von Presse und Politik nicht immer gegeben war und nennt als Beispiel, wie in Deutschland die öffentlich-rechtlichen Medien und damit die Meinungsbildung durch die Politik beeinflusst wurden.

In den modernen Mediendemokratien von heute haben sich die Positionen noch weiter verschoben: Die Medienbranche ist zum Business geworden, Politikerinnen nutzen sie für Imagearbeit, Medienmogule streben für sie günstige politische Regelungen an, kurz: Interessenskonflikte everywhere, durch gegenseitige Abhängigkeiten. Bunz kann sich hier die Digitale Öffentlichkeit, die smarte Masse, als Kontrollorgan vorstellen.

Digitale Öffentlichkeit wird von einer viralen Logik getrieben

Spannend ist dabei auch ihr Hinweis darauf, wie veraltet die journalistische Aufmerksamkeitslogik ist. Während sie noch auf Ereignisse und Breaking News ausgerichtet ist, wird die digitale Öffentlichkeit von Interessen der Nutzer_innen getrieben: einer viralen Logik.

“Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden”, stellt Bunz auf Chris Andersons mediale Longtail-Logik der semantischen Nische verweisend, fest. Sich wiederholende Inhalte sind dabei nicht nur als virale Kommunikation, sondern auch als Kriterium für Wahrheit von Bedeutung.” (Ausschnitt aus meiner Rezension zu Mercedes Bunz, Die stille Revolution, in testcard #24: Bug Report. Digital war besser.)

Dass Journalismus sich der viralen Logik in erster Linie leider nur zur Verbreitung seiner Nachrichten und Etablierung seiner Marke bedient, ist eine Entwicklung in eine fragwürdige Richtung. Dazu möchte ich noch mal zum Selfie zurückkehren. Arlt geht davon aus, dass im Selfie jede_r die Möglichkeit hat, sich so darzustellen, wie er oder sie will. Das ist eine verfängliche Annahme. Zum Selfie gehört das Zirkulieren in Social Networks. Sie sind nicht unabhängig davon denkbar.

Eine Selbstinszenierung zum Meme

Ein Selbstporträt ist kein Selfie. Dementsprechend sind sie inszeniert, um in der Logik von Social Networks zu funktionieren. Der Blick der anderen wird bereits beim Erstellen mitgedacht, er ist Teil des Selfies. Es sind Bilder, die unseren Freund_innen oder Followers statt unserem Blick auf eine Situation uns in einer Situation oder in einer Pose zeigen. Sie können zum Beispiel einfach nur durch unseren Gesichtsausdruck als non-verbaler Kommentar zu der Situation dienen, in der wir uns auf dem Bild befinden. Eine Selbstinszenierung zum Meme. Das Selfie verweist aber auch immer aus den Social Media hinaus, zurück zu uns, verweist darauf, dass die Selbstinszenierung kein spezifisches Netzphänomen ist.

Ich muss dazu nicht einmal auf die Ebene vom Selbst, das nur in seiner Performance vorhanden ist gehen. Ganz banal gesagt: Benimmregeln für verschiedenste Situationen, Konsens über angemessene Kleidung für verschiedenste Gelegenheiten, Geschlechter, Figuren sind Vorgaben, wie wir uns zu inszenieren haben.

Gleichzeitig aber sollen wir uns so inszenieren, dass es möglichst niemand als inszeniert empfindet. Wer ertappt wird, wie er oder sie sich stylt, wird oft zum Opfer von Gewitzel. Gar nicht so unähnlich dem Spott, den Presse und Regierungsoberhäupter nach dem oben erwähnten Bild auf der Charlie-Hebdo-Demo von der Internet-Community abbekamen.

Social Media macht die Spannung zwischen Authentizität und Inszenierung sichtbar

Wir können Social Media eigentlich dankbar sein, dass sie die Spannung zwischen einem sich verändernden Verständnis von Wahrheit und Authentizität und Inszenierung sichtbar macht und Diskussionen aufwirft. Gerade weil es kein social-media-spezifisches Thema ist.

Nur, gerade in Social Media wird nun freiwillige lustvolle Selbstinszenierung kritisiert. Aus der Kritik an Selfies spricht immer wieder der Versuch Kontrolle darüber zu erhalten, wie sich Menschen selbst darstellen, das bekommen vor allem Frauen und Jugendliche ab. Wenn sich die meist eine männliche Perspektive einnehmenden Selfie-Kritiker ebenso vehement gegen die im Alltag omnipräsente Darstellungsform der sexuellen Objektivierung weiblicher Körper stellen würden, wie sie es kritisiert, wie sich Frauen selbst in Selfies darstellen, könnte ich ihre Kritik vielleicht sogar in irgendeiner Weise ernst nehmen. Aber derzeit wird als selbstsüchtig meist nur das beschimpft, was nicht vom und für den gesellschaftlich dominanten Blick reguliert wird. Um nur eine problematische Facette herauszugreifen.

Wahrheit ist eine endlose Annäherung

Wie sehr es in der Kritik an Selfies um Angst, die Definitionsmacht zu verlieren, geht, zeigt auch Arlt, wenn er schreibt: “Selbstvermarktung als wirtschaftliche Existenz- und soziale Karrierebedingung: Keine Mietwohnung, kein Arbeitsplatz, keine Bewerbung, keine Beziehung ohne ‘Selfie’, ohne die Herstellungskosten in Kauf zu nehmen für die Darstellung seiner selbst von der besten Seite. Doch diese Shows bleiben unter der Kontrolle der jeweils Anwesenden, die intervenieren können.”

Solange die Kontrolle bestehen bleibt, solange interveniert werden kann, ist Selbstvermarktung okay, denn mit einer “unerwarteten Zwischenfrage” lässt sich nach Arlt doch die “Wahrheit” ans Licht zu bringen, die er auch noch an Leistung festmacht.

Als ob eine gelungene Selbstdarstellung keine Leistung wäre. Wie sehr er an eine objektive Wahrheit, an authentische Identität glaubt, zeigt sich auch sehr schön in einem Bild: er beklagt “das Öffentliche als Gezerre zwischen Verdunklung und Entblößung”. Aber genau das ist Wahrheit: sie ist eine endlose Annäherung, sie entsteht im Spiel verschiedenster Perspektiven, die verschiedene Stellen ins Licht rücken und andere im Schatten halten.

Berechtigte Kritik an der Social-Media-Strategie der traditionellen Medien

Ich musste darüber schmunzeln, wie nahe Arlts “Gezerre” am Bild eines “Fächertanzes” aus der Burleske ist, das Nathan Jurgenson von Marc Smith übernommen hat, um unsere Selbstdarstellung auf Social Media zu beschreiben. Es lässt sich letztlich ausweiten auf alle Arten von Selbstdarstellung, vielleicht sogar auf alle Formen von Darstellung: wir zeigen mal mehr, mal weniger, je nach Kontext verschiedene Seiten, und Identität wie Wahrheit entstehen nur in diesem Tanz, nur in der Bewegung. Arlt würde das wahrscheinlich nicht sehr sexy finden.

Es ist nicht so, dass ich nicht mit Teilen der Journalismus- und Gesellschaftskritik einverstanden wäre, die Arlt vorbringt, sonst hätte ich mich auch nicht zu diesem Text angeregt gefühlt. Aber es lässt sich nicht so, wie er es getan hat, an Selfies festmachen.

Die Nabelschau, die Journalismus auf Social Media betreibt und wie Eigen-PR-bewusst viele Journalist_innen dort aktiv sind, um sich selbst und ihre Zeitung oder ihren Sender als Marke zu inszenieren – das ist durchaus kritisierenswert und geht an dem vorbei, wie Social Media bereichernd für die älteren Medien sein können.

Wenn Social Networks selbst Publisher geworden sind

Was bei Arlt zu kurz kommt, ist das konsequente Weiterdenken der Kritik bis an die Wurzeln. Da ist die very german Sehnsucht nach einer Zeit in der Leistung noch etwas galt, und nicht nur Selbstinszenierung zum Vermarktungszweck (und als solche dürfte er auch jede Form von Social Media Strategie von Journalismus begreifen, womit ich nicht ganz nicht einverstanden bin).

Da ist die very manly Sehnsucht nach damals, als man noch blindlings als Gatekeeper akzeptiert wurde, als diese eine Perspektive noch als Objektivität verkauft werden konnte, und andere Perspektiven bestenfalls mal durch ein paar Leser_rinnenbriefe lästig werden konnten. Aber da ist keine schlüssige Verfolgung des Selbstinszenierungszwangs bis zu seinen Ursachen, sondern stattdessen werden Ärger und Ängste einfach auf neue Kulturtechnologien abgelenkt, mit denen er sich nicht wirklich auseinandersetzen will.

Journalismus krankt in großen Teilen nichtsdestotrotz tatsächlich an der Überzeugung, der Logik von Social Networks aus monetären Zwängen vermeintlich folgen zu müssen. Dadurch werden Artikel konzipiert um Schnelligkeit und Reichweite zu erlangen, während Gesichtspunkte wie Tiefe und gesellschaftliche Relevanz meist auf der Strecke bleiben, da ihnen in diesen Netzwerken keine Bedeutung zukommt. Ob Medien damit nicht mehr aufgeben als sie gewinnen, werden sie wohl erst merken, wenn auch das letzte Social Network selbst zum Publisher geworden ist.

too long, didn`t read

Die Krise des Journalismus resultiert zum Teil aus der Orientierung an “Werbung, PR und Unterhaltung” und den Strukturen von Social Media, aber: Please leave Selfies alone.

P.S.: An meine Nummer 1 der kuriosen Selfie-Angst-Artikel kommt Arlts übrigens lange nicht heran, das ist immer noch dieser hier.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.socialmediawatchblog.org.

Pleasantville ist keine Lösung – Soziale Netzwerke müssen sozialer werden

Die US-Comedian Chelsea Handler hat vor ein paar Tagen ein Bild auf Instagram gepostet, das ein Bild von ihr neben einem von Putin zeigt – beide auf einem Pferd, beide oben ohne. Beschriftet hat sie es mit: “Anything a man can do, a woman has the right to do better #kremlin.” Instagram löschte das Bild mit einem Verweis auf die Community Guidelines.

Die einfachste Reaktion darauf wäre gewesen: “Nun ja, das ist eben wie beim Hausrecht: Wenn ich bei so einem Service etwas poste, dann muss ich mich auch dessen Regeln unterwerfen.” Andererseits ist den Usern ja zunehmen auch bewusst, dass sie eine gewisse Mitsprachemacht haben, da ihre Inhalte die Bausteine sind, ohne die dieses Haus nicht existieren würde. Wenn ein Service sich zu weit von dem entfernt, was seine User wollen, werden diese ihn verlassen.

In diesem Geiste postete Chelsea Handler das Foto einfach noch mal. Diesmal mit dem Zusatz, dass es sexistisch sei, das Bild zu entfernen. Als es abermals von Instagram gelöscht wurde, postete sie einen Screenshot der Löschmeldung mit dem Kommentar: “If a man posts a photo of his nipples, it’s ok, but not a woman? Are we in 1825?” Damit löste sie in den Kommentaren und anderswo eine Diskussion über die Angemessenheit aus. Viele Kommentare pflichteten Handlers Position bei, es als sexistisch zu betrachten, aber es gab – surprise, surprise! – auch süffisante Kommentare in Richtung “höhö, wenn es um nackte Brüste geht, dann ist das genau meine Sorte Feminismus”.

Solche Dispute sind nicht wegen Celebrity Content oder Sensationalisierungspotential interessant, sondern weil sie Problemzonen der Social Networks aufzeigen.

Solche Dispute sind nicht wegen Celebrity Content oder Senastionalisierungspotential interessant, sondern weil sie zeigen, wo das Mauerwerk bröckelt. Sie machen es einfacher, Problemzonen von Social Networks zu finden, zu kritisieren und zu verbessern. Sie einfach nur als belanglose Aufreger zu ignorieren kann Gefahr laufen, in der Tradition des Abtuns weiblicher Kritik als “hysterisch” zu liegen. Auch wenn der Tonfall von Onlinediskussionen oft erhitzt und polemisch ist, sollten sie als Marker von Problembereichen ernstgenommen werden. Dass in den Medien oft eher sie als Problem benannt werden als ihre Auslöser, spricht für sich. Die Medien sind of Teil oder Plattform des Problems.

In der Time gibt es einen Beitrag von Charlotte Alter, der titelt: “Instagram is right to censor Chelsea Handler”. Darin argumentiert sie, dass um das Wohl der Kinder willen auf Social Networks wie Instagram alle Bilder nackter weiblicher Brüste gelöscht werden sollten, selbst die von stillenden Frauen (davon ist meines Wissens selbst Facebook inzwischen abgekommen. Zumindest offiziell). Die Begründung Alters: “because that kind of monitoring helps keep revenge porn and child porn off of the network. It’s not that kids on Instagram need to be protected from seeing naked photos of Chelsea Handler–it’s they need to be protected from themselves.” Wie sie in ihrer Argumentation vom Foto einer selbstbewusst satirisch posierenden erwachsenen Frau auf Kinderpornographie kommt, spiegelt letztlich deren entmündigenden Gestus wider. Dass Jugendliche sicherer im Umgang mit Social Media sind, als es die Sorge von verängstigten Erwachsenen, die nicht mit diesen großgewordenen sind, oft vermuten, lässt sich bei Expert_innnen wie z.B. Danah Boyd gut nachlesen. Ebenso bekannt ist, dass großflächige Zensur nicht den Nutzen bringt, den sich simplifizierende Hardliner davon versprechen. Beides setzt auf Freiheitseinschränkung und auf Kontrolle mit grob vereinfachenden Kritierien statt auf Auseinandersetzung. Beides scheitert immer wieder an der Komplexität menschlichen Sozialverhaltens. der wie es Astra Taylor und Joanne McNeil in “The Dads of Tech” schreiben: “Complicated power dynamics do not fit neatly into an Internet simple enough for Dad to understand.”

Die Grenze des Zulässigen beim Anblick von weiblichen Nippeln zu ziehen ist recht beliebig.

Nude Pix sind ein gutes Beispiel für dieses Scheitern. Die Grenzen zwischen der Darstellung asexueller, erotischer und pornographischer Nacktheit sind fließend und komplex. Eine medizinisch-unterkühlte Ganzkörpernacktillustration ist weniger erotisch als ein Bild auf dem ein Körper mit Dessous bedeckt ist. Was als anstößig empfunden wird, hängt von kulturellem Background, Alter und anderen Kontexten ab. Fest steht: Es ist es ein recht beliebiges Vorgehen, die Grenze des Zulässigen beim Anblick von nackten weiblichen Nippeln zu ziehen. Das bringt auch Amanda Marcotte bei Slate sehr schön auf den Punkt:

“The taboo around the nipple encapsulates how ridiculous and contradictory our expectations about women, fashion, and sexuality really are. On the one hand, women are expected to be sexually appealing, even to the point of mutilating our feet to achieve that forever-sexy mystique. But we’re also expected to avoid being too sexual, or else we’re considered scandalous. The conflicting demands reduce us to counting inches of cloth and arbitrarily deciding that the nipple is a step too far. We’d all be better off in a more sensible society where women could walk around topless to look sexy but wearing 3-inch heels was considered over the top.”

Verschiedene Netzwerke mit verschiedenen Ansätzen für verschiedene Bedürfnisse?
Netzwerke wie Twitter oder Ello haben andere Ansätze. Statt solche beliebige Grenzen des Erlaubten zu ziehen, geht Twitter, wo Chelsea Handler ihr Bild nach ihrem Abgang von Instagram gepostet hat, von mündigeren Usern aus und setzt ein Stück weit auf Vertrauen. Es wird der Komplexität und der subjektiven Natur dessen, was Menschen anstößig finden, gerechter: Die Nutzer_innen können selbst entscheiden, was sie sich ansehen. Wenn Nutzer_innen öfter solche Inhalte posten, sind sie dazu angehalten, ihren Account selbst so einzustellen, dass vor allen Bildern oder Videos mit “sensitive content”, also potentiell anstößigem Inhalt (Nacktheit, Gewalt, medizinische Prozeduren usw.) eine Warnung angezeigt wird, die bewusst weggeklickt werden muss, um das Bild zu sehen. Erst bei mehrfachen gemeldeten Verstößen schreitet Twitter ein. Einen ganz anderen Ansatz hat letzte Woche der Gamer Video Service Twitch gewählt: Er verbietet Frauen und Männern gleichemaßen, sich mit entblößten Oberkörpern zu zeigen. Puritanisch oder gleichberechtigt? Solidarische Geste oder prüde Bevormundung? Das sind Themen, die offline auch alles andere als geklärt sind und wir können aus den Onlinediskussionen darüber auch dafür lernen. Die unterschiedlichen Ansätze was die Handhabe von potentiell anstößigen Inhalten anbelangt deuten daraufhin, dass die sinnvollste Art der Nutzung und auch der Entwicklung von Social Networks ist, verschiedene Netzwerke für verschiedene Bedürfnisse zu verwenden. Was aber, wenn Netzwerke die eierlegende Wollmilchsau sein wollen, weil es mehr User bringt und damit mehr Profit? Was aber, wenn ein Netzwerk die eierlegende Wollmilchsau sein will, weil es mehr User bringt und damit mehr Profit.

Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Wie lassen sich Social Networks sozialer gestalten?

Noch mal zurück zu Charlotte Alters Artikel, in dem sie schreibt: “This is also a question of practicality. Ideally, Instagram would be able to distinguish between a naked 13-year old and a breastfeeding mom. In reality, it would be unrealistic to expect Instagram to comb through their content, keeping track of when every user turns 18, whether the user is posting photos of themselves or of someone else, and whether every naked photo was posted with consent. …“

Noch mal auf deutsch: Es sei eine Frage der Praktikabilität und von Instagram könne keine angemessene Inhaltsmoderation erwartet werden. Dem möchte ich in aller Deutlichkeit entgegensetzen: Doch, das ist genau die Forderung, die wir an Social Networks stellen müssen: angemessene Inhaltsmoderation und Restrukturierung. Sie sind zunehmend Teil von zu vielen Bereichen unseres Lebens, um ihre Unzulänglichkeiten zu ignorieren. Immerhin verdienen sie gutes Geld an ihren Usern und deren Inhalten und investieren eine Menge davon ja schon in fein-strukturierte und höchst effiziente Filterung dieser Inhalte – nur eben für Werbekundschaft. Die Interessen beim Bauen, Strukturieren und Verwalten von Social Networks lagen lange genug nur auf Technik und Marketing. Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Wie lassen sich Social Networks sozialer gestalten? Die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge darf gerade bei solchen sozial-ethischen Themen nicht länger als Argument gelten, die billigsten einfachsten Wege zu wählen. Dass ein Bedürfnis dafür gewachsen ist, darauhin deutet die Größenordnung und Intensität von etwas wie Gamergate und das derzeitige Entstehen von zahlreichen neuen Social Networks wie Ello oder Heartbeat.

Charlotte Alter endet in ihrem Artikel bei der Frage: “So which is more important: the rights of a few bold comedians or breastfeeding moms to feel validated by their Facebook followers, or the privacy of people who might have their private photos posted without consent? I would side with the latter any day of the week.”

„So lasset uns Freiheit für Sicherheit opfern!“ – ein Credo, das wir aus privilegierten konservativen Kreisen nur allzugut kennen. Die Freiheiten und Rechte von Wenigen als unvermeidlichen Kollateralschaden zu betrachten, den es für ein übergeordnetes Wohl zu bringen gälte, ist nichts als eine ignorante Weigerung, sich mit komplexeren Dimensionen auseinanderzusetzen. Es sollte nicht vergessen werden: Im Gegensatz zu der sonst in Medien und Marketing immer noch überwiegenden sexuellen Male Gaze-Objektivierung weiblicher Körper bieten Social Media Plattformen Frauen die Freiheit, dem eine selbstbestimmte öffentliche Abbildung des eigenen Körpers entgegenzusetzen – egal ob erotisch oder stillend oder satirisch oder medizinisch. Es wäre traurig, solche Möglichkeiten unüberlegt zu opfern. Stattdessen sollten Wege eingefordert werden, die solche Arten der Selbstermächtigung ermöglichen und der Vielschichtigkeit der User gerecht werden, ohne dass es in Konflikt mit dem allgemeinen Zugang für Jugendliche zu diesen Social Networks gerät. Pleasantville ist keine Lösung.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.socialmediawatchblog.org.

PEGIDA entfreunden?

 

Zur Zeit machen Artikel zu „Unfriend Me“ auf Facebook die Runde, in denen Kurzlinks zu finden sind, unter denen du nachsehen kannst, wer von deinen Friends PEGIDA, NPD, AfD, Ken.Fm usw liked. Aufgehängt an der Aufforderung, diese zu entfreunden. Dass dies mit einer Prise Humor zu genießen ist, sollte spätestens klar sein, wenn du siehst, dass auch ein Link dabei ist, der dir zeigt, wer Nickelback-Fan ist.

Hat mich amüsiert, habe ich auf Facebook geteilt, habe die Handvoll Friends getaggt, die Ken.Fm geliked haben (PEGIDA, NPD, AfD Leute waren bei mir eh nicht dabei), mit der Frage, dass sie dies doch bestimmt nur ironisch oder neugierdehalber täten. Ich hatte erwartet, dass diese Leute lachend abwinken, sich enttaggen und gut ist. Und: dass ich in dieser Form beim Weiterverbreiten gleich dezent mit darauf hinweise, dass Menschen auf Facebook eben nicht nur „liken“, was sie tatsächlich mögen, sondern das auch zur Recherche tun, oder ironisch, oder weil sie am Laufenden bleiben wollen, was auf diesen Seiten für Scheiß verbreitet wird usw. User werden immer ihre eigenen Wege finden, Funktionen wie den Like-Button zu nutzen und dies nicht nur auf die vom Service vorhergedachte Weise tun. Genauso wie Leute auf „Unfriend.me“ Artikel nicht blindlings mit Entfreunden reagieren, sondern auch mit Diskutieren, Belustigen, u.v.m.

Ich hatte unterschätzt, dass es tatsächlich Leute in meinem FB-Bekanntenkreis geben könnte,* die sich von sowas auf den Schlips getreten fühlen (mindestens einer davon hasst mich jetzt, glaube ich 😥 ) oder das gar welche dabei sein könnten, die Jebsens sektiererische Weltverschwörungstheorien ernst nehmen. ( o_O )Dass dem so ist, betrübt mich etwas, aber zu Diskutieren mochte ich gar nicht erst beginnen, denn dafür stehen mir diese Jebsen-Fans nicht nahe genug und erfahrungsgemäß sind Verschwörungstheorienanhänger_innen durch die quasi-religiösen Züge der Argumentation ihrer Wortführer meist diskussions-resistent. Wenn du PEGIDAs, Montagsmahnwachenden und Friedensmarschierenden beizubringen versuchst, dass es die US-zionistische Weltbankverschwörung nicht gibt und dass sie auch nicht die Medien hierzulande wie eine Krake in ihren Tentakeln halten, und warum dieses Bild antisemitisch ist, dass die Islamisierung des Abendlandes genauso wenig droht wie dass eine Gender-Mafia ihnen ihre Kinder entreißt, werden sie dich meist nur wissend anlächeln und dir sagen, wie naiv du bist, und dass du Ken oder Elsässer und wie sie alle heißen, nur nicht genug zugehört hättest. Oder, wenn sie gerade in Gruppen auftauchen, schallt dir ein stumpfes „Wir sind das Volk!“ entgegen, grob an die „Sie klaun unsere Jobs!“-Typen aus South Park erinnernd.**
Aber.

Ich halte es auch für keine Lösung, sich über PEGIDA und Co. lustig zu machen und sie als dummen Mob zu kategorisieren, auch wenn es ein verlockendes Ventil ist, weil wir dem beängstigenden Wachstum dieser Aufmärsche mit einer lähmenden Hilflosigkeit gegenüberstehen. Selbst Gegendemonstrationen versagen als Mittel ihnen Konter zu bieten, da sie sich davon nur bestärkt fühlen. Gegendemonstrationen sind aber andererseits als eine Möglichkeit wichtig, all denen unter uns ein Zeichen der Solidarität zu schicken, die von PEGIDA angegriffen und eingeschüchtert werden. Die offene Frage bleibt jedoch: Wie kommst du an eine konservative Masse von Menschen ran, die sich einfach aus einem vagen Bauchgefühl heraus unterdrückt und belogen und ausgebeutet fühlt und jedes Argument als Lüge abtun?

Ich denke, das Interessante an dem eingangs erwähnten Unfriend.Me Artikel ist nicht die Aktion, zu der er oberflächlich aufruft, sondern die Funktion, dass er vielen Leuten aufzeigen kann, dass PEGIDA oder Ken.Fm Anhänger_innen nicht „die anderen“ sind; nicht ein anonymer Mob, mit dem sie nichts zu tun haben, sondern Menschen aus dem Bekanntenkreis, Leute von nebenan. Was sie dann draus machen – das dürfte bei jeder_m anders ausfallen.

P.S.: Als ich das erste Mal von PEGIDA hörte, fühlte ich mich an die Anfang des Jahres veröffentlichte „Mitte-Studie“ erinnert, und ich dachte mir, dass PEGIDA nun vielleicht endlich ein groß genuger Anlass sein könnte, auch in der Mainstreamberichterstattung und Politik der Extremismustheorie den längst überfälligen Todesstoß zu versetzen. Dieser Gedanke taucht auch in einem neuen Artikel der Publikative.org auf, deren Berichterstattung und Auseinandersetzung zu PEGIDA auch sonst sehr empfehlenswert ist.

*) Ich bin jemand, dessen FB-Bekanntenkreis neben offline-Freundschaften stark durch kulturelle Interessen wie Musikszenen und durch sozial/netz/etc./politische Haltung geprägt ist und ich poste ausschließlich öffentlich. Jemand, der oder die Facebook eher für Familiäres und in kleinen geschlossenen Kreisen nutzt, wird andere Ergebnisse haben und damit anders umgehen. Wenn Journalist_innen über das Netz schreiben, solltet ihr nicht vergessen, dass sie immer nur eine von vielen möglichen Perspektiven auf Social Media haben, die meist entweder auf ihrer eigenen personalisierten Timeline, auf der Timeline der Facebook-Seite ihres Nachrichtendienstes, oder auf verallgemeinernden Datenauswertungen basiert, die nur öffentliche Postings berücksichtigen. Correct me wenn ich falsch liege.

**)  In einer Folge der Serie kommen durch ein Zeittor Immigrant_innen aus der Zukunft („Goobacks“, das Wortspiel mit Schleim, Zeitreise, immigrant_innenfeindlichem Slogan geht im Deutschen leider etwas verloren) als Billigarbeitskräfte nach South Park, hier gibts die ganze Folge online zu sehen.

Empörung aktivieren – Konformismus und Mobverhalten im Netz

via reddit cocobango„Empörung aktivieren. Aufstehen, Aufstand, Anstand.“
Die Goldenen Zitronen

In einem Text namens ‚Konformismus im Netz – Die Meinung der Anderen‘ schreibt Martin Weigert:

„Bei Twitter und in anderen Teilen des sozialen Netzes herrscht ein Konformitätsdruck, der durch die Furcht ausgelöst wird, am virtuellen Pranger zu landen. (…)

Auf Dauer sorgt es aber für ein vergiftetes Klima und einen Konformismus, der Meinungsfreiheit und Demokratie mindestens ebenso bedroht wie die Überwachung durch Geheimdienste und Regierungen.“

Weigert zitiert dazu den ‚Blogger und Professor Joshuah Neeley‘:

 „Er sieht die entscheidende Schwäche am Prinzip der Bestrafung durch die Masse darin, dass dabei nicht schädliche oder falsche Sichtweisen zum Verstummen gebracht werden, sondern vorrangig unbeliebte Perspektiven.“

Ein neugieriger Blick auf Twitter bestätigt mir, wo ich diesen Neeley zu verorten habe, denn er retweetet z.B. einen Satz wie diesen: „In a land of freedom we are held hostage by the tyranny of political correctness.“ Mal abgesehen davon, dass ich mich gefragt habe, ob es schon ein Godwin’s Law-Äquivalent für Vergleiche mit der NSA-Überwachung gibt, wundere ich mich angesichts dessen was für Meinungen er hier gegen vermeintlichen Konformismuszwang verteidigen will schon darüber, wer mir alles diesen Artikel in den letzten Tagen beipflichtend in die Timeline gepostet hat. Das war für mich denn auch der Anlass dafür, etwas dazu zu schreiben.

Martin Weigert hat sich als ein Beispiel für Opfer von Twitterstorms Pax Dickinson ausgesucht, damals noch Chief Technology Officer von Business Insider (was auch in seiner Twitterbio vermerkt war), und in dieser Position z.B. auch über Einstellungspolitik entscheidend. Dieser twitterte über Monate hinweg Dinge wie: In The Passion Of The Christ 2, Jesus gets raped by a pack of niggers. It’s his own fault for dressing like a whore though.“ oder aw, you can’t feed your family on minimum wage? well who told you to start a fucking family when your skills are only worth minimum wage?“ oder A man who argues on behalf of feminism is a tragic figure of irony, like a Jewish Nazi.“  oder den Tweet, der dann eine Lawine von Retweets und Protestreplies ins Rollen brachte: feminism in tech remains the champion topic for my block list. my finger is getting tired.“ Kurz darauf wurde er gefeuert, weil BI das zu viel Negativwerbung war. Ein anderes Beispiel Weigerts ist der Fall von Justine Sacco. Die Frau, die einen hochrangigen PR Job hatte, twitterte: „Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!“ Sie war am nächsten Tag ihren Job los, ihren Account hat sie gelöscht.

Von diesen Beispielen ausgehend fordert Martin Weigert mehr Empathie und Entschleunigung von den KritikerInnen dieser Tweets: Sie sollten doch erst mal durchatmen bevor sie auf sowas reagieren. Nun, ich fände es angebrachter, wenn er diesen Ratschlag Leuten wie Dickinson und Sacco gäbe. Ich finde es schade, dass so aus einem aktuellen interessanten Thema bei Weigert letztlich bloß wieder mal das Aufwärmen vom guten alten „Das wird man doch wohl mal sagen dürfen!“ wurde. Protecting hate speech, yay. Es sind wieder mal die Stimmen der ‚Anderen‘, die im Konsens des Mainstreams stören. Pardon, aber es hat halt wirklich so ganz und gar nichts mit Konformismus zu tun, wenn ich mir vor dem Posten überlege, ob das was ich schreibe, sexistisch oder rassistisch ist. Eher mit… ähem… Empathie?

Es mag für Privilegierte ungewohnt sein, dass sie im Internet nicht immer so konsequenzlos sexistisch und rassistisch sein können wie im Gespräch unter Vertrauten oder im Beruf, aber mein Mitleid hält sich da ähnlich in Grenzen wie wenn sich jemand über Konformitätszwang beschwert, weil alle dauernd Katzenbilder posten. Grundlegend ist es erst mal eine schöne Seite des Internets, dass in Blogs oder Social Networks diejenigen, die sonst z.B. im Job ständig aus Furcht selbigen zu verlieren ihren Mund zu Diskriminierungen halten müssen, sich trauen können auch mal dagegen zu protestieren. Und auch mal die Möglichkeit haben lautstark die Mehrheit zu sein, die Hatespeech ein Konter bietet. Und eines kann ja anscheinend dieser Tage wieder mal nicht genug betont werden: Meinungsfreiheit ist nicht die Freiheit von Konsequenzen aus dem Äußern der Meinung.

Es ist ja auch letztlich nicht die Angst vor den Äußerungen anderer User, die den ‚Konformismuszwang‘ ausmacht, au contraire, denen sind solche Leute wie Dickinson ja eher gewohnt vor den Latz zu knallen, dass sie einfach keinen Humor hätten. Und dass Jim Knopf nun mal schwarz sei. Es ist die Angst vor Konsequenzen z.B. im Berufsleben. Pech für die, die einen Ruf zu verlieren haben. Oder an Sacco angelehnt: „Going on Twitter. Hope I don’t get fired. Just kidding. I’m self-employed!“ (Jon Henke). Weigert jedenfalls scheint auch gar nicht Konformismusdruck an sich zu interessieren, sonst hätte er auch ein gelungeneres Beispiel wählen können, z.B. wie manche Frauen im Netz nur weil sie für Gleichberechtigung eintreten, mit Vergewaltigungs- und Morddrohungen überschwemmt wurden und werden. Genauso wenig geht es Weigert anscheinend um das Thema der Bedrohung der freien Meinungsäußerung im Netz, denn dann hätte er auch Beispiele anführen können wie das Twitter Joke Trial  oder das des englischen Studenten, der wegen eines Twitterscherzes über „diggin‘ up Marilyn Monroe“ und „destroying“ America deportiert wurde, um nur zwei zu nennen, die mir auf die Schnelle einfallen, und in denen es nicht andere User sind, die zum ‚Konformismus‘ zwingen, sondern staatliche Behörden. Ich finde ‚Konformismus‘ in diesem Artikel auch eher einen problematischen Begriff, weil er den Verzicht auf Hatespeech negativ auflädt, ebenso wie ‚Meinungsfreiheit‘ ein zynischer Begriff ist um Rassismus und Sexismus zu verteidigen.

Aber noch mal zurück: In Echtzeit auf Twitter mitverfolgen zu können, wie Pax Dickinson dank massiver Kritik an seinen Hass-Tweets seinen Job verlor, fand ich gleichermaßen erschreckend und befriedigend. Erschreckend, weil es einfach ungewohnt ist, dass öffentlich mitbeobachtet werden kann, wie jemand für seine Bemerkungen zur Rechenschaft gezogen wird, und das auch noch so schnell. Befriedigend, weil da jemand, der zum Problem für Frauen in der Technikbranche gehört, hier mal tatsächlich Konsequenzen zu spüren bekam, und das nur weil sich eine Gruppe von Menschen zusammentat, um die Hassäußerungen zu kritisieren. Und dann gleich noch mal auf einer anderen Ebene erschreckend: Erschreckend vor mir selber, dass ich das als gut empfand. Es ist bei so etwas ein feiner Grat zwischen solidarischem Zusammenschluss und Mobverhalten.

Dieses Mobverhalten ist ja eigentlich der Punkt, der kritisch angesprochen werden sollte. Dieses ist ebenso wie die Gier nach Sensationen im Netz auch nicht immer negativ behaftet, sondern wird bei sowas wie Hypes und viralem Content ja durchaus auch als positiv empfunden, und gerne von der Werbebranche oder von Nachrichtenmedien ausgenutzt. Dabei wird es auch als angemessenes Verhalten bestärkt: Sei es eine extraprovokative Clickbait-Schlagzeile die Fremdenhass schürt oder ein sexistische Grenzen überschreitender Werbeclip – in solchen Fällen soll der User ja dazu gebracht werden mit Klicks und Kommentaren die Auflagenstärke 2.0 zu steigern. Dass diese Mobmentalität und das schnelle (Über-)Reagieren und ebenso schnelle Vergessen im Netz aber auch ganz Unbeteiligte oder Unschuldige in Abgründe stürzen kann (hier drei Beispiele via @machinestarts 1, 2, 3) wird dabei genauso schnell vergessen. Das läuft alles auf so unbedarftem niedrigen Instinktlevel ab, das nichts aus solchen Beispielen gelernt wird und keine Konsequenzen bedacht werden. Einen Gedanken wert ist es auch, dass es sich hier nicht um internetspezifisches Verhalten handelt, denn Mobbing und Outing finden auch seit jeher außerhalb des Internets statt, aber da finden sich nicht so schnell so große (anonyme) Gruppen, die sich beteiligen, und es gibt eine andere Sensibilität für Dos und Don’ts und ‚ungeschriebene Gesetze‘.

Im öffentlichen Bewusstsein wurde viel zu lange der Mythos des digitalen Dualismus gepflegt: der Mythos vom Internet als uneigentlichem virtuellen Raum, der mit dem ‚echten‘ Leben‘, das als eigentliche Realität begriffen wird, nicht so viel zu tun hat, und deshalb auch keine Konsequenzen darin findet. Es herrscht oft eine Unbeholfenheit beim Kommunizieren im Netz – ist es nun wie öffentliches Reden, ist es wie Lästern im Freundeskreis? Soziologische, kulturelle und ethische Gedanken im Bereich der technischen Erweiterungen unseres Lebens hinken oft hilflos dem Einfluss dieser hinterher. Verhaltensforschung im Netz ist meist eher an Ergebnissen und Themen interessiert, die sich für die Werbebranche nutzen lassen. In Medien werden solche Themen meist nur zu einem breiter diskutierten Thema, wenn sich was Spektakuläres ereignet. Wo vor einer Weile noch die Abgründe der Kommentarbereiche oder die Shitstorms als Zeichen der Apokalypse gefürchtet wurden, ist es jetzt das Public Shaming und die Mobmentalität auf Twitter. Vielleicht hat es ja wirklich Menschen stärker als angenommen geprägt, dass sie seit langem in fast allen Lebensbereichen einer hypersensationalistischen empathiearmen Medien- und Werbekultur ausgesetzt sind, und es erscheint ihnen die adäquate Art und Weise jetzt dort wo sie selbst ‚Nachrichten‘ posten können, ähnlich zu verfahren. Gelernt ist gelernt. Ich hoffe ja, dass sich auch hierzulande bald mal mehr schlaue Leute aus nicht-rein-technischen Disziplinen tiefergehend damit beschäftigen, wie wir mit unserer technisch-erweiterten Realität so umgehen und was für Folgen das hat, und die das mal soziologisch auseinandernehmen, diskutieren und mit allen negativen und positiven Facetten für eine breite Öffentlichkeit verständlich aufzubereiten. Dann liefe das vielleicht auch nicht immer nur auf Glorifizierung oder Dämonisierung (so wie im Text von Weigert gleich das Ende der Meinungsfreiheit und Demokratie heraufbeschworen wird) hinaus.

Sexarbeit in TV Serien – Deadwood, Firefly und True Blood

btw-sexarbeitIn einem Text zum neuen Beyoncé Album schreibt die britische Feministin Laurie Penny im New Statesman:

 

„Mehr als alles andere ist Beyoncé eine Künstlerin des Marktes. Sie würde niemals ein Album veröffentlichen, für das ihr Publikum nicht in maßgeblicher Weise bereit ist, und die Mainstreamwelt, die Dance Pop hört, war hierfür bereit. Sie war bereit für ein Album über Feminismus und sexuelles Selbstvertrauen und eine Sorte Mitgefühl, dass dich auf deine Füße reißt und dich anfangen lässt Schönheitskultur zu kritisieren und dann durch die Straßen zu ziehen und Polizeiautos anzuzünden in einer irrsinnig glamourösen Version des Black Blocks.“ (Übersetzung von mir)

Dass der Pop-Mainstream nichts herausbringt, von dem er nicht zu wissen glaubt, dass die breite Masse dafür bereit ist, lässt sich gewiss auch von der Welt der Fernsehserien auf HBO oder Fox sagen. Aus diesem Gedanken heraus fand ich es auch interessant, für die ‚Sexarbeit‘-themed Dezembersendung von ‚Gender. So What?‘ auf Radio Z ein Pop-Thema zu wählen, nämlich sich die Darstellung von Sexarbeit in ein paar TV-Serien ein bisschen näher anzugucken. (Das hier ist die Textversion des Radiobeitrags.) Dafür möchte ich zwei Bälle aufnehmen, die von der Frankfurter Allgemeinen und dem Missy Magazine aufgeschlagen wurden: Sexarbeit in ‚Deadwood‘ und ‚Firefly‘.

In der FAZ stellt Volker Zastrow seinen Standpunkt klar: „Prostitution ist ein anachronistischer Überrest der Unterdrückung von Frauen. Sie ist Missbrauch, dem man nicht zu Leibe rücken kann, indem man ihn umtextet, rhetorisch normalisiert.“ Zur Verbildlichung zieht er die HBO-Serie ‚DEADWOOD‘ heran.

Es ist die Geschichte der Goldgräberstadt Deadwood in den 1870er Jahren, als es vom Goldgräbercamp zur Stadt wuchs. Die Hauptidee der Serie ist laut Produzent David Milch das Entstehen einer Gesellschaft aus dem Chaos heraus indem sie sich um ein Symbol herum (in der Serie ist das das Gold) organisiert. Darum werden verschiedene Themen, neben Prostitution und Frauenfeindlichkeit auch Einwanderung, Rassenhass, Drogen und die Entstehung des amerikanischen Kapitalismus angerissen. Es ist eine Western-Serie, die recht unverschönt Geschichte aus der Perspektive von Losern schreibt, voller Dreck und Gewalt.

Zu den Verliererinnen dieser Ära gehören die Prostituierten, die zentrale Rollen in der Serie einnehmen. Sie sind nicht die strahlenden Federboaschönheiten, die wir aus traditionellen Western kennen, sondern sind schmutzige, gelangweilte Frauen, denen Gewalt widerfahren ist und die wissen, dass ihnen weiterhin jederzeit Gewalt zugefügt werden kann. Keine Spur von Glamour, keine Spur von freiwillig gewähltem Job, nein, eher eine Geworfenheit in ein Schicksal, das durch die Position in der Gesellschaft quasi vorgezeichnet ist. Die Frauen des Gem, eines der Deadwood Bordelle, wurden von dessen Besitzer aus einem Waisenhaus abgekauft, in dem er selbst als Sohn einer Prostituierten aufgewachsen war. Mit Joanie und Trixie gibt es gleich mehrere Sexarbeiterinnenfiguren, die als eigenständige Charaktere in Deadwood tragende Rollen einnehmen. Es gibt Selbstermächtigungsversuche, aber Joanies Versuch ein eigenes Bordell aufzumachen scheitert ebenso wie Trixies Schritt in einen Job jenseits der Sexarbeit. In der FAZ hält es Sarkow für ein Argument, dass sich in der Rezeption der Serie über die Rollen der Frauen aufgeregt wurde:

„Es wurde ja nicht nur die Entrechtung von Frauen in Szene gesetzt, sondern auch die von Chinesen, Schwarzen, von Behinderten, von Grubenarbeitern. Niemand in Deadwood ist vor Gewalt sicher, die Ermordeten, denen man kein Begräbnis gönnt, werden den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, die Verbrechen bleiben ungesühnt. Auch darüber hätte man sich aufregen können. Tat aber keiner. Vielleicht, weil es vorbei ist. Die Unterdrückten sind frei. Die Menschenrechte sind garantiert. Es gibt diese Greuel nicht mehr. Bis auf die Prostitution.“

Davon abgesehen, dass ich das insgesamt für etwas naiv halte, weil ‚Prostitution‘ in der Form von Menschenhandel und Vergewaltigung gewiss nicht das einzige in Deadwood angerissene Greuel ist, dass noch gibt, ist mir wichtig, dass er bei all seiner Aufregung über Prostitution als unmoralischer frauenfeindlicher Akt per se die Selbstermächtigungsakte der beiden von mir erwähnten Figuren übersieht. Es lässt sich durchaus sagen, dass Sexarbeit, der Frauen selbstbestimmt nachgehen, in Deadwood in Form eines von Frauen selbstgeführten selbstgewählten Bordells durchaus als möglicher positiver Ausweg vorgestellt wird. Ein Ausweg der aber – und darin, das in aller Brutalität auszuführen ist DEADWOOD wirklich großartig – ein Ausweg, der aber nicht funktionieren kann, solange die Ideologie und die herrschenden Verhältnisse der Gesellschaft sich nicht ändern. Das ist nämlich er eigentliche Punkt, der bei DEADWOOD gemacht wird: Nicht, dass Sexarbeit ausschließlich Menschenhandel und Vergewaltigung bedeutet, sondern dass selbstbestimmte Sexarbeit an der Form der Gesellschaft wie sie in DEADWOOD dargestellt wird, nicht möglich ist.

Die Redaktion des Missy Magazine hatte die schlagfertige Idee in einem Gegenartikel zu Zastrow eine andere TV Serie wegen ihrer Darstellung der Sexarbeit heranzuziehen: FIREFLY.

FIREFLY spielt in der Zukunft, 2517 um genau zu sein, und es ist ein Space Western, eine Science Fiction Utopie, in der ganz pioniersmäßig die Menschen ein neues Sternensystem besiedeln. Die Hauptfiguren stehen auf der VerliererInnenseite eines Bürgerkriegs, und führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft, die aus der Allianz besteht, einer Supermacht, die westliche und fernöstliche Kultur vereint. Sie überleben mit Schmuggeldiensten auf einem Raumschiff namens Serenity, dass der Firefly-Klasse angehört – daher der Serienname. In dieser Serie gibt es eine Figur die sowas wie eine ideale Form der Sexarbeit praktiziert: Inara Serra, ein ‚Companion‘. Die Missy schreibt:

Warum wurde „Firefly” damals als feministische Serie gefeiert? Schließlich zeigte Joss Whedon Frauen darin nicht nur als Wissenschaftlerinnen oder Waffenspezialistinnen, sondern auch als Prostituierte. Vielleicht lag es daran, dass die „Companions”, wie SexarbeiterInnen in „Firefly” heißen, keine unterdrückten und misshandelten Frauen waren. Sondern angesehene hochausgebildete Expertinnen, die unter anderem auch in Schwertkampf, Kalligraphie und Psychologie glänzen mussten. Die die Regeln ihrer Arbeit selbst bestimmten – etwa, welche Klienten sie annehmen wollten. Prostitution, wie sie auf der vormaligen Erde existierte, war längst abgeschafft, ersetzt von der staatlich anerkannten „Companion’s Guild”, die ihre eigenen Regeln schuf. So durfte kein Haus je von einem Mann geleitet werden, die Ausbildung in den einzelnen Häusern war umfassend geregelt und beinhaltete Tanz und musische Bildung ebenso wie akademische Fächer. Frauen wie Männer wurden hier ausgebildet, Frauen wie Männer bedienten KlientInnen beiden Geschlechts. Wer ein Mitglied der Gilde je respektlos behandelte, wurde für immer auf eine schwarze Liste gesetzt und könnte nie wieder die Dienste einer Companion in Anspruch nehmen.

So lässt sich über FIREFLY festhalten, dass hier eine Form der Sexarbeit in einer zukünftigen ‚besseren‘ Gesellschaft entworfen wird, die das Argument von GegnerInnen, dass Prostitution immer frauenfeindlich und menschenunwürdig sei, entkräftet und damit auch die Trennung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit in ihrer Wichtigkeit unterstreicht.

Ich möchte noch ein drittes Beispiel nennen, wie Sexarbeit in einer aktuellen TV Serie dargestellt wird, und zwar in TRUE BLOOD, einer Serie in der Vampire sich durch Massenproduktion von künstlich hergestelltem Menschenblut outen können und für ihre Gleichberechtigung als Teil der Gesellschaft eintreten. In der Rezeption wird das gern als Anspielung auf den Kampf um LGBT*-Rechte gesehen, nicht zuletzt weil die Serie auch Wortspiele aus dem LGBT*-Kontext verwendet, z.B. wird dort aus dem christlich-homophoben ‚God Hates Fags'(‚Gott hasst Schwuchteln‘)-Spruch hier ‚God Hates Fangs‘ (‚Gott hast Fangzähne‘) wird, oder ‚breeder‘ (Brüter als Ausdruck für Heteros) zu ‚breather‘ (also: die Atmenden).

Ein Vampir, die im Laufe der Serie von einer Neben- zu einer Hauptfigur wird, ist Pam, Pamela Swynford De Beaufort. Bevor sie zum Vampir wurde, war sie Mitte des 18. Jahrhunderts Bordellchefin in San Francisco. Im Gegensatz zu den Menschen in DEADWOOD, denen kein Ausweg aus ihren Klassen und kaum einer aus ihren Geschlechterrollen möglich ist, kam Pam nicht aus einer Zwangslage heraus zur Sexarbeit. Im Gegenteil: Pam wuchs als Kind wohlhabender Eltern auf und langweilte sich in der höheren Gesellschaft. Sie hatte zahllose Affären, und als bisexuelle Femme die ihre Sexualität frei und ungehemmt ausleben wollte, führte ihr Weg zwangsweise aus der lustfeindlichen höheren Gesellschaft hinaus. Sie wurde Bordellchefin. Auch ihre Entscheidung Vampir zu werden war selbstbestimmt: Sie schlitzte sich die Pulsadern auf und stellte damit einen Vampir, mit dem sie eine Freundschaft verband, vor die Wahl sie sterben zu lassen oder zum Vampir zu machen. In ihrem Vampirleben lernen wir sie in der quasi-Gegenwart dann als Besitzerin von Fangtasia kennen, eines Nachtclubs, einem erotisch-aufgeladenen Treffpunkt für Vampire und Menschen, die sich zu Vampiren hingezogen fühlen: ‚Fangbangers‘, wie sie moralisch abwertend von der konservativeren Bevölkerung genannt werden.

Ein weiterer Charakter in True Blood bedient sich zeitweise der Sexarbeit: LaFayette, schwuler Koch, Medium und Drogendealer, verdient nebenbei auch noch durch Sex und eine Sexcam-Website Geld, mit dem er u.a. für die Kosten der Klinik für seine Mutter aufkommt. Die Droge, die er vercheckt, ist Vampirblut, das Menschen in kleinen Dosen high macht, und das er im Tausch gegen sexuelle Dienste von einem Vampir bekommt. Wie Pam im 18. Jahrhundert als Frau, die ihre Sexualität offen auslebt, zur gesellschaftlichen Außenseiterin wird, wird LaFayette es in einer Südstaaten-Kleinstadt der Gegenwart durch seine offen ausgelebte Homosexualität. Beide sind also schon bevor sie zur Sexarbeit kommen gesellschaftliche Outlaws, wodurch sich beide aber keineswegs in eine Opferrolle drängen lassen, sondern der Stigmatisierung durch die Gesellschaft eher ein „Fuck You“ entgegenwerfen. Sie werden beide als starke charismatische und leidenschaftliche Charaktere skizziert, sowohl was das selbstbewusste Ausleben ihrer Sexualität anbelangt, als auch das Eintreten für Menschen, die ihnen nahestehen; und beide zeichnen sich durch eine großartige Prise schlagfertigen schwarzen Humors aus. Die Sexarbeit wird hier als freiwillig eingegangener Handel dargestellt, bei dem sie selbstbestimmt agieren und selbst entscheiden mit wem sie was tun.

Soweit diese kurz angerissenen drei Beispiele, in denen sich bei genauerer Betrachtung verschiedene Ansätze zur Verbesserung oder Idealvorstellungen davon finden, wie die Bedingungen für Sexarbeit aussehen könnten oder was falsch läuft. Bei Deadwood, in einer historischen Annäherung, scheitern die Ansätze an den brutalen patriarchalisch-kapitalistischen Verhältnissen. Bei Firefly, in einer Zukunft in einer anderen Galaxie, bekommen wir utopische gesellschaftliche Verhältnisse vorgestellt, in denen Sexarbeit sogar als relativ hoch angesehener Job gilt, der nicht nur auf die sexuell-körperliche Ebene reduziert wird, sondern zu dem auch eine psychologisch-betreuende Ebene gehört. Bei True Blood, in einer parallelen Fantasy-Gegenwart bekommen wir die Sexarbeit als etwas präsentiert, das selbstbestimmt ausgeübt werden kann. Das Problem kann hier eher in der Stigmatisierung des Auslebens von nicht-heteronormativen Sexualvorstellungen gesehen werden, das die Betroffenen gesellschaftlich ausgrenzt und dadurch automatisch in die Nähe eines kriminalisierten Milieus rückt.

Abschließend möchte ich noch einen Punkt ansprechen, an dem sich die derzeitige Diskussion um Sexarbeit gern aufhängt: Die Frage nach der Freiwilligkeit, der freien Wahl als Kriterium. Diese hat in unseren drei Beispielen nur die Sexarbeiterin der Zukunft in einem utopischen Gesellschaftsentwurf. Deadwood zeigt letztlich wie nicht nur die Sexarbeiterinnen, sondern alle Menschen in einem hyper-patriarchal-kapitalistischen Umfeld Zwängen unterworfen sind, denen sie nicht entkommen. True Blood gibt uns Figuren, die durch ihre Sexualität bereits von den Moralvorstellungen der Gesellschaft in ein Außenseiterdasein gedrängt wurden, von dem aus der Schritt zur Sexarbeit kein großer mehr war. In keinem der Fälle träge ein Sexarbeits-Verbot zu einer Verbesserung der Situation der Betroffenen bei. In allen Fällen wird das deutlich, was wir bei der aktuellen Diskussion um die Sexarbeit nicht vergessen sollten: Die ‚freie‘ Wahl gibt es nicht, sie ist immer an sozio-ökonomische Bedingungen gekoppelt. Diese sozio-ökonomischem Bedingungen zu verbessern sollte also, wenn wir uns auf den Weg zu einer Utopie machen wollen, statt einer partiellen Verbotskultur unser großes Anliegen sein.