Move it move it! Dieser Blog ist umgezogen!

Ich hoste meine Blogs nun wieder selber (ich mag den neuen Editor hier nicht, und will auch keine Werbung auf meinem Blog haben) und über all dem WP-installieren und Theme-Aussuchen habe ich völlig vergessen, das hier im alten Blog zu posten und eure Abonnements mitumzuziehen (mach ich gerade). Hier aber jetzt:

ACHTUNG ACHTUNG – Dieser Blog ist umgezogen nach www.breakingthewaves.de und mein englischsprachiger bzw auch meine Hauptwebsite ist hier: www.evemassacre.de  

Wär schön, euch auch dort zu sehen! 🐦

Oh Noes! Nicht noch ein Artikel über die Krautreporter!

Es ist faszinierend, was in den letzten Tagen aus der Crowdfunding-Aktion der Krautreporter für ein Wirbel geworden ist. Viele der großen Medien haben es aufgegriffen, zahlreiche Blogs kommentiert und auf Twitter und facebook ging und geht es auch rund. Da sich Krautreporter aus eher bekannteren Journalisten und – ja: auch ein paar -innen – zusammensetzt, die den Onlinejournalismus als kaputt bezeichnen und mit Pathos zu seiner Rettung antreten, sind die Erwartungen hoch und es wird neugierigst durchleuchtet, was da entstehen soll. Mit der Kritik wurde bisher eher mäßig umgegangen, von Fans kam alsbald die Befürchtung, dass dieses Herumkritisieren das zarte Pflänzchen kaputtmachen könne. Es wurde gar Welpenschutz gefordert.

Wenn das Pflänzchen so zart wäre, dass es vor ein paar kritischen Worten einknickt, dann wäre es sein Geld nicht wert.

Die Kritiken, die ich gelesen habe, sind weder besonders hart noch überraschend angesichts der Prominenz. Und schon gar nicht ist Kritik schlecht für ein junges Projekt, das ja selbst sagt, dass es in einem dialektischen Ansatz mit seinem Publikum wachsen will. Letztlich ist kritisches Feedback immer auch eine Art Kompliment an die Sache: Krautreporter wird ernstgenommen. Davon abgesehen war das Gros des Feedbacks, dass ich mitbekommen habe, entweder positiv oder Kritik mit der Anmerkung, das Projekt trotzdem unterstützenswert zu finden und gespendet zu haben.

Das wiederum verwundert mich, denn dafür was für professionelle und durchaus auch passionierte Journalist*innen da im Team sind, kommt die Präsentation enttäuschend unausgereift und farblos daher. Statt inhaltlich und strukturell konkreten Vorstellungen und einer knackigen Vorschau anhand von Beispielen kommen Videoporträts eines Teams aus Journalisten, die eigentlich ganz gut unterkommen sind in ihrer Branche; Videos voller großer vager Worte über Qualitätsjournalismus, der sich seinen finanziellen Fesseln in der Werbung entledigen will. Von Biss, Diversity und klaren Vorstellungen und Beispielen davon wie ihre Version des Zukunftsjournalismus aussehen soll keine Spur.

Es fühlt sich wie ein journalistischer Ableger der LOHAS Bewegung an, dessen Zielpublikum Geld ausgibt für Nachhaltigkeit, Fair Trade, und das Gefühl zu etwas vage Gutem beigetragen zu haben.

Wohlfühlen dadurch, die Welt mit dem ausgegebenem Geld irgendwie ein kleines Stück besser gemacht zu haben und irgendwo dazuzugehören. Die Community-Ebene als Äquivalent zum Fokus auf Regionalprodukte. Dem LOHAS ist auch zu eigen, dass er mit einer Verbesserung des Ist-Zustands zufrieden ist, große Zukunftsvisionen gibt es da nicht. Auch darin bordet Krautreporter an diese Bewegung: Es klingt alles eher nach dem Wunsch Vorhandenes besser  machen zu wollen und nach Sicherheit, weniger nach dem Wunsch sich wagemutiger in die Wogen von neuen Möglichkeiten stürzendem Anarcho-Journalismus, von dem Stefan Esser, einer der Gründer, auf Medium träumt. Was Krautreporter mit ihrer Präsentation bislang abgeliefert haben klingt eher, als wären sie im Bestreben zur Finanzierung eine möglichst breite Masse zu erreichen in die Falle getappt, sich aller Ecken und Kanten zu entledigen – genau das, was sie dem clicksabhängigen Onlinejournalismus vorwerfen. Mir fehlt da ein klares lautes Verorten in unabhängigem kritisch-emanzipatorischem Journalismus.

 

 

 

Das wenige was sie an Infos herausrücken gibt nicht das stimmigste Bild ab. Hintergrund- und Recherche-Journalismus mit Tiefe soll es sein, aber dann Thilo Jung & Naiv? Für die Zukunft des Onlinejournalismus wollen sie stehen, aber dann Christoph ‚Ich bin dann mal offline‘ Koch? Kein Kommentarjournalismus, aber Stefan Niggemeier, der doch gerade darin glänzt? Dass mit Theresa ‚Tussikratie‘ unter den wenigen Frauen im Team auch noch eine Vertreterin des nach unten tretendem Anti-Feminismus-‚Feminismus‘ an Bord ist, macht die Zusammensetzung des Krautreporter-Teams nicht prickelnder.

Noch eine Newsplattform, von der ihr vorwiegend weiß/männlich/hetero/nichtmigrantisches Team behauptet, dass Vielfalt in Themenwahl, Inhalten, Perspektiven und Struktur unabhängig von der Diversity ihrer Mitarbeitenden sei ist #notmyfutureofjournalism.

Ich will keine Plattform funden, die zum x-ten Mal dieselben Perspektiven und Strukturen reproduziert. Für mich krankt Journalismus hierzulande immer noch viel zu sehr daran, dass die meisten Entscheidungstragenden so sehr an ihren Tunnelblick gewöhnt sind, dass ihnen gar nicht bewusst wird, wie eindimensional der Großteil des Erscheinenden ist, sondern diese Perspektive gar für eine objektive Sicht gehalten wird. Ich musste unwillkürlich an die Diskussion zurückdenken, die letztes Jahr um Glenn Greenwald entbrannte, der ja nie müde wird, zu betonen, dass für ihn alle guten Journalist*innen auch Aktivist*innen sind. So etwas wie völlige Objektivität gibt es für ihn nicht, sondern der Journalismus, der von sich behauptet völlig neutral zu sein versuche lediglich seine Perspektive unsichtbar zu machen. Greenwalds Ansatz von Journalismus geht von einem mündigen Publikum aus, nimmt dieses ernst. Und er verficht das seit Bloggerzeiten so überzeugend, dass ich The Intercept bestimmt gefundet hätte. Wenn mir nicht dieser Omydiar dazwischengekommen wäre.

Diese klare Selbstpositionierung, die sich nicht drum schert, Leserschaft abschrecken zu können, und auch der Biss und Esprit, die feurige Überzeugung von ihrem Ansatz – das vermisse ich beim Krautreporter. Leider. Greenwald & Co. nehme ich sogar ab, dass The Intercept auf ein diverseres Team zusteuert, weil sie das auf inhaltlicher, perspektivischer und arbeitsmarktstruktureller Ebene wichtig finden. Krautreporter klingen für mich so, als ob sie, naja, vielleicht zumindest das mit den Frauen irgendwann mal angehen, weil es halt irgendwie jetzt von manchen gefordert wird und ja auch nicht so ganz verkehrt ist usw.usf.

Dass Krautreporter die Kommentarfunktion zu einer Communityfunktion ausbauen wollen, finde ich eine gute Sache; dass sie das bis zu Offline-Aktionen erweitern wollen, kann sogar sehr spannend werden (wenn es nicht wieder so ein Berlin-only-Ding wird). Aber dass sie ausgerechnet vor der Interaktion mit ihrem Publikum die Paywall aufziehen wollen, da geht unser Verständnis von Community auseinander: „Zahlen sie nicht, [dann wird sich das] anfühlen als würde ihre Lieblingsband im Stadion spielen und sie dürften die Umkleidekabine nicht verlassen“, so die Krautreporter. Statt offenem Austausch soll hier eine geschlossener Clubbereich gebaut werden, für den Leute zahlen sollen. Exklusion statt Inklusion ausgerechnet in dem Bereich, der durch eine lebendige Diskussionskultur auch Leute anziehen könnte. Ich hätte mir ja eher Journalismus gewunschen, der etwas aus Community Media und der Blogger-Szene als typischen Netzmedien lernt, Augenhöhe schätzt und nicht mit Metaphern von Rockstars ankommt, die nur mit ihren Fans kommunizieren, wenn diese zahlen.

Unabhängig von Krautreporter gestehe ich aber, dass ich sowieso zu denen gehöre, die in der Zwickmühle stecken sich nicht nur an eine Zeitung fest binden zu wollen, aber die es sich auch nicht leisten können ein Dutzend zu abonnieren. Es tut mir ja leid wann immer ich das völlig nachvollziehbare Gejammer um die Finanzierung von Journalismus höre, aber ihr machts einer auch nicht leicht.

Die ’natürlichste‘ Weise im Netz Journalismus zu genießen, ist für mich die polyamouröse.

Das drückt keine Geringschätzung für die einzelnen Newsplattformen aus, sondern eine Liebe, die sich nicht nur an eine binden kann und will. Es gibt einfach ein so irrsinnig großes Überangebot an Lesenswerten im Netz, dass ich da (bis auf ein paar Ausnahmen wie The New Inquiry, The State oder Der Zaun) gezwungenermaßen Micropayment-Fan bleibe, was selten angeboten wird.

Die Diskussion über die schlechte Qualität des Onlinejournalismus kann ich auch nicht mehr hören, denn in meiner Erfahrung gibt es, vor allem wenn du auch Englischsprachiges liest, einen Überfluss an qualitativ gutem kostenlosen Journalismus. Ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit mal alles gelesen haben werde, was sich in meiner Pocket App angesammelt hat. Da vermisse ich dann eher manchmal selbst als passionierte Onlineleserin dieses wohlige Printzeitungsspezifische Gefühl eine Ausgabe fertiggelesen zu haben, sie zusammenzufalten, und dann Blatt für Blatt als Unterlage für den Katzennapf weiterzuverwenden. Das kann mir Krautreporter aber auch nicht geben. Hey, wenn jemand das gecrowdgefundet haben möchte: Ich wär sofort dabei bei einer personalisierten Print-Tageszeitung, die mir auf wunderbar großformatigem dünnen Zeitungspapier gedruckt all die Artikel auf den Frühstückstisch bringt, die ich mir am Vortag auf Pocket zum Lesen vermerkt habe.

Wiebusch, der deutsche Macklemore

Wiebusch macht einen Versuch, zum deutschen Macklemore zu werden und platziert rechtzeitig vor der WM diesen Song und ein neues Album. Echte deutsche Jungens sind dem Stereotyp nach auf der Gefühlsebene am besten über Fußball zu erreichen, und praktischerweise ist das ja einer der Bereiche, der sich ebenso gern anti-homophob, anti-rassistisch und anti-sexistisch gibt wie es Fans, Spieler und das ganze Business drumrum sind. Super-Kombi: Wiebusch setzt nun also auf Fußball-Bro-Culture-Pathos und die Emotionaliät eines Coming Outs, ach was sag ich, DES Coming Outs des Erretters, und feiert das im Heldenpathos: Ein Mann muss sich outen, dann ist das schnell alles für den Rest ganz easy. Genau wie mit dem Rassismus, den es laut diesem Song im Fußball ja auch nicht mehr gibt. Very funny. Not.

Was ich davon halte, wenn Heteros Queer Culture für ihre Zwecke melken, während im strukturell genauso homophoben Deutsch-Indiepop auf gleicher Ranghöhe mit sowas wie Wiebusch bezeichnenderweise kein Platz für einen queeren Künstler*in ist, die selbst einen Song zum Thema bringen könnte oder würde, habe ich ja schon in aller Breite in meinem Beitrag zur GQ-‚Mundpropaganda‘-Aktion erläutert. Ebenso, warum wir auf diese Art Bezeugungen verzichten können, bei denen sich weiße Hetero-Männer für möglichst viel Publicity gegenseitig dafür auf die Schultern klopfen, wie unfaßbar fucking tolerant sie sind, ja, ganz von sich selber gerührt, ohne zu checken, dass genau diese Kultur das Problem stärkt, vom dem sie sich so stolz abheben wollen. Mit der ganzen Wortwahl in dem Song (Mut, Feigheit, Stolz, wie oft kommt ‚Freiheit‘ vor?, der ‚verschworene Haufen‘, der zusammenhält in Mackerpose, usw.) würden nicht nur zufällig Freiwild oder die Onkelz auch ganz gut fahren. Auch musikalisch ist das Teil ja nicht soweit weg davon.

Hätte ja echt gedacht, dass mir Wiebusch zu egal ist, als dass ich noch jemals Worte über seine Musik verlieren würde, aber das hier ist halt echt zu armselig. Er wird aber sicher hart abgefeiert werden für diesen Song. Sowas funktioniert. Bleurgh. [/RANT]

Support your local radio, kittens!

btw-radiozMorgen Abend gibt’s diese spannende Medien-Diskussion in Nürnberg:

Community Medien – Spielwiese für Minderheiten oder ernstzunehmender Demokratiefaktor?

Ich bin der Meinung, dass partizipative Medienstrukturen, from people for people, wichtiger denn je sind. Als unabhängige Medien (vgl. zum Beispiel auch: Debatte über ZDF Staatsvertrag derzeit), die auch Dissenz wagen, und die redaktionelle Freiheit jenseits von staatlichen oder durch Lobbies forcierten Meinungen wahren. Als unkommerzielle Medien, die ihre redaktionelle Freiheit auch nicht durch finanzielle Interessen einschränken lassen, und bei denen dadurch auch über Themen berichtet wird, die woanders unter den Tisch fallen, oder die z.B. Musiksendungen machen, die nicht nur noch aus gekaufter Heavy Rotation Musikauswahl & gesponsorten Reviews bestehen. Als Medien, die für Vielfalt/Diversität statt Quote stehen. Als nicht-elitäre, nicht-professionelle, sondern für alle als Plattform offenstehende Medien. Und durch diese ganzen Punkte auch als soziale Schnittstelle.

Bei dieser Diskussion wird übrigens u.a. auch der Geschäftsführer der Bayerischen Landesmedienanstalt dabei sein – jener Institution, die immer wieder Stöcke bereit hat, die sie Community Media wie Radio Z zwischen die Beine wirft, statt sie in ihrer Arbeit und wichtigen Funktion zu unterstützen.

Es wäre schön, wenn die BLM sehen würde, dass in Nürnberg die Leute für ihr lokales Community Radio soviel Interesse haben, dass sie bei so einer Diskussion zahlreich erscheinen!

Und für die richtig Interessierten: Vielleicht habt ihr ja sogar Lust bei der Zukunftswerkstatt COMMUNITY MEDIA mitzumachen, in deren Rahmen dieser Abend stattfindet. Da gibt’s noch mehr Spannendes zu entdecken.

Gabriele Kuby – Hetzrednerin gegen Homosexualität und Gleichstellung von Frauen kommt nach Nürnberg

Der Termin rückt so langsam näher und Protestideen nehmen langsam konkretere Gestalt an:

Am 3.11. stellt das CVJM Nürnberg seine Räumlichkeiten für einen Vortrag von Gabriele Kuby zur Verfügung, die bekannt ist für üble Hetzreden gegen Homosexuelle und gegen die Gleichstellung von Frauen. Und gegen Harry Potter. Finden viele nicht so dufte. Wenn es eine andere Religion wäre, hätten bestimmt schon einige von menschenfeindlichem religiösen Extremismus gesprochen.

Anyways – haltet die Augen und Ohren offen, und zeigt dass auch ihr die Hassrednerin in Nürnberg nicht willkommen heißt und es ziemlich uncool vom CVJM findet, dass er solchen Meinungen ein Podium gibt!

Hier noch zwei Artikel, die klar machen, für was sie so steht:
http://www.queer.de/detail.php?article_id=19956
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/348365/Jugend-ohne-Sex

Liberté My Ass pt. 1

btw-libertemyass1Natürlich finde selbst ich als passionierte Raucherin es instinktiv ekelhaft, wenn einer der größten Zigarettenkonzerne zu Werbezwecken in unserer kleinen Stadt ein sogenanntes Kulturevent aus dem Boden stampft und die Presse nur positiv darüber berichtet, so geschehen vor ein paar Wochen mit dem ‚Place de la Liberté‘. Da hilft es nicht mal, dass es sich um meine Lieblingsmarke handelte, nee, das vergällt (etymologisch inkorrekter pun intented) sie sogar mir ganz schön. Nach der instinktiven Abscheu hab ich  mich natürlich gefragt, was es denn eigentlich ist, was mich gar so sehr dran stört, denn bloße ‚Sellout‘-Szenarios entlocken mir sonst eigentlich bloß noch ein kleines ’schade‘. Ich denke, es ist zum einen die Anknüpfung an eine Undergroundszene, die mir am Herzen liegt, und zum anderen trifft es den Nerv eines ganzen Sumpfes von Themen zwischen Geld und Kultur und Macht, die mir in den letzten Jahren immer häufiger beim Thema Musik unangenehm zwischen die Finger kamen. So steht diese Veranstaltung letztlich nur exemplarisch für vieles.

Wie gesagt, in manchen Punkten knüpfte das Zigarettenspektakel geschickt an den kulturellen Underground der Stadt an. Die Wahl der Location zum Beispiel: Am alten Quelle-Gelände, auf dem gerade eine kleine kreative Szene heranwächst – Kunsthandwerk, Design/Mode, Musik, u.a. – , die sich mit ihrem Ort ein Stück weit identifiziert (mehr Infos z.B. auf Quelle Syndikat und Die Quelle). Aber auch durch Teile des Programms wie die Street Art Führung oder manche der DJs, die sonst Ecken dieser Stadt auflegen, die hauptsächlich durch ehrenamtliches Engagement am Leben erhalten werden. Genau da wird die Kluft auch unangenehm sichtbar: Auf der einen Seite der Großkonzern, der mal eben zig-Tausend Euro für so eine Werbeaktion aus dem Ärmel schüttelt, auf der anderen Seite die enge Verbindung des von ihm Benutzten mit nichtbezahltem Engagement oder gar der Illegalität. Zu denken, es gehe dabei um Förderung der Kultur ist naiv. Es geht wie stets bei solchen werbefinanzierten Spektakeln um das Anknüpfen an ein Lebensgefühl: Hier für Straße, Underground Clubbing, Kreativität und – toujours – Freiheit steht.

Das Absurde ist, dass gerade Sachen wie Streetart und Underground DJs ihren Wert für diese Aktion, also die Aura des Lifestyles, der sie und ihre Werke oder Parties umgibt, nur dadurch gewonnen haben, dass sie dafür bekannt sind, sich idealistisch abseits einer sonst omnipräsenten Verwertungslogik zu engagieren. Um bei meinen Beispielen zu bleiben: Ob das der Sprayer ist, der das Risiko der Illegalität auf sich nimmt, um seine Kunst an ungewohnte Orte zu tragen oder einen Slogan gegen die Gentrifizierung ihres oder seines Lebensumfelds zu äußern, oder der DJ/Partyhost, der oder die neben der Beschäftigung mit und der Liebe zur Musik auch noch tage- (oder wochen)lange Freizeit in Planung und Dekobasteln steckt, um die nächste Partynacht zu kreieren, die ja in alter Rave-Theorie auch für nichts anderes als einen Ausbruch aus der Gesellschaft steht, für eine ‚temporary autonomous zone‘, für die er kein Geld in die eigene Tasche steckt. Es steckt eine Portion Freiheit darin, sich so selbstbestimmt wenigstens in kleinen Häppchen der sonst den Alltag dominierenden Verwertungslogik zu entziehen.
Dieser Bruch zwischen dem, für was man die Sachen sonst schätzt und ihre Präsenz auf so einem corporate Event, das schmerzt und es sollte auch schmerzen, denn wenn’s nicht wenigstens ein bisschen piekst, dann hieße das ja irgendwo, dass einem das sonstige Engagement dieser Leute egal wäre. Auch von Gauloises für den Event verwendete Slogans wie ‚Kunst braucht Freiraum. Kunst braucht Austausch.‘ wirken ein wenig obszön in einer Stadt, in der solche Sätze für eine lange Geschichte der Soziokultur mit ihren Kulturfreifräumen wie dem KOMM stehen. Ich bin froh, dass es hier noch Leute gibt, die so einen Event nicht einfach blindlings bereichernd finden. Wenn wir nicht wollen, dass ‚Freiraum‘ nur noch heißt ‚frei von finanziellen Einschränkungen‘, sollten wir kritisch mit solchen Veranstaltungen umgehen und stets im Kopf behalten für was sie stehen, und was sie mit unserer (Sub-)Kultur tun.
(Fortsetzung folgt.)

„Wem gehört die Stadt?“ Vortrag und kulturelle Zwischennutzung des ‚Schocken‘

Am Dienstag, 5.3.13, war ich bei einem Vortrag von Andrej Holm zur ‚Recht auf Stadt‘ Bewegung. Er bot eine gebündelte und recht zügige Übersicht zu dem Thema, mit dem er vor zwei (?) Jahren schon mal beim Sozialforum Nürnberg zu Gast war. Empfohlen sei allen, die das Thema interessiert, z.B. dieser Text von ihm als Einstieg, oder auch zu aktuellen Beispielen sein Gentrification Blog.

Vorneweg hat Gerhard Faul vom Medienladen eine Einführung zum lokalen Bezug gegeben, gespickt mit Bildern und Infos zu Leerstandsmeldungen in Nürnberg und Fürth. Seit letzter Woche sind diese Städte auch mit auf, hier ein Link zum Nürnberger Teil. Er erwähnte zum Beispiel das gescheiterte leerstehende City Center Fürth, und wie trotzdem ein paar Hundert Meter weiter nun ein neues ähnliches Einkaufszentrum geschaffen werden soll, während das alte brachliegt und kulturellen ZwischennutzerInnen Knüppel zwischen die Beine geworfen würden.

Er erzählte allerdings auch von neuen gelingenden Zwischennutzungsplänen: In das ebenfalls leerstehende Kaufhof/Horten/Schocken Gebäude am Aufsessplatz in der Nürnberger Südstadt wird wohl nicht nur ein Bürgeramt, sondern auch ein neuer Kulturverein in die Gaststätte ‚Fränkische Stube‘ Einzug halten soll. Letzteres durch eine Gruppe von KünstlerInnen und KulturaktivistInnen, die als möglichen Namen davon gerade ‚Arti-Schocken‘ überlegt. Harhar. Aus dem Info:
„Wir werden ein gemischtes Programm aus Kabarett, Performances, Lesungen, Musik und Ausstellungen auf die Beine stellen. Das Programm wird stadteilorientiert gestaltet und die internationale Bevölkerungsstruktur berücksichtigt. Um auch einkommensschwachen Bevölkerungsschichten die Teilnahme an Kunst und Kultur zu ermöglichen, wollen wir einen Teil der Veranstaltungen ohne Eintritt durchführen.“
Dabei hilft es, dass sie die Räumlichkeiten wohl mietfrei nutzen können werden. Schöne Sache, ich drücke die Daumen!
Der ganze Abend stand unter dem Titel „Wem gehört die Stadt – demokratische Stadtplanung“ (hier noch mal der Infozettel) und es kam als dritter Redner noch Siegfried Dengler zu Wort (Architekt BDA, Master of Sience in ‚urban management‘ und seit Mai 2012 Leiter des Stadtplanungsamts Nürnberg), um die städtische Seite des Themas darzustellen. Ich verließ an diesem Punkt die Veranstaltung, beschwingt von den teilweisen Erfolgsgeschichten der Recht auf Stadt Bewegung, die Holm ermutigend und motivierend dargestellt hatte. Wie mir erzählt wurde, war das wohl auch der beste Zeitpunkt, um zu gehen, da es danach etwas niederschmetternder zuging, aber das mag ich nicht second hand bloggen.
Vielleicht noch als Schlussbemerkung: Ich fand das Publikum, das sehr zahlreich erschienen war, im Durschnitt erstaunlich alt, und damit meine ich 40 aufwärts, auch viele Senioren. Interessiert das Jüngere nicht, oder war der Flyer nicht ansprechend genug? Ich war überrascht davon.