Move it move it! Dieser Blog ist umgezogen!

Ich hoste meine Blogs nun wieder selber (ich mag den neuen Editor hier nicht, und will auch keine Werbung auf meinem Blog haben) und über all dem WP-installieren und Theme-Aussuchen habe ich völlig vergessen, das hier im alten Blog zu posten und eure Abonnements mitumzuziehen (mach ich gerade). Hier aber jetzt:

ACHTUNG ACHTUNG – Dieser Blog ist umgezogen nach www.breakingthewaves.de und mein englischsprachiger bzw auch meine Hauptwebsite ist hier: www.evemassacre.de  

Wär schön, euch auch dort zu sehen! 🐦

Oh Noes! Nicht noch ein Artikel über die Krautreporter!

Es ist faszinierend, was in den letzten Tagen aus der Crowdfunding-Aktion der Krautreporter für ein Wirbel geworden ist. Viele der großen Medien haben es aufgegriffen, zahlreiche Blogs kommentiert und auf Twitter und facebook ging und geht es auch rund. Da sich Krautreporter aus eher bekannteren Journalisten und – ja: auch ein paar -innen – zusammensetzt, die den Onlinejournalismus als kaputt bezeichnen und mit Pathos zu seiner Rettung antreten, sind die Erwartungen hoch und es wird neugierigst durchleuchtet, was da entstehen soll. Mit der Kritik wurde bisher eher mäßig umgegangen, von Fans kam alsbald die Befürchtung, dass dieses Herumkritisieren das zarte Pflänzchen kaputtmachen könne. Es wurde gar Welpenschutz gefordert.

Wenn das Pflänzchen so zart wäre, dass es vor ein paar kritischen Worten einknickt, dann wäre es sein Geld nicht wert.

Die Kritiken, die ich gelesen habe, sind weder besonders hart noch überraschend angesichts der Prominenz. Und schon gar nicht ist Kritik schlecht für ein junges Projekt, das ja selbst sagt, dass es in einem dialektischen Ansatz mit seinem Publikum wachsen will. Letztlich ist kritisches Feedback immer auch eine Art Kompliment an die Sache: Krautreporter wird ernstgenommen. Davon abgesehen war das Gros des Feedbacks, dass ich mitbekommen habe, entweder positiv oder Kritik mit der Anmerkung, das Projekt trotzdem unterstützenswert zu finden und gespendet zu haben.

Das wiederum verwundert mich, denn dafür was für professionelle und durchaus auch passionierte Journalist*innen da im Team sind, kommt die Präsentation enttäuschend unausgereift und farblos daher. Statt inhaltlich und strukturell konkreten Vorstellungen und einer knackigen Vorschau anhand von Beispielen kommen Videoporträts eines Teams aus Journalisten, die eigentlich ganz gut unterkommen sind in ihrer Branche; Videos voller großer vager Worte über Qualitätsjournalismus, der sich seinen finanziellen Fesseln in der Werbung entledigen will. Von Biss, Diversity und klaren Vorstellungen und Beispielen davon wie ihre Version des Zukunftsjournalismus aussehen soll keine Spur.

Es fühlt sich wie ein journalistischer Ableger der LOHAS Bewegung an, dessen Zielpublikum Geld ausgibt für Nachhaltigkeit, Fair Trade, und das Gefühl zu etwas vage Gutem beigetragen zu haben.

Wohlfühlen dadurch, die Welt mit dem ausgegebenem Geld irgendwie ein kleines Stück besser gemacht zu haben und irgendwo dazuzugehören. Die Community-Ebene als Äquivalent zum Fokus auf Regionalprodukte. Dem LOHAS ist auch zu eigen, dass er mit einer Verbesserung des Ist-Zustands zufrieden ist, große Zukunftsvisionen gibt es da nicht. Auch darin bordet Krautreporter an diese Bewegung: Es klingt alles eher nach dem Wunsch Vorhandenes besser  machen zu wollen und nach Sicherheit, weniger nach dem Wunsch sich wagemutiger in die Wogen von neuen Möglichkeiten stürzendem Anarcho-Journalismus, von dem Stefan Esser, einer der Gründer, auf Medium träumt. Was Krautreporter mit ihrer Präsentation bislang abgeliefert haben klingt eher, als wären sie im Bestreben zur Finanzierung eine möglichst breite Masse zu erreichen in die Falle getappt, sich aller Ecken und Kanten zu entledigen – genau das, was sie dem clicksabhängigen Onlinejournalismus vorwerfen. Mir fehlt da ein klares lautes Verorten in unabhängigem kritisch-emanzipatorischem Journalismus.

 

 

 

Das wenige was sie an Infos herausrücken gibt nicht das stimmigste Bild ab. Hintergrund- und Recherche-Journalismus mit Tiefe soll es sein, aber dann Thilo Jung & Naiv? Für die Zukunft des Onlinejournalismus wollen sie stehen, aber dann Christoph ‚Ich bin dann mal offline‘ Koch? Kein Kommentarjournalismus, aber Stefan Niggemeier, der doch gerade darin glänzt? Dass mit Theresa ‚Tussikratie‘ unter den wenigen Frauen im Team auch noch eine Vertreterin des nach unten tretendem Anti-Feminismus-‚Feminismus‘ an Bord ist, macht die Zusammensetzung des Krautreporter-Teams nicht prickelnder.

Noch eine Newsplattform, von der ihr vorwiegend weiß/männlich/hetero/nichtmigrantisches Team behauptet, dass Vielfalt in Themenwahl, Inhalten, Perspektiven und Struktur unabhängig von der Diversity ihrer Mitarbeitenden sei ist #notmyfutureofjournalism.

Ich will keine Plattform funden, die zum x-ten Mal dieselben Perspektiven und Strukturen reproduziert. Für mich krankt Journalismus hierzulande immer noch viel zu sehr daran, dass die meisten Entscheidungstragenden so sehr an ihren Tunnelblick gewöhnt sind, dass ihnen gar nicht bewusst wird, wie eindimensional der Großteil des Erscheinenden ist, sondern diese Perspektive gar für eine objektive Sicht gehalten wird. Ich musste unwillkürlich an die Diskussion zurückdenken, die letztes Jahr um Glenn Greenwald entbrannte, der ja nie müde wird, zu betonen, dass für ihn alle guten Journalist*innen auch Aktivist*innen sind. So etwas wie völlige Objektivität gibt es für ihn nicht, sondern der Journalismus, der von sich behauptet völlig neutral zu sein versuche lediglich seine Perspektive unsichtbar zu machen. Greenwalds Ansatz von Journalismus geht von einem mündigen Publikum aus, nimmt dieses ernst. Und er verficht das seit Bloggerzeiten so überzeugend, dass ich The Intercept bestimmt gefundet hätte. Wenn mir nicht dieser Omydiar dazwischengekommen wäre.

Diese klare Selbstpositionierung, die sich nicht drum schert, Leserschaft abschrecken zu können, und auch der Biss und Esprit, die feurige Überzeugung von ihrem Ansatz – das vermisse ich beim Krautreporter. Leider. Greenwald & Co. nehme ich sogar ab, dass The Intercept auf ein diverseres Team zusteuert, weil sie das auf inhaltlicher, perspektivischer und arbeitsmarktstruktureller Ebene wichtig finden. Krautreporter klingen für mich so, als ob sie, naja, vielleicht zumindest das mit den Frauen irgendwann mal angehen, weil es halt irgendwie jetzt von manchen gefordert wird und ja auch nicht so ganz verkehrt ist usw.usf.

Dass Krautreporter die Kommentarfunktion zu einer Communityfunktion ausbauen wollen, finde ich eine gute Sache; dass sie das bis zu Offline-Aktionen erweitern wollen, kann sogar sehr spannend werden (wenn es nicht wieder so ein Berlin-only-Ding wird). Aber dass sie ausgerechnet vor der Interaktion mit ihrem Publikum die Paywall aufziehen wollen, da geht unser Verständnis von Community auseinander: „Zahlen sie nicht, [dann wird sich das] anfühlen als würde ihre Lieblingsband im Stadion spielen und sie dürften die Umkleidekabine nicht verlassen“, so die Krautreporter. Statt offenem Austausch soll hier eine geschlossener Clubbereich gebaut werden, für den Leute zahlen sollen. Exklusion statt Inklusion ausgerechnet in dem Bereich, der durch eine lebendige Diskussionskultur auch Leute anziehen könnte. Ich hätte mir ja eher Journalismus gewunschen, der etwas aus Community Media und der Blogger-Szene als typischen Netzmedien lernt, Augenhöhe schätzt und nicht mit Metaphern von Rockstars ankommt, die nur mit ihren Fans kommunizieren, wenn diese zahlen.

Unabhängig von Krautreporter gestehe ich aber, dass ich sowieso zu denen gehöre, die in der Zwickmühle stecken sich nicht nur an eine Zeitung fest binden zu wollen, aber die es sich auch nicht leisten können ein Dutzend zu abonnieren. Es tut mir ja leid wann immer ich das völlig nachvollziehbare Gejammer um die Finanzierung von Journalismus höre, aber ihr machts einer auch nicht leicht.

Die ’natürlichste‘ Weise im Netz Journalismus zu genießen, ist für mich die polyamouröse.

Das drückt keine Geringschätzung für die einzelnen Newsplattformen aus, sondern eine Liebe, die sich nicht nur an eine binden kann und will. Es gibt einfach ein so irrsinnig großes Überangebot an Lesenswerten im Netz, dass ich da (bis auf ein paar Ausnahmen wie The New Inquiry, The State oder Der Zaun) gezwungenermaßen Micropayment-Fan bleibe, was selten angeboten wird.

Die Diskussion über die schlechte Qualität des Onlinejournalismus kann ich auch nicht mehr hören, denn in meiner Erfahrung gibt es, vor allem wenn du auch Englischsprachiges liest, einen Überfluss an qualitativ gutem kostenlosen Journalismus. Ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit mal alles gelesen haben werde, was sich in meiner Pocket App angesammelt hat. Da vermisse ich dann eher manchmal selbst als passionierte Onlineleserin dieses wohlige Printzeitungsspezifische Gefühl eine Ausgabe fertiggelesen zu haben, sie zusammenzufalten, und dann Blatt für Blatt als Unterlage für den Katzennapf weiterzuverwenden. Das kann mir Krautreporter aber auch nicht geben. Hey, wenn jemand das gecrowdgefundet haben möchte: Ich wär sofort dabei bei einer personalisierten Print-Tageszeitung, die mir auf wunderbar großformatigem dünnen Zeitungspapier gedruckt all die Artikel auf den Frühstückstisch bringt, die ich mir am Vortag auf Pocket zum Lesen vermerkt habe.

Wiebusch, der deutsche Macklemore

Wiebusch macht einen Versuch, zum deutschen Macklemore zu werden und platziert rechtzeitig vor der WM diesen Song und ein neues Album. Echte deutsche Jungens sind dem Stereotyp nach auf der Gefühlsebene am besten über Fußball zu erreichen, und praktischerweise ist das ja einer der Bereiche, der sich ebenso gern anti-homophob, anti-rassistisch und anti-sexistisch gibt wie es Fans, Spieler und das ganze Business drumrum sind. Super-Kombi: Wiebusch setzt nun also auf Fußball-Bro-Culture-Pathos und die Emotionaliät eines Coming Outs, ach was sag ich, DES Coming Outs des Erretters, und feiert das im Heldenpathos: Ein Mann muss sich outen, dann ist das schnell alles für den Rest ganz easy. Genau wie mit dem Rassismus, den es laut diesem Song im Fußball ja auch nicht mehr gibt. Very funny. Not.

Was ich davon halte, wenn Heteros Queer Culture für ihre Zwecke melken, während im strukturell genauso homophoben Deutsch-Indiepop auf gleicher Ranghöhe mit sowas wie Wiebusch bezeichnenderweise kein Platz für einen queeren Künstler*in ist, die selbst einen Song zum Thema bringen könnte oder würde, habe ich ja schon in aller Breite in meinem Beitrag zur GQ-‚Mundpropaganda‘-Aktion erläutert. Ebenso, warum wir auf diese Art Bezeugungen verzichten können, bei denen sich weiße Hetero-Männer für möglichst viel Publicity gegenseitig dafür auf die Schultern klopfen, wie unfaßbar fucking tolerant sie sind, ja, ganz von sich selber gerührt, ohne zu checken, dass genau diese Kultur das Problem stärkt, vom dem sie sich so stolz abheben wollen. Mit der ganzen Wortwahl in dem Song (Mut, Feigheit, Stolz, wie oft kommt ‚Freiheit‘ vor?, der ‚verschworene Haufen‘, der zusammenhält in Mackerpose, usw.) würden nicht nur zufällig Freiwild oder die Onkelz auch ganz gut fahren. Auch musikalisch ist das Teil ja nicht soweit weg davon.

Hätte ja echt gedacht, dass mir Wiebusch zu egal ist, als dass ich noch jemals Worte über seine Musik verlieren würde, aber das hier ist halt echt zu armselig. Er wird aber sicher hart abgefeiert werden für diesen Song. Sowas funktioniert. Bleurgh. [/RANT]

Support your local radio, kittens!

btw-radiozMorgen Abend gibt’s diese spannende Medien-Diskussion in Nürnberg:

Community Medien – Spielwiese für Minderheiten oder ernstzunehmender Demokratiefaktor?

Ich bin der Meinung, dass partizipative Medienstrukturen, from people for people, wichtiger denn je sind. Als unabhängige Medien (vgl. zum Beispiel auch: Debatte über ZDF Staatsvertrag derzeit), die auch Dissenz wagen, und die redaktionelle Freiheit jenseits von staatlichen oder durch Lobbies forcierten Meinungen wahren. Als unkommerzielle Medien, die ihre redaktionelle Freiheit auch nicht durch finanzielle Interessen einschränken lassen, und bei denen dadurch auch über Themen berichtet wird, die woanders unter den Tisch fallen, oder die z.B. Musiksendungen machen, die nicht nur noch aus gekaufter Heavy Rotation Musikauswahl & gesponsorten Reviews bestehen. Als Medien, die für Vielfalt/Diversität statt Quote stehen. Als nicht-elitäre, nicht-professionelle, sondern für alle als Plattform offenstehende Medien. Und durch diese ganzen Punkte auch als soziale Schnittstelle.

Bei dieser Diskussion wird übrigens u.a. auch der Geschäftsführer der Bayerischen Landesmedienanstalt dabei sein – jener Institution, die immer wieder Stöcke bereit hat, die sie Community Media wie Radio Z zwischen die Beine wirft, statt sie in ihrer Arbeit und wichtigen Funktion zu unterstützen.

Es wäre schön, wenn die BLM sehen würde, dass in Nürnberg die Leute für ihr lokales Community Radio soviel Interesse haben, dass sie bei so einer Diskussion zahlreich erscheinen!

Und für die richtig Interessierten: Vielleicht habt ihr ja sogar Lust bei der Zukunftswerkstatt COMMUNITY MEDIA mitzumachen, in deren Rahmen dieser Abend stattfindet. Da gibt’s noch mehr Spannendes zu entdecken.

Gabriele Kuby – Hetzrednerin gegen Homosexualität und Gleichstellung von Frauen kommt nach Nürnberg

Der Termin rückt so langsam näher und Protestideen nehmen langsam konkretere Gestalt an:

Am 3.11. stellt das CVJM Nürnberg seine Räumlichkeiten für einen Vortrag von Gabriele Kuby zur Verfügung, die bekannt ist für üble Hetzreden gegen Homosexuelle und gegen die Gleichstellung von Frauen. Und gegen Harry Potter. Finden viele nicht so dufte. Wenn es eine andere Religion wäre, hätten bestimmt schon einige von menschenfeindlichem religiösen Extremismus gesprochen.

Anyways – haltet die Augen und Ohren offen, und zeigt dass auch ihr die Hassrednerin in Nürnberg nicht willkommen heißt und es ziemlich uncool vom CVJM findet, dass er solchen Meinungen ein Podium gibt!

Hier noch zwei Artikel, die klar machen, für was sie so steht:
http://www.queer.de/detail.php?article_id=19956
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/348365/Jugend-ohne-Sex

Liberté My Ass pt. 1

btw-libertemyass1Natürlich finde selbst ich als passionierte Raucherin es instinktiv ekelhaft, wenn einer der größten Zigarettenkonzerne zu Werbezwecken in unserer kleinen Stadt ein sogenanntes Kulturevent aus dem Boden stampft und die Presse nur positiv darüber berichtet, so geschehen vor ein paar Wochen mit dem ‚Place de la Liberté‘. Da hilft es nicht mal, dass es sich um meine Lieblingsmarke handelte, nee, das vergällt (etymologisch inkorrekter pun intented) sie sogar mir ganz schön. Nach der instinktiven Abscheu hab ich  mich natürlich gefragt, was es denn eigentlich ist, was mich gar so sehr dran stört, denn bloße ‚Sellout‘-Szenarios entlocken mir sonst eigentlich bloß noch ein kleines ’schade‘. Ich denke, es ist zum einen die Anknüpfung an eine Undergroundszene, die mir am Herzen liegt, und zum anderen trifft es den Nerv eines ganzen Sumpfes von Themen zwischen Geld und Kultur und Macht, die mir in den letzten Jahren immer häufiger beim Thema Musik unangenehm zwischen die Finger kamen. So steht diese Veranstaltung letztlich nur exemplarisch für vieles.

Wie gesagt, in manchen Punkten knüpfte das Zigarettenspektakel geschickt an den kulturellen Underground der Stadt an. Die Wahl der Location zum Beispiel: Am alten Quelle-Gelände, auf dem gerade eine kleine kreative Szene heranwächst – Kunsthandwerk, Design/Mode, Musik, u.a. – , die sich mit ihrem Ort ein Stück weit identifiziert (mehr Infos z.B. auf Quelle Syndikat und Die Quelle). Aber auch durch Teile des Programms wie die Street Art Führung oder manche der DJs, die sonst Ecken dieser Stadt auflegen, die hauptsächlich durch ehrenamtliches Engagement am Leben erhalten werden. Genau da wird die Kluft auch unangenehm sichtbar: Auf der einen Seite der Großkonzern, der mal eben zig-Tausend Euro für so eine Werbeaktion aus dem Ärmel schüttelt, auf der anderen Seite die enge Verbindung des von ihm Benutzten mit nichtbezahltem Engagement oder gar der Illegalität. Zu denken, es gehe dabei um Förderung der Kultur ist naiv. Es geht wie stets bei solchen werbefinanzierten Spektakeln um das Anknüpfen an ein Lebensgefühl: Hier für Straße, Underground Clubbing, Kreativität und – toujours – Freiheit steht.

Das Absurde ist, dass gerade Sachen wie Streetart und Underground DJs ihren Wert für diese Aktion, also die Aura des Lifestyles, der sie und ihre Werke oder Parties umgibt, nur dadurch gewonnen haben, dass sie dafür bekannt sind, sich idealistisch abseits einer sonst omnipräsenten Verwertungslogik zu engagieren. Um bei meinen Beispielen zu bleiben: Ob das der Sprayer ist, der das Risiko der Illegalität auf sich nimmt, um seine Kunst an ungewohnte Orte zu tragen oder einen Slogan gegen die Gentrifizierung ihres oder seines Lebensumfelds zu äußern, oder der DJ/Partyhost, der oder die neben der Beschäftigung mit und der Liebe zur Musik auch noch tage- (oder wochen)lange Freizeit in Planung und Dekobasteln steckt, um die nächste Partynacht zu kreieren, die ja in alter Rave-Theorie auch für nichts anderes als einen Ausbruch aus der Gesellschaft steht, für eine ‚temporary autonomous zone‘, für die er kein Geld in die eigene Tasche steckt. Es steckt eine Portion Freiheit darin, sich so selbstbestimmt wenigstens in kleinen Häppchen der sonst den Alltag dominierenden Verwertungslogik zu entziehen.
Dieser Bruch zwischen dem, für was man die Sachen sonst schätzt und ihre Präsenz auf so einem corporate Event, das schmerzt und es sollte auch schmerzen, denn wenn’s nicht wenigstens ein bisschen piekst, dann hieße das ja irgendwo, dass einem das sonstige Engagement dieser Leute egal wäre. Auch von Gauloises für den Event verwendete Slogans wie ‚Kunst braucht Freiraum. Kunst braucht Austausch.‘ wirken ein wenig obszön in einer Stadt, in der solche Sätze für eine lange Geschichte der Soziokultur mit ihren Kulturfreifräumen wie dem KOMM stehen. Ich bin froh, dass es hier noch Leute gibt, die so einen Event nicht einfach blindlings bereichernd finden. Wenn wir nicht wollen, dass ‚Freiraum‘ nur noch heißt ‚frei von finanziellen Einschränkungen‘, sollten wir kritisch mit solchen Veranstaltungen umgehen und stets im Kopf behalten für was sie stehen, und was sie mit unserer (Sub-)Kultur tun.
(Fortsetzung folgt.)

„Wem gehört die Stadt?“ Vortrag und kulturelle Zwischennutzung des ‚Schocken‘

Am Dienstag, 5.3.13, war ich bei einem Vortrag von Andrej Holm zur ‚Recht auf Stadt‘ Bewegung. Er bot eine gebündelte und recht zügige Übersicht zu dem Thema, mit dem er vor zwei (?) Jahren schon mal beim Sozialforum Nürnberg zu Gast war. Empfohlen sei allen, die das Thema interessiert, z.B. dieser Text von ihm als Einstieg, oder auch zu aktuellen Beispielen sein Gentrification Blog.

Vorneweg hat Gerhard Faul vom Medienladen eine Einführung zum lokalen Bezug gegeben, gespickt mit Bildern und Infos zu Leerstandsmeldungen in Nürnberg und Fürth. Seit letzter Woche sind diese Städte auch mit auf, hier ein Link zum Nürnberger Teil. Er erwähnte zum Beispiel das gescheiterte leerstehende City Center Fürth, und wie trotzdem ein paar Hundert Meter weiter nun ein neues ähnliches Einkaufszentrum geschaffen werden soll, während das alte brachliegt und kulturellen ZwischennutzerInnen Knüppel zwischen die Beine geworfen würden.

Er erzählte allerdings auch von neuen gelingenden Zwischennutzungsplänen: In das ebenfalls leerstehende Kaufhof/Horten/Schocken Gebäude am Aufsessplatz in der Nürnberger Südstadt wird wohl nicht nur ein Bürgeramt, sondern auch ein neuer Kulturverein in die Gaststätte ‚Fränkische Stube‘ Einzug halten soll. Letzteres durch eine Gruppe von KünstlerInnen und KulturaktivistInnen, die als möglichen Namen davon gerade ‚Arti-Schocken‘ überlegt. Harhar. Aus dem Info:
„Wir werden ein gemischtes Programm aus Kabarett, Performances, Lesungen, Musik und Ausstellungen auf die Beine stellen. Das Programm wird stadteilorientiert gestaltet und die internationale Bevölkerungsstruktur berücksichtigt. Um auch einkommensschwachen Bevölkerungsschichten die Teilnahme an Kunst und Kultur zu ermöglichen, wollen wir einen Teil der Veranstaltungen ohne Eintritt durchführen.“
Dabei hilft es, dass sie die Räumlichkeiten wohl mietfrei nutzen können werden. Schöne Sache, ich drücke die Daumen!
Der ganze Abend stand unter dem Titel „Wem gehört die Stadt – demokratische Stadtplanung“ (hier noch mal der Infozettel) und es kam als dritter Redner noch Siegfried Dengler zu Wort (Architekt BDA, Master of Sience in ‚urban management‘ und seit Mai 2012 Leiter des Stadtplanungsamts Nürnberg), um die städtische Seite des Themas darzustellen. Ich verließ an diesem Punkt die Veranstaltung, beschwingt von den teilweisen Erfolgsgeschichten der Recht auf Stadt Bewegung, die Holm ermutigend und motivierend dargestellt hatte. Wie mir erzählt wurde, war das wohl auch der beste Zeitpunkt, um zu gehen, da es danach etwas niederschmetternder zuging, aber das mag ich nicht second hand bloggen.
Vielleicht noch als Schlussbemerkung: Ich fand das Publikum, das sehr zahlreich erschienen war, im Durschnitt erstaunlich alt, und damit meine ich 40 aufwärts, auch viele Senioren. Interessiert das Jüngere nicht, oder war der Flyer nicht ansprechend genug? Ich war überrascht davon.
foto: ted leo

Ted Leo + Rebecca Gates – Konzertreview (23.9.12 K4 nbg)

foto: ted leo„Everyone needs a sunday some days, everyone needs to take some time away.
So come on home from the front lines, baby,
You know you’ve done more than your time there was supposed to have been.
A little time out could turn your head ‚round,
A little time out could lift us our of the mess we’re in.“
Ted Leo

So viele Konzerte, so wenig Zeit sie sacken zu lassen. Ich versuch mich mal wieder an Konzertreviews. Hier ein erstes.

Letzten Sonntag, 23.9., spielten Rebecca Gates und Ted Leo im Zentralcafé. Ein kleines Konzert, zu klein, viel zu klein, soll heißen viel zu wenig Gäste. Auch wenn das Konzert sehr kurzfristig zustande kam, war es schon krass, dass gar so wenig Leute kamen, wo doch Ted Leo sowas wie der Joe Strummer (nicht nur) meines Punk/Indie-Universums ist. Und er ist weiß Gott kein unbekannter Künstler. Aber egal – Konzerteveranstalten tut halt, wenn du Überzeugungstäterin bist, manchmal auch ein bisschen weh.

Zum Konzert: Rebecca Gates spielte als erstes. Seltsam lange verstrickte Songs, bei denen ich wünschte, ich hätte die Texte besser verstanden, da das Songwriting eher den Geschichten zu folgen schien, die sie besang, als sich an irgendwelche klassischen Vers-Refrain-Strukturen zu halten. Ihre Stimme ging mir aber immer noch so unter die Haut wie zu der Zeit als sie mit den Spinanes diesen schönen Song rausgebracht hatte:

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Teilweise forderte es bei ihr schon Konzentration nicht mit den Gedanken abzuschweifen, wenn einer ihrer Songs die zehnte Abzweigung zu einer neuen Melodie nahm, auch wenn es faszinierend war, wie sie Gitarrenspiel und Gesang verband. Letztlich war es dann doch die einzige Coverversion, die mir so richtig in Erinnerung blieb: Mein Lieblingssong von Arthur Russell, ‚A Little Lost‘, den sie etwas flott, aber mit einer ähnlich samtigen Intimität sang.

Über Ted Leo zu schreiben, fällt mir etwas schwerer, weil ich da absolutes Fangirl bin. Er ist nicht nur ein hervorragender Songwriter mit gnadenlos eingängigen Melodien, sondern ich schätze es auch sehr, wie bei ihm the personal und die politics ebenso eng verwoben sind, wie Whisky und Gitarre, aber ohne dass er dabei diesen Jungswelt-Gestus zelebriert, der so vielen Punk- und Indiefolk-Barden durch die Bärte weht. Sein dezenter unzynischer Sinn für Humor und ‚working class‘ Spirit wären noch zwei Stichworte, die mir auch an diesem Abend wieder in den Sinn kamen. In Sachen Ausstrahlung gehört Ted Leo definitiv in eine Riege mit Leuten wie Jonathan Richman, die nur auf die Bühne steigen müssen und einmal in die Runde lächeln, und schon hängen ihm alle für die nächste Stunde glückselig grinsend an den Lippen, egal was er macht. Erschwerte Umstände sind aber natürlich, wenn du Sonntagabend vor einem ziemlich leeren Raum spielst, und die paar Anwesenden auch eher in passiver ‚jetzt mach mal‘-Stimmung sind. ‚With great power comes great responsibility‘, wie schon Spiderman beigebracht wurde, und Herr Leo – selbst an diesem Abend wohl auch etwas verknittert vom Alkoholmissbrauch des Vorabends im Kafe Kult in München – schien sich etwas unter dem Druck der ‚responsibility‘ für entertainende Wortwechsel (oft mit Hilfe von via Smartphone übersetzten deutschen Sätzen) zwischen den Songs zu fühlen. Das haute mal mehr mal weniger hin.

Musikalisch fand ich’s ganz groß. Er spielte sich quer durch eine schöne Auswahl aus seiner inzwischen natürlich ganz schön großen Palette an ‚Hits‘ und gab auch einen kleinen den Mund doch etwas wässrig machenden Vorgeschmack auf ein neues Album. Ach, und ich bekam zum nachträglichen Geburtstag ‚Me & Mia‚ gewidmet und löste mich innerlich kurz in ein Häufchen ‚aaaaaaaaaaw!‘ auf. Und die nachgereiste Kafe Kult Fraktion bekam ‚Bottled in Cork‚ gewidmet, was ja hervorragend passte, so als quasi Trinklied. Das Schöne ist, dass Ted Leo seine Songs auch ohne Band nicht einfach zu balladesken Unpluggedversionen konvertiert, sondern bei ihm eher wie bei einem Billy Bragg auch solo, der Punk nicht verloren geht. Sehr schönes Konzert war das. Fotos hab ich leider keine, aber vom Vortagsauftritt, wo Ted Leo das erste Mal in seinem Leben mit Konfetti beworfen wurde, hat Tobi Eartrumpet hier welche online gestellt.

Video-Tag! Egotronic, Beach House, Hot Chip, White Lung, The Flaming Lips feat. Erykah Badu, The Yes Men und #shellfail

Dass ich mal ein Egotronic Video poste, hätte ich mir ja auch nicht träumen lassen. Viel zu stumpfes Suffgerave ist mir das ja normalerweise, mir ist vor allem aber ja ihr viel zu stumpfes Suffprollpublikum unsympathisch. Gerade weil sie aber so ein Publikum haben, ist es zu begrüßen, dass sie diesem pünktlich zur EM-Eröffnung eine Anti-Hymne liefern. Danke, Egotronic.

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BEACH HOUSE – Lazuli

Ein schöner Popsong von BEACH HOUSE, aber leider haben sie etwas von ihrem mystisch-verhangenen Sound verloren und klingen jetzt etwas austauschbarer. Die ganz große Schwermut, die in Songs wie ‚Norway‘ steckte, kommt hier nicht mehr rüber. Der Clip erinnert von der Ästethik her an die guten alten Myspace Zeiten, als wir die Kombination magenta/cyan/grün mit irgendwas Kosmischen liebten. Passt irgendwie zumindest, weil in einem Interview letzthin stand, dass Beach House Myspace auch fehlt. ‚Auch‘ weil es mir genauso geht: Vor allem die 8 Top Friends, die kleine Pforten zu neuen Bands oder möglichen neuen Friends darstellten – dafür gibt’s bis heute noch keinen Social Network Ersatz.
Schade an dem Beach House Clip ist die Rollenaufteilung: weiblich = Bardame oder Frau in der Küche im Kleidchen, männlich = Typ am Tresen oder Junge, der sich auf der Straße rumtreibt. Dementsprechend passt es auch, dass die Frau den Zugang zum kosmischen Dingens beim Kochen im Kühlschrank findet, während der Junge sein kosmisches Dingens betritt, als er sich zum auf ihn wartenden frisch aufgetischten Essen niederlässt. Warum die Frau dann auch noch im kosmischen Dingens auf einem XX Thron sitzt, und der ganze Rest – keine Ahnung, aber ist jedenfalls alles nichts, was den leicht faden altbacken-biederen Beigeschmack entfernen würde. Schade, weil ein Beach House Konzert, auch wenn ich viel zu spät kam, mit zu den bezauberndsten Livekonzertmomenten gehört, die ich letztes Jahr hatte. Genau die Ausstrahlung, die sie da hatten, fehlt mir in diesem Song und Clip.

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HOT CHIP – Night & Day

Wenn wir schon bei kosmischen Dingens in aktuellen Videos sind, warum nicht gleich HOT CHIPs ‚Night & Day‘ anschließen. Musikalisch fällt mein Urteil ähnlich aus wie bei Beach House: Schöner Pop, der aber mit jedem Release mehr an spannender Eigenständigkeit verliert und halt einfach nur schöner massenkompatibler Pop ist. Grade bei Hot Chip deswegen schade, weil sie einst wirklich so frische Sounds in die Elektropopszene pusteten, dass wir immer gespannt auf Neues von ihnen warteten. Die Zeiten sind wohl vorbei. Aber es sei ihnen ja auch gegönnt, wenn sie jetzt eher dafür abgefeiert werden, die neuen Pet Shop Boys zu sein. Es gibt Schlimmeres. Das hier ist jedenfalls eines der Beispiele dafür, dass ein Clip frischer als der Song daherkommt: Ein kosmisches Dingens am Anfang geht gleich in eine wunderbare Tanzszene von Hoodie-Mönchen in einer Bibliothek (yeah, Bibliotheken in Musikvideos – völlig unterbewertet!) über, (irgendwie ’street‘, irgendwie ‚Name der Rose‘) zu denen dann noch ähnlich gewandete Tänzerinnen stoßen, und ein gekröntes Riesenei mit rosa Rüschen wird von zwei halbnackten Typen umtanzt. Ein weißes Burkagespenst, ein Affe mit Hut, Pferde- und Mausköpfige Gestalten und eine kleine Tanzperson mit Einhorndaftpunkglitzerhelm – sehr schön skurril. Aber keine Überfrachtung. Die Dancemoves korrespondieren mit den Raumschiffmoves einer Frau und eines Mannes, die sich aus dem kosmischen Dingens vom Anfang erst der Erde, dann immer mehr der Bibliothek nähern, und als du schon denkst, es geht alles in einem blöden binormativem Happy End mit YingYangDingens auf, crasht selbiges und der Bibliothekschef schmollt. Oder so ähnlich. Toller Clip, der schon ein kleines bisschen sowas leistet, was ich immer mit ‚leichtfüßiger Anarchie des Pop‘ meine.

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WHITE LUNG – Atlanta

Hach. Manchmal tut’s einfach auch ein ganz reduzierter Band-beim-Musikmachen Clip.
❤ WHITE LUNGS.
❤ dass sie im Herbst hierher auf Tour kommen, zum Beispiel am 1. Oktober nach Erlangen.

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ERYKAH BADU und THE FLAMING LIPS – Western Esotericism

Ich habe diese Woche den Fehler begangen, diesen Clip zu verteidigen, als ich ihn zuerst sah. Bevor Erykah Badu sich davon distanzierte. Der Stein des Anstoßes war das Video zu einem Song, den Erykah mit den Flaming Lips zusammen aufgenommen hatte. In ihm war vermeintlich Erykah nackt zu sehen: mit Glitter, der ihren Körper herunterrieselt und mit Blut- und schließlich Spermaverschmiertem Körper.

Die Kritik ging in Richtung ‚objektifizierte nackte sexy schwarze Frau in Clip mit/für/von ein paar weißen Männern und Spermadusche‘. Ich empfand es nicht als Objektifizierung, weil sie – im Gegensatz zu zahllosen anderen Clips mit fast nackten Frauenkörpern – hier eine Stimme hatte, und nicht bloße Deko war. Also konnte bei mir das Ganze noch als mit ein bisschen Artsiness angereichertes körperbejahendes Statement der Künstlerin durchgehen, vor allem, weil es ja neben der Szene mit dem Sperma auch die mit dem Blut gab, die sich auf alle Fälle eher als Menstruations-/Placenta-bezogen sehen ließ denn als Shaming/’Carrie‘-Schweineblutszene-Bezug.

Ziemlich bescheuert kam mich mir vor, als ich tags drauf las, dass sich Erykah Badu mit diesem Statement gegen den Clip wehrte, und die Geschichte etwas anders abgelaufen war:  Erykah wollte sich für den Clip nicht in eine andere Flüssigkeit als Wasser setzen, aber ihre (‚more liberal‘) Schwester Narok tat es, und im Clip sollte später auch ganz klar zu sehen sein, dass es Naroks nackter Körper und nicht der von Erykah war. Außerdem wurde ihnen wohl gesagt, dass von den Nacktszenen in dieser Form wegen Green Screen Edits eh in der finalen Version kaum mehr etwas zu sehen sei. Der Clip aber, den Wayne Coyne von den Flaming Lips ohne ihre und die Einwilligung ihrer Schwester an Pitchfork und ähnlich große Outlets zur Weiterverbreitung geschickt hatte, war so geschnitten, dass: a) es aussah, als sei es Erykahs Körper, und b) der nackte Körper mit den Flüssigkeiten der Hauptbestandteil des Clips war, und das sehr detailliert.

Coyne entgegnete auf den abschließenden Satz (‚Kiss my glittery ass‚) von Erykahs Statement auf Twitter völlig unberührt mit einem Foto, auf dem er Glitter auf den Lippen hat und den Satz „I kissed it! Thanx!“ postete, und dann noch „Yes, nice ass!„. Spricht für sich, wa‘?! Und macht folgendes späteres Statement nicht gerade sympathischer:

“To all the haters who think Erykah Badu has lost her mind!!! She has NOT!!! The Flaming Lips take full responsibility .. For the making of and the content of the controversial video !!! We are very sorry if it has offended some of Erykah Badu’s more Conservative audience! The video was intended for mature audiences and is NOT an Erykah Badu statement.. It is a Flaming Lips video!!!”

Seltsame Antwort – kein Wort der Entschuldigung an Erykah Badu drin. Keinerlei Einräumen, dass er das Ding gegen ihren Willen veröffentlicht hat. Trotzdem – wie könnte es anders sein -: Soweit ich gelesen habe, scheint sie im medialen Echo eher als die Frau wegzukommen, die es im Nachhinein bereut, aber doch selber schuld sei, weil sie sich ja ausgezogen hätte. Dass es ihre Schwester war, checken viele schon mal nicht, und das wirklich Essentielle schon gleich gar nicht: Ob ihr die Macht über die Bilder genommen wurde, die von ihr veröffentlicht worden sind. Stattdessen wird in ihrer Entscheidung, sich auf die Nacktheit einzulassen, das Problem gesehen.
Ach ja, und Pitchfork, eh eins meiner Hassmedien, hat’s auch mal wieder ganz toll hingekriegt, nicht etwa eine Schlagzeile wie „Flaming Lips release nude clip against Erykah Badu’s will“ zu schreiben, sondern – ganz klar Team FL – sie als Zicke hinzustellen: „Erykah Badu is super pissed at the Flaming Lips…„.

Dass die Flaming Lips eine lange Geschichte von Frauen objektifizierenden bis hin zu Frauen erniedrigenden Clips haben, war mir vorher noch nicht bewusst, daher danke für die folgenden Links, die mir die Band jetzt endgültig versaut haben. Sind sie halt doch nur alternde geilsabbernde Indiegreise.
vimeo.com/38193715
vimeo.com/11396029
vimeo.com/15250000
Wenn Erykah Badou diese Clips kannte, weiß ich ja wiederum nicht, was sie und ihre Schwester erwartet haben, als sie sich auf eine Zusammenarbeit einließen. Ist aber auch völlig egal, denn das Problem bleibt die Veröffentlichung gegen ihren Willen.

Und wenn das Ganze ein konstruierter Skandal war um mehr Promo zu kriegen, hat er prima funktioniert, aber ich hab keine Lust, dauernd so zynisch sein zu müssen, dass ich sowas annehme.

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THE YES MEN – YES LAB UND DIE #SHELLFAIL AKTION


Was auf alle Fälle ein gut konstruierter Fake ist, und zwar einer der richtig gelungenen, bei dem Amüsement, Betroffenheit und Nachdenken ziemlich nah beisammen liegen: Gestern machte dieser Clip von einer Privatparty zur Eröffnung von zwei neuen arktischen Bohrinseln von Shell die Runde, bei der ein Malheur passierte: der als Bohrinsel dekorierte Schnapsbrunnen mit einem braunen Drink (Rum-Cola?) leckte, sprühte einer alten Dame braune Flüssigkeit ins Gesicht und war nicht mehr zu stoppen…

Kein Wunder, dass das Ding sofort viral ging, z.B. auf Twitter unter dem Tag ‚#shellfail‘, denn symbolgeladener könnte eine PR-Aktion kaum nach hinten losgehen. Dieser wunderbar verwackelte Stunt kam aus dem Hause YES MEN, um kritische Aufmerksamkeit für die Pläne von Shell zu schüren, in der Arktik zu bohren. Das Lachen bleibt dann auch zumindest kurz im Halse stecken, wenn du den heute releasten ‚Make Of‘ Clip ansiehst, und erfährst, wer die 84jährige Lady ist:

Wem die YES MEN etwas sagen, die oder der kann sich schon denken, dass sie es nicht bei einem einfachen youtube-Clip belassen. Bei Gawker zum Beispiel ist zu lesen, dass Shell die Leute hinter dem Stunt verklagen will – aber als sie bei Shell nachfragten, wussten die nichts davon.
Und diese großartige Website gehört auch noch zu dem ganzen Stunt:
www.arcticready.com
Darauf gibt es sogar eine Kinderecke mit dem prima Spiel ‚Angry Bergs‘.
Als erstes bin ich übrigens über Bilder von einer angeblichen neuen Shell Kampagne daraufgestoßen, hier und hier, die gestern auf twitter kursierten.

Danke, jedenfalls, an’s YesLab, für eine sehr gelungene Aktion!
Und hier noch ein Link zu einer Petition, die sie damit unterstützen.