foto: ted leo

Ted Leo + Rebecca Gates – Konzertreview (23.9.12 K4 nbg)

foto: ted leo„Everyone needs a sunday some days, everyone needs to take some time away.
So come on home from the front lines, baby,
You know you’ve done more than your time there was supposed to have been.
A little time out could turn your head ‚round,
A little time out could lift us our of the mess we’re in.“
Ted Leo

So viele Konzerte, so wenig Zeit sie sacken zu lassen. Ich versuch mich mal wieder an Konzertreviews. Hier ein erstes.

Letzten Sonntag, 23.9., spielten Rebecca Gates und Ted Leo im Zentralcafé. Ein kleines Konzert, zu klein, viel zu klein, soll heißen viel zu wenig Gäste. Auch wenn das Konzert sehr kurzfristig zustande kam, war es schon krass, dass gar so wenig Leute kamen, wo doch Ted Leo sowas wie der Joe Strummer (nicht nur) meines Punk/Indie-Universums ist. Und er ist weiß Gott kein unbekannter Künstler. Aber egal – Konzerteveranstalten tut halt, wenn du Überzeugungstäterin bist, manchmal auch ein bisschen weh.

Zum Konzert: Rebecca Gates spielte als erstes. Seltsam lange verstrickte Songs, bei denen ich wünschte, ich hätte die Texte besser verstanden, da das Songwriting eher den Geschichten zu folgen schien, die sie besang, als sich an irgendwelche klassischen Vers-Refrain-Strukturen zu halten. Ihre Stimme ging mir aber immer noch so unter die Haut wie zu der Zeit als sie mit den Spinanes diesen schönen Song rausgebracht hatte:

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Teilweise forderte es bei ihr schon Konzentration nicht mit den Gedanken abzuschweifen, wenn einer ihrer Songs die zehnte Abzweigung zu einer neuen Melodie nahm, auch wenn es faszinierend war, wie sie Gitarrenspiel und Gesang verband. Letztlich war es dann doch die einzige Coverversion, die mir so richtig in Erinnerung blieb: Mein Lieblingssong von Arthur Russell, ‚A Little Lost‘, den sie etwas flott, aber mit einer ähnlich samtigen Intimität sang.

Über Ted Leo zu schreiben, fällt mir etwas schwerer, weil ich da absolutes Fangirl bin. Er ist nicht nur ein hervorragender Songwriter mit gnadenlos eingängigen Melodien, sondern ich schätze es auch sehr, wie bei ihm the personal und die politics ebenso eng verwoben sind, wie Whisky und Gitarre, aber ohne dass er dabei diesen Jungswelt-Gestus zelebriert, der so vielen Punk- und Indiefolk-Barden durch die Bärte weht. Sein dezenter unzynischer Sinn für Humor und ‚working class‘ Spirit wären noch zwei Stichworte, die mir auch an diesem Abend wieder in den Sinn kamen. In Sachen Ausstrahlung gehört Ted Leo definitiv in eine Riege mit Leuten wie Jonathan Richman, die nur auf die Bühne steigen müssen und einmal in die Runde lächeln, und schon hängen ihm alle für die nächste Stunde glückselig grinsend an den Lippen, egal was er macht. Erschwerte Umstände sind aber natürlich, wenn du Sonntagabend vor einem ziemlich leeren Raum spielst, und die paar Anwesenden auch eher in passiver ‚jetzt mach mal‘-Stimmung sind. ‚With great power comes great responsibility‘, wie schon Spiderman beigebracht wurde, und Herr Leo – selbst an diesem Abend wohl auch etwas verknittert vom Alkoholmissbrauch des Vorabends im Kafe Kult in München – schien sich etwas unter dem Druck der ‚responsibility‘ für entertainende Wortwechsel (oft mit Hilfe von via Smartphone übersetzten deutschen Sätzen) zwischen den Songs zu fühlen. Das haute mal mehr mal weniger hin.

Musikalisch fand ich’s ganz groß. Er spielte sich quer durch eine schöne Auswahl aus seiner inzwischen natürlich ganz schön großen Palette an ‚Hits‘ und gab auch einen kleinen den Mund doch etwas wässrig machenden Vorgeschmack auf ein neues Album. Ach, und ich bekam zum nachträglichen Geburtstag ‚Me & Mia‚ gewidmet und löste mich innerlich kurz in ein Häufchen ‚aaaaaaaaaaw!‘ auf. Und die nachgereiste Kafe Kult Fraktion bekam ‚Bottled in Cork‚ gewidmet, was ja hervorragend passte, so als quasi Trinklied. Das Schöne ist, dass Ted Leo seine Songs auch ohne Band nicht einfach zu balladesken Unpluggedversionen konvertiert, sondern bei ihm eher wie bei einem Billy Bragg auch solo, der Punk nicht verloren geht. Sehr schönes Konzert war das. Fotos hab ich leider keine, aber vom Vortagsauftritt, wo Ted Leo das erste Mal in seinem Leben mit Konfetti beworfen wurde, hat Tobi Eartrumpet hier welche online gestellt.

Video-Tag! Egotronic, Beach House, Hot Chip, White Lung, The Flaming Lips feat. Erykah Badu, The Yes Men und #shellfail

Dass ich mal ein Egotronic Video poste, hätte ich mir ja auch nicht träumen lassen. Viel zu stumpfes Suffgerave ist mir das ja normalerweise, mir ist vor allem aber ja ihr viel zu stumpfes Suffprollpublikum unsympathisch. Gerade weil sie aber so ein Publikum haben, ist es zu begrüßen, dass sie diesem pünktlich zur EM-Eröffnung eine Anti-Hymne liefern. Danke, Egotronic.

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BEACH HOUSE – Lazuli

Ein schöner Popsong von BEACH HOUSE, aber leider haben sie etwas von ihrem mystisch-verhangenen Sound verloren und klingen jetzt etwas austauschbarer. Die ganz große Schwermut, die in Songs wie ‚Norway‘ steckte, kommt hier nicht mehr rüber. Der Clip erinnert von der Ästethik her an die guten alten Myspace Zeiten, als wir die Kombination magenta/cyan/grün mit irgendwas Kosmischen liebten. Passt irgendwie zumindest, weil in einem Interview letzthin stand, dass Beach House Myspace auch fehlt. ‚Auch‘ weil es mir genauso geht: Vor allem die 8 Top Friends, die kleine Pforten zu neuen Bands oder möglichen neuen Friends darstellten – dafür gibt’s bis heute noch keinen Social Network Ersatz.
Schade an dem Beach House Clip ist die Rollenaufteilung: weiblich = Bardame oder Frau in der Küche im Kleidchen, männlich = Typ am Tresen oder Junge, der sich auf der Straße rumtreibt. Dementsprechend passt es auch, dass die Frau den Zugang zum kosmischen Dingens beim Kochen im Kühlschrank findet, während der Junge sein kosmisches Dingens betritt, als er sich zum auf ihn wartenden frisch aufgetischten Essen niederlässt. Warum die Frau dann auch noch im kosmischen Dingens auf einem XX Thron sitzt, und der ganze Rest – keine Ahnung, aber ist jedenfalls alles nichts, was den leicht faden altbacken-biederen Beigeschmack entfernen würde. Schade, weil ein Beach House Konzert, auch wenn ich viel zu spät kam, mit zu den bezauberndsten Livekonzertmomenten gehört, die ich letztes Jahr hatte. Genau die Ausstrahlung, die sie da hatten, fehlt mir in diesem Song und Clip.

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HOT CHIP – Night & Day

Wenn wir schon bei kosmischen Dingens in aktuellen Videos sind, warum nicht gleich HOT CHIPs ‚Night & Day‘ anschließen. Musikalisch fällt mein Urteil ähnlich aus wie bei Beach House: Schöner Pop, der aber mit jedem Release mehr an spannender Eigenständigkeit verliert und halt einfach nur schöner massenkompatibler Pop ist. Grade bei Hot Chip deswegen schade, weil sie einst wirklich so frische Sounds in die Elektropopszene pusteten, dass wir immer gespannt auf Neues von ihnen warteten. Die Zeiten sind wohl vorbei. Aber es sei ihnen ja auch gegönnt, wenn sie jetzt eher dafür abgefeiert werden, die neuen Pet Shop Boys zu sein. Es gibt Schlimmeres. Das hier ist jedenfalls eines der Beispiele dafür, dass ein Clip frischer als der Song daherkommt: Ein kosmisches Dingens am Anfang geht gleich in eine wunderbare Tanzszene von Hoodie-Mönchen in einer Bibliothek (yeah, Bibliotheken in Musikvideos – völlig unterbewertet!) über, (irgendwie ’street‘, irgendwie ‚Name der Rose‘) zu denen dann noch ähnlich gewandete Tänzerinnen stoßen, und ein gekröntes Riesenei mit rosa Rüschen wird von zwei halbnackten Typen umtanzt. Ein weißes Burkagespenst, ein Affe mit Hut, Pferde- und Mausköpfige Gestalten und eine kleine Tanzperson mit Einhorndaftpunkglitzerhelm – sehr schön skurril. Aber keine Überfrachtung. Die Dancemoves korrespondieren mit den Raumschiffmoves einer Frau und eines Mannes, die sich aus dem kosmischen Dingens vom Anfang erst der Erde, dann immer mehr der Bibliothek nähern, und als du schon denkst, es geht alles in einem blöden binormativem Happy End mit YingYangDingens auf, crasht selbiges und der Bibliothekschef schmollt. Oder so ähnlich. Toller Clip, der schon ein kleines bisschen sowas leistet, was ich immer mit ‚leichtfüßiger Anarchie des Pop‘ meine.

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WHITE LUNG – Atlanta

Hach. Manchmal tut’s einfach auch ein ganz reduzierter Band-beim-Musikmachen Clip.
❤ WHITE LUNGS.
❤ dass sie im Herbst hierher auf Tour kommen, zum Beispiel am 1. Oktober nach Erlangen.

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ERYKAH BADU und THE FLAMING LIPS – Western Esotericism

Ich habe diese Woche den Fehler begangen, diesen Clip zu verteidigen, als ich ihn zuerst sah. Bevor Erykah Badu sich davon distanzierte. Der Stein des Anstoßes war das Video zu einem Song, den Erykah mit den Flaming Lips zusammen aufgenommen hatte. In ihm war vermeintlich Erykah nackt zu sehen: mit Glitter, der ihren Körper herunterrieselt und mit Blut- und schließlich Spermaverschmiertem Körper.

Die Kritik ging in Richtung ‚objektifizierte nackte sexy schwarze Frau in Clip mit/für/von ein paar weißen Männern und Spermadusche‘. Ich empfand es nicht als Objektifizierung, weil sie – im Gegensatz zu zahllosen anderen Clips mit fast nackten Frauenkörpern – hier eine Stimme hatte, und nicht bloße Deko war. Also konnte bei mir das Ganze noch als mit ein bisschen Artsiness angereichertes körperbejahendes Statement der Künstlerin durchgehen, vor allem, weil es ja neben der Szene mit dem Sperma auch die mit dem Blut gab, die sich auf alle Fälle eher als Menstruations-/Placenta-bezogen sehen ließ denn als Shaming/’Carrie‘-Schweineblutszene-Bezug.

Ziemlich bescheuert kam mich mir vor, als ich tags drauf las, dass sich Erykah Badu mit diesem Statement gegen den Clip wehrte, und die Geschichte etwas anders abgelaufen war:  Erykah wollte sich für den Clip nicht in eine andere Flüssigkeit als Wasser setzen, aber ihre (‚more liberal‘) Schwester Narok tat es, und im Clip sollte später auch ganz klar zu sehen sein, dass es Naroks nackter Körper und nicht der von Erykah war. Außerdem wurde ihnen wohl gesagt, dass von den Nacktszenen in dieser Form wegen Green Screen Edits eh in der finalen Version kaum mehr etwas zu sehen sei. Der Clip aber, den Wayne Coyne von den Flaming Lips ohne ihre und die Einwilligung ihrer Schwester an Pitchfork und ähnlich große Outlets zur Weiterverbreitung geschickt hatte, war so geschnitten, dass: a) es aussah, als sei es Erykahs Körper, und b) der nackte Körper mit den Flüssigkeiten der Hauptbestandteil des Clips war, und das sehr detailliert.

Coyne entgegnete auf den abschließenden Satz (‚Kiss my glittery ass‚) von Erykahs Statement auf Twitter völlig unberührt mit einem Foto, auf dem er Glitter auf den Lippen hat und den Satz „I kissed it! Thanx!“ postete, und dann noch „Yes, nice ass!„. Spricht für sich, wa‘?! Und macht folgendes späteres Statement nicht gerade sympathischer:

“To all the haters who think Erykah Badu has lost her mind!!! She has NOT!!! The Flaming Lips take full responsibility .. For the making of and the content of the controversial video !!! We are very sorry if it has offended some of Erykah Badu’s more Conservative audience! The video was intended for mature audiences and is NOT an Erykah Badu statement.. It is a Flaming Lips video!!!”

Seltsame Antwort – kein Wort der Entschuldigung an Erykah Badu drin. Keinerlei Einräumen, dass er das Ding gegen ihren Willen veröffentlicht hat. Trotzdem – wie könnte es anders sein -: Soweit ich gelesen habe, scheint sie im medialen Echo eher als die Frau wegzukommen, die es im Nachhinein bereut, aber doch selber schuld sei, weil sie sich ja ausgezogen hätte. Dass es ihre Schwester war, checken viele schon mal nicht, und das wirklich Essentielle schon gleich gar nicht: Ob ihr die Macht über die Bilder genommen wurde, die von ihr veröffentlicht worden sind. Stattdessen wird in ihrer Entscheidung, sich auf die Nacktheit einzulassen, das Problem gesehen.
Ach ja, und Pitchfork, eh eins meiner Hassmedien, hat’s auch mal wieder ganz toll hingekriegt, nicht etwa eine Schlagzeile wie „Flaming Lips release nude clip against Erykah Badu’s will“ zu schreiben, sondern – ganz klar Team FL – sie als Zicke hinzustellen: „Erykah Badu is super pissed at the Flaming Lips…„.

Dass die Flaming Lips eine lange Geschichte von Frauen objektifizierenden bis hin zu Frauen erniedrigenden Clips haben, war mir vorher noch nicht bewusst, daher danke für die folgenden Links, die mir die Band jetzt endgültig versaut haben. Sind sie halt doch nur alternde geilsabbernde Indiegreise.
vimeo.com/38193715
vimeo.com/11396029
vimeo.com/15250000
Wenn Erykah Badou diese Clips kannte, weiß ich ja wiederum nicht, was sie und ihre Schwester erwartet haben, als sie sich auf eine Zusammenarbeit einließen. Ist aber auch völlig egal, denn das Problem bleibt die Veröffentlichung gegen ihren Willen.

Und wenn das Ganze ein konstruierter Skandal war um mehr Promo zu kriegen, hat er prima funktioniert, aber ich hab keine Lust, dauernd so zynisch sein zu müssen, dass ich sowas annehme.

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THE YES MEN – YES LAB UND DIE #SHELLFAIL AKTION


Was auf alle Fälle ein gut konstruierter Fake ist, und zwar einer der richtig gelungenen, bei dem Amüsement, Betroffenheit und Nachdenken ziemlich nah beisammen liegen: Gestern machte dieser Clip von einer Privatparty zur Eröffnung von zwei neuen arktischen Bohrinseln von Shell die Runde, bei der ein Malheur passierte: der als Bohrinsel dekorierte Schnapsbrunnen mit einem braunen Drink (Rum-Cola?) leckte, sprühte einer alten Dame braune Flüssigkeit ins Gesicht und war nicht mehr zu stoppen…

Kein Wunder, dass das Ding sofort viral ging, z.B. auf Twitter unter dem Tag ‚#shellfail‘, denn symbolgeladener könnte eine PR-Aktion kaum nach hinten losgehen. Dieser wunderbar verwackelte Stunt kam aus dem Hause YES MEN, um kritische Aufmerksamkeit für die Pläne von Shell zu schüren, in der Arktik zu bohren. Das Lachen bleibt dann auch zumindest kurz im Halse stecken, wenn du den heute releasten ‚Make Of‘ Clip ansiehst, und erfährst, wer die 84jährige Lady ist:

Wem die YES MEN etwas sagen, die oder der kann sich schon denken, dass sie es nicht bei einem einfachen youtube-Clip belassen. Bei Gawker zum Beispiel ist zu lesen, dass Shell die Leute hinter dem Stunt verklagen will – aber als sie bei Shell nachfragten, wussten die nichts davon.
Und diese großartige Website gehört auch noch zu dem ganzen Stunt:
www.arcticready.com
Darauf gibt es sogar eine Kinderecke mit dem prima Spiel ‚Angry Bergs‘.
Als erstes bin ich übrigens über Bilder von einer angeblichen neuen Shell Kampagne daraufgestoßen, hier und hier, die gestern auf twitter kursierten.

Danke, jedenfalls, an’s YesLab, für eine sehr gelungene Aktion!
Und hier noch ein Link zu einer Petition, die sie damit unterstützen.

„Emptiness… Tis All I See“

Es ist ganz ungewohnt, mal wieder zu bloggen, ohne dass der Anlass ist, dass ich mich über etwas aufrege, sondern einfach nur weil die nötige Ruhe dafür da ist, und da ist sie, weil ich mir diese Woche mal etwas Freizeit zwangsverordnet habe. Dabei gibt’s aber genug was mich aufregt. Zum Beispiel: FreundInnen der Bass Music haben vielleicht dieses lame kackscheiß-sexistische fanmade DISCLOSURE Video gesehen, das grad die Runde macht. Sehr schade, dass DISCLOSURE (von BENGA drauf aufmerksam gemacht, dem es auch taugt) es laut ihrem Twitter auch noch cool finden und nach der Adresse des Machers fragten, um ihm Geschenke zu schicken. Da kann ich den Titel ihres neuen Tracks – „What’s in your head?“ – leider nur noch ironisch lesen.
(EDIT: Hier auf FB gehen in den Kommentaren zum DISCLOSURE Statement dazu die Meinungen auseinander, aber der Machismo-Block überwiegt.)

SCUBA-ismus greift anscheinend um sich in der UK Bass Szene. So richtig Spaß macht das nicht mehr. Wenn ich alle paar Monate wieder ein paar Deppen von meiner Playlist streiche, spiel ich irgendwann nur noch Zeugs von Ben UFO und Kuedo oder so. Aber mal ehrlich: Sexismus in den Clips taucht ja nicht isoliert auf, sondern sagt ja etwas aus über die Szene, die immer mehr Leute birgt, die das posten und die das mögen bzw. nichts dagegen sagen. Damit ist die Bass Music halt zu einer weiteren Dance Music Szene geworden, in der Frauen bis auf ein paar Ausnahmen auf’s Visuelle reduziert auftauchen, als sexuell stimulierende Untermalung zur Musik. Und da spreche ich nicht nur von Videoclips, sondern letztlich findet sich das gewissermaßen auch in der Partyrealität. Auch hier in der Stadt ist die Bass Music Szene zu so einem Jungsdingens geworden. Zu Anfangszeiten von sub:city hatte ich noch das Gefühl, dass da auf der Party auch die Frauen wegen der Musik da waren und sich genauso gut auskannten und es nur eine Frage der Zeit wäre, bis manche von ihnen auch mal auflegen würden. Aus dieser offenen Zeit, in der alles möglich erschien, ist leider – belehrt mich gerne eines besseren, wenn ich mich da total täusche – eine weitere Szene geworden, die zwar um zahllose Subgenres und Partyreihen gewachsen ist, aber sich mit dem Bekannterwerden auch in Richtung der typischen Dance Music Rollenverteilung verfestigt hat: Die DJs sind so gut wie alle männlich und das juckt auch keineN, dass es so ist. Das ist keinen Deut anders als in einer dieser Nimmt das Interesse daran ‚conscious‘ Club Culture mitzugestalten, die ihre Wurzeln in der linken Szene auch im ‚Wie‘ der Parties umzusetzen versucht, wirklich immer mehr ab (und ich meine nicht die Musikauswahl und ich meine auch nicht dieses retromantische ‚wir sind ja alle so ‚Liebe‘ und ‚House‘ und auf dem Dancefloor sind wir alle gleich (weggedrogt)‘ Hippiegetue)? Hauptsache, der ‚Style‘ passt – geht’s nur noch um Deko und Musikauswahl? Hmpf. Weiß nicht.

Irgendwie sind wir jedenfalls wieder in so einen langweiligen Szene-Rollensplit geraten, in dem es den meisten Frauen anscheinend reicht zu Tanzen und statt Musik&Auflegegerätschaft&-technik ihr Styling zur Wissenschaft zu erheben und DJs anzuhimmeln. Very urban. Very 2012. Und die Herren DJs fragen sich auch nicht warum und versuchen dem nicht entgegenzuwirken, sondern entweder genießen sie es, oder denen, die’s gern anders hätten, ist es dann letztlich doch trotzdem wichtiger, ihre Zeit und ihre Gedankem darauf zu verwenden, ihr Ding, ihren Style, durchzuziehen, statt diese Entwicklung in einem Szenekontext zu sehen und sich da aus ihrer relativen Machtposition heraus auch mit in der Verantwortung zu sehen. Und vielleicht auch mal über so ein Sujet die Club Culture der eigenen Stadt kreativ und ‚revolutionär‘ (harhar) mitzuprägen. Von manchen kommt, wenn du’s ansprichst, wenigstens noch ein hilfloses ‚Was soll man denn da machen?‘ und ‚Sind ja auch selber schuld, die Frauen. Sie könnten ja, wenn sie nur wollten.‘ oder ‚Ich kenn halt keine Frau, die das so macht, wie es bei mir in die Party reinpassen würde.‘ etc. etc. Naja, und weil ich keine Lust auf solche und ähnliche Sätze habe, und ich der ewiggleichen Diskussionen etwas müde bin, hab ich auch aufgehört, das Thema anzusprechen. Bis auf jetzt grad, aber ich hör schon wieder auf. Blame DISCLOSURE.

Mich macht es jedenfalls immer wieder mal traurig, das mitzuverfolgen, weil ich noch die Zeit kenne, in der es gerade in Nürnberg richtig viele weibliche DJs gab, wenn’s um Dance Music ging, und damals war das Thema ‚Geschlecht‘ für mich da einfach nicht vorhanden, weil alles relativ ausgewogen erschien. Deswegen gab’s da auch keine Hemmschwelle in Form des Gefühls etwas für sein Geschlecht Exotisches zu tun. Kann mir jemand sagen, wann und warum und wie wir das verloren haben?

Ich halte ja den Spruch, dass du nix kritisieren sollst, für das du keine Verbesserungsvorschläge hast, persönlich für völligen Blödsinn, aber nichtsdestotrotz: Ich wünsche mir wieder mehr Jungs, die sich trauen, ihre festen Regeln was ihre Partyvorstellungen betrifft zu lockern und auch mal gezielt Frauen zum Auflegen einzuladen, auch wenn sie nicht genau ihren Ansprüchen von Skills und Musikauswahl entsprechen. Oder postet mal bewusst nicht nur Tracks von Typen auf fb, macht euch doch auch mal auf die Suche nach spannendem Neuen von Frauen – bloß weil’s eure DJ Mags oder Blogs nicht tun, müsst ihr das ja nicht blindlings nachmachen. Oder warum nicht mal ein von Jungs initiierter DJ Workshop, der nur für Teilnehmerinnen offen ist? Und macht das Ganze auch unter Männern zum Thema – signalisiert anderen DJs, dass ihr es seltsam findet, wie es ist, und dass euch dran läge, mehr aktive Frauen in der Szene zu haben. Ermutigt Frauen in eurem Bekanntenkreis, von den ihr wisst, dass sie sich für Musik interessieren, auch aktiv. Oder interessiert euch dafür, was sie davon abhält, sich auflegen zu trauen, und wenn es um den Erwartungsdruck geht, versucht, ihnen den zu nehmen.

Oder um zum Anfang dieses Postings zurückzukehren: Äußert euch zumindest lautstark, wenn Leute so einen Dreck wie diesen Clip zum neuen DISCLOSURE Track hypen. Ihr glaubt gar nicht wie ermutigend und wohltuend das für Frauen in der Szene ist, die sowas oft nur schweigend mitverfolgen, weil sie’s müde sind, für eine Bemerkung blöde Sprüche zu kassieren. Ich fand’s ja z.B. auch sehr schön, als jemand (ich glaub vom ilxor board) auf eine Diskussion um die zunehmenden Trend von Tits’n’Ass-Standbild-Youtube-Clips zu den neuesten Bass Tracks reagierte, indem er als Persiflage den Youtube Kanal ‚UK Hunky‘ einrichtete, in dem er solche Tracks mit sexy Männerbildern postete. (Jaja, billiges Konter eigentlich, aber durch das Wortspiel mit ‚UK Funky‘ eben doch irgendwie gut.)

So, damit habe ich, fürchte ich, mal wieder bewiesen, dass ich doch nicht fähig bin zu bloggen ohne mich über irgendwas aufzuregen. Und dann auch noch schon wieder so was feministisches. Mist. ^^
Ich versuche es glaub ich später noch mal, mit einer Reihe Konzertreviews, denn ich war auf einigen in letzter Zeit und noch dazu einigen richtig guten.

Abregen? – noch mal zu Regeners Rant bzw Kommentaren dazu

Jetzt muss ich doch noch einen zweiten Teil dazu schreiben, weil’s mir zu lange und zu schade ist, das in der comment-section zu belassen. Wird wieder keine objektive Analyse, keine Angst. 😉
Bin übrigens doch ganz schön erstaunt, dass dieser eine Ausbruch von Regener ein so breites Web-Echo hervorgerufen hat.

feydbraybrook schrieb:
„Sorry, da liegst Du falsch. Viele Musiker, die es zu etwas gebracht haben, sind jahrelang durch den Dreck gewatet und haben von Scheisse gelebt und sind trotzdem dabei geblieben – aus Liebe zur Musik. Deswegen haben sie nicht freiwillig kein Geld verdient. Sie haben es in Kauf genommen, nach dem Motto: ich würde gerne davon leben, nichts anderes machen als Musik, aber notfalls tue ich es auch, ohne etwas dafür zu bekommen. Und dann hats bei denen eben doch geklappt.
Nur, weil einer Geld mit Musik verdient, ist Geld noch lange nicht sein einziger Beweggrund dafür.“

Natürlich nicht, das habe ich auch nicht behauptet. Im Gegenteil: Das ist doch das, woran mir liegt. Und Musik machen aus Leidenschaft heißt doch nicht, dass sie unentgeltlich sein muss. Ich finde es aber unsympathisch, wenn für Leute Profit der dominante Grund dafür ist, Musik zu machen, und wenn dann langweilige Plörre rauskommt sich jemand (das soll sich jetzt nicht explizit auf Regener beziehen, auch wenn ich mit Element Of Crime noch nie was anfangen konnte) hinstellt und fordert: ‚Jetzt hab ich doch in diese Karriere investiert und hart gearbeitet, da steht mir doch jetzt auch Entlohnung dafür zu‘. Das ist mir zu sehr auf die Handwerksseite argumentiert. So funktioniert Popmusik halt nicht.

Und ich finde die Abwertung von Künstlern, die ihre Musik ganz bewusst als “ chose-what-you-pay“ mit Gratisoption unter Creative Commons Lizenzen ins Netz setzen, nicht gut. Diese Mentalität, dass etwas schlecht sein muss, wenn jemand es kostenlos hergibt, zeugt ja nur davon wie profitfixiert diese Ecke der Musikwelt ist.

Natürlich würden aber alle gerne davon leben. Die Realität sieht aber nun mal so aus, dass 95% oder mehr das nicht können, weil das Geld nicht da ist, egal wieviel sie dafür aufgeben und wie intensiv sie an ihrer Musik arbeiten. Die Schuld dafür aber nur bei illegalen Downloadern zu suchen (das wären ja immerhin schon Leute, die sich für deine Musik interessieren) und damit deine Fans zu kriminalisieren, oder derzeit youtube/google den schwarze Peter hinzuschieben ohne dabei zu sehen, dass youtube eine fantastische kostenlose fanbasierte Werbung für Musik bietet, das ist weltfremd. Es gibt zahllose Gründe, es mag zum Teil an der zu späten Besinnung auf neue Vertriebsideen und einen unglaublich schwerfälligen Umgang mit einer neuen Medienrealität seitens der Musikwirtschaft liegen, oder zum Teil auch dran, dass genauso Geld in andere Unterhaltungsmedien, Event- und Partykultur (irgendwann gibt’s bestimmt Krieg zwischen Leuten die sich als ‚richtige Musiker‘ verstehen und DJs ^^), Handys, Ipads und was weiß ich gesteckt wird. Vielleicht liegt’s auch teilweise daran, dass viele ganz einfach auch nicht mehr Geld haben, das sie für diesen Lebensbereich ausgeben können, und sicherlich auch daran, dass es heute fast mehr Acts als Publikum dafür gibt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Entwicklung in Zukunft noch mehr Richtung ’selber machen‘ gehen könnte –  sei es spielerisch durch Konsolenspiele (Guitar Hero und verwandte, Karaoke usw.) oder eben dass noch mehr Leute selbst zu Hause am Computer Musik produzieren, remixen, was auch immer, oder was ja auch stetig wächst: der DJ Bereich. (Wie Tiga letzthin twitterte: „there should be some kind of prize for anybody (under 40) who has NEVER DJed„.) Dann würde sich jedenfalls noch weniger Geld auf die Bands verteilen, die es auf die traditionelle Weise versuchen. Kultur ist halt ein fickle beast, sie und ihre Bedingungen ändern sich immer wieder im Laufe der Jahrhunderte und wer sie zum Stagnieren bringen will, tötet sie und wenn er das als Kulturschaffender tut, schafft er sich selbst halt gleich mit ab, wenn’s blöd läuft.

Zurück zu dem Kommentar oben: Es ist halt eben nicht so, dass aus ‚hart arbeiten‘ automatisch Erfolg wird in der Musik. Das ist ja eine Logik, die nicht mal in der Arbeitswelt jenseits der Unterhaltungsindustrie funktioniert. Warum es ein paar wenige Bands doch eine zeitlang schaffen, davon leben zu können, das hängt ja auch von so vielen Faktoren abseits der ganzen Urheberrechtsthematik ab, dass das ein ganzes Themenfeld für sich wäre. Qualität ist dabei gewiss nicht maßgeblich. Wie letzthin jemand (ich glaube, es war Franz Apunkt Schneider) ganz richtig sagte: Pop ist nun mal nicht fair. Mich verbindet ja auch durchaus grad deswegen so eine intensive Hass-Liebe mit ihm.

Was wäre denn aber überhaupt fair? Was für MusikerInnen sollten denn von ihrem Schaffen leben können? Gerade in einer Zeit, in der es dank technischem Fortschritt einfacher und billiger denn je geworden ist, selbst Musik zu machen und jedeR Dritte davon träumt, irgendwann sein Einkommen mit Musik stemmen zu können, steht fest: Für alle wird’s nie reichen. Aber mal angenommen, irgendwer glaubt ernsthaft, dass wenn die Daumenschrauben des Urheberrechtsschutzes fester angezogen würden und die Fans/Diebe Millionen Euro ausgeben würden / Strafe zahlen müssten und dieses Geld dann gerecht verteilt werden sollte, um wenigstens einem Bruchteil der Musikschaffenden ein Auskommen zu bescheren. Wer würde es denn eurer Meinung nach verdienen?

Sollen es die hart an sich arbeitenden Bands sein? Sollen es die sein, die ein Pop-Diplom in Kompositionslehre und Viral Marketing gemacht haben? Sollen es die sein, die am meisten verkaufen? Sollen es die sein, die kreative neue Wege gehen und sich trauen Popmusik weiterzudenken? Sollen es die sein, die den klassischen Pop/Rock/whatever-Song perfektionieren? Sollen es die ‚richtigen‘ Bands sein, weil sie Übungsräume, Studio etc. finanzieren müssen im Gegensatz zu vielen solo-electronic acts? Sollen es die sein, die ganz viel Persönliches investiert haben, ihre Jobs/Wohnungen/Beziehungen/etc aufgegeben habe, um für ihre Musik zu leben? Sollen es die sein, die in Management/Bookingagentur/Promofirma/etc. investiert haben?
Weil das schwer zu beantworten ist,  beschwören an dieser Stelle der Diskussion manche auch plötzlich das uralte Bild vom Künstler als schützenswertes kreatives Genie herauf, dass unsere Gesellschaft um ein unverzichtbares Kulturgut bereichert. Woran erkennt man aber diese wenigen Auserwählten? Diese Sicht macht die Diskussion nicht einfacher, sondern hebt sie bloß auf so ein seltsam esoterisches Level. Und auch wenn ich selbst gern in hemmungsloses Schwärmen über Musik gerate, und manche Künstler auf einen solchen Altar hieve – in so einer Diskussion hat das heute für mich nichts verloren. Ich beschwöre dann lieber im Gegenzug das Bild einer 5€-die-Stunde-Fabrikarbeiterin herauf, die noch nebenbei putzen geht, um ihre Kinder durchzubringen. Ist noch ungerechter. Hilft in unserer Diskussion auch nicht weiter. Aber wenn man sich schon darauf beruft, dass Musiker ein Beruf wie jeder andere auch sein sollte, dann halt auch konsequent.
Und wie hat es Blog-Kollege P. Breuer so schön geschrieben: „Ich bin übrigens für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Zack, alle Probleme gelöst. Nicht nur die der Künstler. Aber auf mich hört ja keiner.“

Noch einen Kommentar möchte ich herausheben:

Sebastian F. Klaus schrieb:
„Lasst uns doch mal ehrlich sein: Das, was sich wunderbar und profitabel verkaufen lässt, ist in den wenigsten Fällen voller Qualität, Aussage und vielleicht sogar Idealismus – vielmehr überfüllt und überfordert durch Lobbyismus!

Schaut man sich die Playlists von Radiosendern oder Plattenläden, dann findet man in aller Regel immer die gleiche Auswahl – hoch dotierte, extrem profitable “Interpreten” und meist keinen einzigen, der unsere Gedanken oder unser Handeln durch seine Lieder / Werke bereichert.

Zur Aussage im Kommentar von S Sen, dass es der Gesellschaft schwer fallen würde, für Kunst zu zahlen, fällt mir schlichtweg nur ein: “Blödsinn!” Okay, ich gebe zu, bei 99% der dargebotenen Werke in diversen Läden, würde ich mich tatsächlich damit schwer tun, nur einen müden Cent für zu investieren. Aber weniger, weil ich generell nichts für “Kunst” ausgeben möchte, sondern weil “DAS” keine Kunst für mich darstellt. Ob es nun Musik ist oder andere Künste gemeint sind, spielt eigentlich keine Rolle. Dass jemand sein Werk dann auch nicht als Kunst anerkannt sieht, ist sogar in Ordnung für mich: Dann ist es nunmal keine Kunst, die einen zur Investition anstachelt – vielleicht reicht es einfach nicht. Vielleicht ist es nicht gut genug. (…)“

Danke dafür. Diesem Gedanken mag ich eigentich gar nicht groß was hinzufügen.
Selbiger Lobbyismus und finanzielle Abhängigkeiten (Werbung schalten im Austausch für ‚redaktionelle‘ Beiträge oder Reviews etc) haben sich ja leider auch in der Musikpresse und Musikblogs vielerorts durchgesetzt und machen sie für mich immer uninteressanter. Das Spielerische, Neugierige bleibt da oft außen vor und man spürt die mit Inhalt aufgehübschte Kalkuliertheit und die kleinen Gefallen zu sehr durch. KünstlerInnen dagegen, die sich nicht in die Hände einer PR-Maschinerie und den eine-Hand-wäscht-die-andere-Beziehungsdschungel usw. begeben, bleiben oft einfach unsichtbar, egal welche Qualitäten ihre Musik aufweist.
Das war früher für mich eher irrelevant, weil es eigentlich bloß Mainstreampop zu betreffen schien, dessen Verwertungslogik mir noch nie sympathisch war, doch heute zieht sich das leider bis in den ‚Underground‘ durch, der ja eh nicht mehr wirklich davon zu trennen ist.
AIDS WOLF, die sich leider, aber verständlicherweise aufgelöst haben, streifen das Thema der auch im avantgardistischen Underground veränderten Musikszene in ihren Abschiedsworten hier, möchte ich kurz einfügen, weil’s so lesenswert ist.

Und noch einer:

mixermansworld schrieb:

„Etwas einseitig diese Meinungen. Ich finde es gibt bzw. darf hier kein schwarz/weiß-denken geben. Vielleicht hätte der Herr Regener seine Emotinen etwas im Zaum halten sollen und zu Dir kann ich nur sagen, sobald man sich entscheidet sein Geld – falsch – seinen Lebensunterhalt mit Musikmachen, Komposition, Texten oder was auch immer zu verdienen passiert das auf einer anderen Ebene. Vielleicht sollte man sich das mal an einem einfachen Beispiel bewusst machen: Du möchtest Dir ja zum Frühstück auch einen Kaffee gönnen oder mal ne Semmel essen, diese Dinge musst Du käuflich (also mit etwas Geld) erwerben und ich glaub nicht das Dir dein Bäcker die Brötchen schenkt obwohl er vielleicht leidenschaftlich gerne Semmeln bäckt.“

Ja, und wenn alle seine Semmeln nicht ausstehen können, und sich stattdessen woanders Baguette kaufen oder Brot selber backen, und der Bäcker dann pleite geht – jammert der dann genauso auf seinem Anrecht auf Verdienst rum, weil er doch so hart gearbeitet hat? Blödes Konter, aber warum der Bäckerei-Vergleich hinkt, kannst du dir selbst ergooglen, das ist ein beliebtes Beispiel in der Debatte um geistiges Eigentum.

Was ich noch mal betonen möchte: Ich bin in keinster Weise Fürsprecherin einer ‚Geiz-ist-geil‘-Mentalität, und mich kotzt es an, wenn Leute Kultur, die nicht profit-orientiert ist, mit dieser Mentalität in einen Topf werfen. Dass ich das Urheberrecht in seiner jetzigen Form nicht zeitgemäß finde, heißt keineswegs, dass ich, wie immer gleich gern unterstellt wird, finde, dass Musik gratis sein muss.

Und weil mir bei diesem die Gemüter doch ganz schön anheizenden Thema auch unterstellt wurde, dass ich so gar keine Ahnung habe, von was ich spreche: Ich mache selbst Musik, habe Platten und CDs rausgebracht und verkauft, bin durch ein paar Länder quer durch Europa getourt auf meist selbst gebuchten Touren, hab vor drei Leuten gespielt und hab vor 1000 Leuten gespielt, ich veranstalte Konzerte in einem Veranstalterkollektiv, bei denen die Band manchmal vor 15 Leuten spielen, manchmal vor 400, bin in Kontakt mit Bands direkt ebenso wie mit ganz großen Agenturen, ich lege auf und organisiere Parties – also: ich bewege mich zumindest nicht außerhalb dieser ganzen Szenerie, um die es geht, auch wenn ich mich nicht als ‚Professionelle‘ betrachte. Ich finde es nicht gut, wenn eine internationale Band für eine Gage spielen muss, bei der die einzelnen Bandmitglieder nur einen Bruchteil dessen bekommen, was z.B. der Tontechniker am selben Abend bekommt, der vielleicht auch schon für weniger Geld arbeitet, als der Standard ist. Ich finde es nicht gut, zu wissen, dass von der GEMA Gebühr, die wir für ein Konzert bezahlen, voraussichtlich nie wirklich etwas bei der US Band ankommen wird, die gespielt hat. Ich finde es nicht gut, dass ich nicht frei bin, einfach eine Platte mit meiner eigenen Musik zu veröffentlichen, ohne mir vorher von der GEMA, mit der ich gar nichts zu tun haben will, mein Werk ‚freistellen‘ lassen zu müssen. Ich finde es nicht gut, dass immer öfter DJs das mehrfache dessen verdienen was ein Bandmitglied verdient. Ich finde es nicht gut, dass Leute bereit sind für ein Festivalticket dreistellige Beträge hinzulegen, aber bei kleinen Konzerten wegen dem Eintrittspreis rumdiskutieren wollen. Ich finde es nicht gut, dass viele wie auch ich, sich ganz schlicht und einfach nicht mehr so viele Konzerte und Platten leisten können wie früher. Ich finde es nicht gut, wenn Leute Musik ausschließlich gratis abgreifen, obwohl sie von sich behaupten, dass ihnen Musik total wichtig ist. Ich finde es nicht gut, zu wenig Zeit zum ausgiebigen Musikmachen zu haben. Ich find es nicht gut, …  Ey – es gibt schon wirklich zig Sachen über die ich Jammern könnte. Hab ich aber keine Lust drauf. Lieber weitermachen und versuchen, Leute für Musik mitzubegeistern, die mich begeistert, weil ich glaube, dass Begeisterung ein viel besserer Grund ist, Geld für Musik auszugeben als drohende Strafen oder jammernde Musikschaffende.

Sein Urheberrecht! Sven Regener regt sich auf. Ich auch.

Was einen gequirlten Haufen Dingens der Regener von Element Of Crime HIER beim Zündfunk ablässt.

Da kann ich nicht anders als was zu entgegnen.

Gegen die Domestizierung!

Mich kotzt diese ‚Musik ist mein Beruf‘ Haltung echt immer mehr an. Ich wünsch mir bitte wieder mehr Leute, die Musik/Kunst als „exzentrisches Hobby“ (wie es Regener hier nennt) betreiben. Mit Enthusiasmus und Wagemut und Überschwang und als etwas ‚existentielles‘ jenseits von ‚Mittel zum Existenz sichern‘. Es gibt tausende von Gründen Musik zu machen – weil es Spaß macht, weil man ein kreatives Fieber in sich hat, weil man alte Geister austreiben will, weil man eine Botschaft rüberbringen will, weil sich nichts besser anfühlt, als wenn der Beat genau richtig klingt, usw.  – aber bitteschön: um damit eine Popkarriere machen zu wollen, von der sich leben lässt, ist wirklich der langweiligste Hauptgrund überhaupt. Musik in einer Erwartungshaltung zu machen, dass sie zu einem gesicherten Einkommen führe, ist nichts als die bloße Domestizierung und Verbeamtung von etwas was mal von spannenden Entwicklungen und kreativen Auseinandersetzungen geprägt war, und Bezüge zu Leben und Gesellschaft hatte anstatt nur Augen für sich selbst und die eigene Inszenierung zu haben.  Was für öder Durchschnittssound dabei in allen möglichen Genres rauskommt, davon gibt’s ja inzwischen grad hierzulande genug zu hören, und das tötet auch langsam den lebendigen wildwuchernden Underground der Musikszene. Fuck off Pophandwerk und Popakademie. Vielleicht würde mich das weniger aufregen, wenn die Haltung der Berufsmusikanten nicht immer gar so arrogant denjenigen gegenüber wäre, die selbiges nicht in erster Linie machen, um damit Geld zu verdienen.

Golden shower FTW

Und dann weiter in seinem Text: Musik, die kein Geld ranschafft, als ‚Subventionstheater‘ (Amüsante Ergänzung: Eine Freundin hat ganz richtig bemerkt: Gerade Element Of Crime sind eine der Bands, die sehr gerne und oft an subventionierten Auftrittsorten spielen.) und ‚Straßenmusik‘ zu bezeichenen – geht’s noch? Können wir bitte wieder lernen, dass gratis nicht ’nichts wert‘ bedeutet? Ich empfinde das als eine ebenso bescheuerte wie unverschämte arrogante Abwertung (nicht nur) meines Schaffens. Das richtet sich gegen jegliche nicht-kommerzielle Geste, die vielleicht eben genau deswegen non-profit ist, weil sie sich damit gegen die Verwertungslogik stellen will. Das sagt jedoch nichts über Qualität aus.

Ich lasse mir – metaphorisch – gerne „ins Gesicht pinkeln“, wie du es bezeichnest, lieber Sven Regener. Und das wertet meine Musik in keinster Weise ab. Kunst muss nicht kosten, damit sie was ‚wert‘ ist. Wenn du ‚Respekt vor Musik‘ über Geld definierst, weil du Angst um deine Altersvorsorge hast, dann tu nicht so, als ob es dir um die Musik ginge. Denn das ist nicht das „einzig Wahre am Rock’n’Roll“, sondern das macht den „Rock’n’Roll“ zur bloßen Ware.
„Wahrer Rock’n’Roll“ ist nämlich dann doch eher sowas wie der ‚Two Hearts Are Better Than One‘ Blog hier, auf dem Sabotage Records und Taken By Surprise Records ihre ganzen Veröffentlichungen auch zum Gratisdownload online stellen. Für dich wahrscheinlich genauso wie ich auch solche ‚Penner aus der letzten Reihe‘.

Selber schuld!

Leute wie du sind es doch, die der Musik ihre Magie austreiben, das was sie mal zur ‚Kunst‘ gemacht hatte, das was Leute zu Fans werden ließ. An diese Stelle wurde von Popstrategen Musik gesetzt, die nach immer gleichförmigeren Verwertungsstäben funktionieren soll, Musik nach Schema F als erlernbares Handwerk, die als Qualitätskriterium Erfolg in Zahlen misst. Nach jedem Werbe/Sponsoring-Vertrag wurde sich gerissen, ohne dabei zu bedenken, dass er noch mehr dazu beiträgt, dass Musik zum bloßen Lifestyle/Produkt-Hintergrund wird. Und dann der immer gleiche Schritt: Das kleine Label, die kleine Bookingagentur wird sitzen gelassen, sobald sich was ‚Größeres‘, ‚Besseres‘ (= finanziell Vielversprechenderes) auftut – weil Wachstum in dieser Logik mehr Verkäufe und mehr Publikum heißt, und nicht mehr Entwicklung und Tiefe. (Was für dich bestimmt nichts zum Sterben der Indies beigetragen. Nö, nö.) Mal im Ernst: Letztlich habt ihr Berufsmusiker doch durch diese und ähnliche Dinge doch schon lange vor eurem Publikum den Respekt vor eurer Musik aufgegeben. Und sich dann hinstellen und den potentiellen HörerInnen die Schuld am Niedergang der Indie-Szenerie zu geben? Großes Kino.
Mit eurer andauernden Opferpose und dem Beschimpfen eurer Hörerschaft werdet ihr den Respekt gewiss nicht wiedergewinnen.

Weiter mag ich gar nicht drauf eingehen. Der unmögliche abwertende Gebrauch von ‚Penner‘ und ‚Nutte‘ zum Beispiel spricht ja auch Bände über die Weltsicht eines Herrn Regener.

 

Edit: Hier hab ich einen zweiten an das Thema und Kommentare anschließenden Eintrag gepostet:
http://breakingthewaves.net/2012/03/23/abregen-noch-mal-zu-regeners-rant-bzw-kommentaren-dazu/

„This is why events unnerve me“ – Das Reuinieren & der alljährliche Festival Rant

Ihr kennt das vielleicht: Gestern kam mir eine Liedzeile in den Kopf, samt Melodie, und es machte mich verrückt, weil ich sie immer wieder vor mich hinsang, aber auf’s Verderben nicht drauf kam, aus welchem Song welcher Band sie stammt. Heute bin ich dann prompt mit der Antwort aufgewacht: Fugazis großartig dublastiges ‚Closed Captioned‘ war es.

„This one wants the art this one wants the politics, everybody wants their own damn station
If we’re so fine maybe you can tell me why no one counts until they’re dead
I asked you, I asked you a question, I just want…I don’t know

The imperfections are here to find if your position is so unkind
Everything is not alright
And since we live in present tense the only hope of making sense
It all depends on the source of light“

Danke, dass ihr nicht am Coachella spielt, Fugazi.

* _ *

Als durch’s Web geisterte, dass sich nun auch noch The Make-Up reuinieren, und dass Refused am Rock im Park spielen, fragte ich mich wieder mal, warum ich mich nicht wie andere drüber freuen kann. Klar, es gibt Reunions bei denen auch ich schwach werde und gerne noch mal so tun würde, als ließe sich die Musik einer bestimmten Band aus einer bestimmten Zeit so einfach wiederbeleben, aber letztlich gab es einen Grund warum eine Band im Kontext ihrer Zeit in einer bestimmten Szene eine gewisse Wirkung entfaltete, und dieses Gefühl lässt sich nicht mitwiederbeleben. Der Liveeindruck ist dann schlimmstenfalls so, als würde man einer alternden Coverband des Originals zusehen. Anders ausgedrückt: Letzlich fühlt es sich für mich heute richtiger und intensiver an Xiu Xiu ‚Ceremony‘ spielen zu hören als es mir den Song auf einer Peter Hook Show anzutun, oder: wenn Comadre ‚New Noise‘ spielen, gefällt’s mir auch wieder. Es geht halt auch um Intensität.
Das soll nicht heißen, dass dafür plädiere, dass Bands irgendwann unbedingt in Rente gehen sollten – nö, das gar nicht. Deswegen fand ich auch das Madonna-Gebashe daneben, von wegen sie solle doch mal langsam aufhören. Warum sollte sie? Weil sie älter wird, weil Pop den Anspruch hat immer jung zu bleiben, weil sie ihren musikalischen Zenith überschritten hat? Nein, nichts davon wäre für mich Grund genug. Was ich traurig finde, sind nicht die MusikerInnen, die weitermachen. Was ich traurig finde, sind die, die stehenbleiben und auf einem Erfolg aus der Vergangenheit herumreiten. Da ist für mich die Aura des Cash-Cow Melken stärker als die Aura des vielleicht wirklich guten Werkes aus der Vergangenheit. Egal wie verführerisch es ist, wenn einem die Musik einer Band wirklich viel bedeutet, ich mag das nicht, dieses Verfallen in Achtungsstarre, dieses in einen Schrein stellen, als hafte diesen Bands aus der Vergangenheit eine Aura an, die jüngere Bands gar nicht mehr erreichen können, vielleicht weil sie aus einer Zeit der medialen Schnelllebigkeit und Reizüberflutung stammen. Die haben eher damit zu kämpfen, überhaupt mal für länger als ein, zwei Jahre Beachtung zu finden. Pains of being born too late.

Ein wenig Spott haben Bands, die sich zum Abkassieren noch mal zusammentun, und dabei wichtigwichtig tun, als könnten sie eine bessere Vergangenheit wiederbeleben, allemal verdient. Refused sind da natürlich ein beliebtes Ziel derzeit, was völlig verständlich ist: Sie haben ja nicht nur Fans im Nu Metal Mucker Lager (ich beschuldige immer noch Refused diese furchbare Genre mit ausgelöst zu haben), sondern haben ja viele Fans durchaus ihren Politics und einer unterstellten Glaubwürdigkeit zu verdanken. Die haben mitunter die Auflösung von Refused gern dankbar als konsequenten Schritt im Angesicht des ‚drohenden‘ größeren kommerzielleren Mainstreamerfolgs gesehen und sie dafür noch ein bisschen toller gefunden, so dass es natürlich einen wunden Punkt trifft, wenn Refused in ihrem Reunion Statement schreibt: „We never did ‚The shape of punk to come‘ justice back when it came out, too tangled up in petty internal bickering to really focus on the job. And suddenly there’s this possibility to do it like it was intended. We wanna do it over, do it right.“ Wer könnte es da den Fans von damals übelnehmen, wenn sie schon mal kurz bitter darüber auflachen müssen, dass die Band bei ihrer Reunion gleich den first bus into Coca-Cola City nimmt, der sie in ‚Worms Of The Senses‘ noch ganz ’nauseous and shitty‘ gemacht hatte. (Coca Cola ist einer der größten Sponsoren des Coachella Festivals, das als erster Reunion-Spielort bekanntgegeben wurde).

Ich nutze die Gelegenheit gleich mal für meinen alljährlichen Festival Rant: Diese Massen-Festivals wie Coachella oder hierzulande RIP/RAR/MELTusw sind in den letzten Jahren wirklich zu den wirtschaftlich hypereffizienten H&Ms unter den Konzerten herangewuchert. Als Suggestionsapparat der Glückseligkeit absolut bewundernswert. Was so viele gut finden, was so viele Jobs bringt, das kann doch gar nicht schlecht sein. Bands werden mit ihrer Musik wie Billig-Massenware über die Bühne gescheucht, je unbekannter je unbezahlter, das Publikum verbringt ein Wochende mit Schlangestehen, sich den Weg durch Menschenmassen bahnen und einem Hygiene- und Komfortminus, das völlig nachvollziehbar macht, warum sich die meisten so Wegknallen. Drauf angesprochen, warum sie hingehen, wird meist in Geiz-ist-geil-Manier unterstrichen, dass es ja so viel günstiger sei, sich all die Bands auf einmal anzugucken, als wenn man auf all die einzelnen Konzerte davon ginge. Für die Nerds unter den Gästen ist es die günstigste Möglichkeit die ‚relevanten‘ Bands auf der To-Do-Liste abzustreichen. Dazu sind die Festivals inzwischen ja auch wirklich perfekt als zielgruppenoptimierte Massenbandhaltung zurechtgecastet, was zwar mitunter zu einer gewissen Austauschbarkeit führt, aber der Wirkung von Festivalnamen als Brands nicht viel nimmt.
So.
Heuer mal etwas kürzer ausgefallen.
Ich plädiere nach wie vor für mehr den liebevollen kleine community-based Konzertgenuss anstelle vom Untergehen in Menschen- und Bandmassen, aber hey: Ich gestehe, dass auch ich mein letztes Buch wenn auch nicht von, dann doch zumindest über amazon gekauft habe.

Hey, hey, my, my …

Die sanfte Ironie, dass die Chromatics mit diesem Cover den Rock’n’Roll endgültig aus diesem Song vertrieben haben, ist schwer zu übersehen. Aber sehr schick haben sie das getan.