Please leave Selfies alone: Was die Krise des Journalismus mit der Logik der PR-Gesellschaft zu tun hat

Hans-Jürgen Arlt interpretiert auf carta das Selfie als Ausdruck eines Gesellschaftszustands, der “PR-Society”, die geprägt ist vom Streben nach Erfolg durch Selbstdarstellung statt Leistung. In einem Gedankensprung interpretiert er Journalismus als Gegensatz zu Selfies, weil dieser sich nicht wie diese nach den Wünschen der Dargestellten richte, “sondern stattdessen unabhängig an Kriterien der Realitätsnähe und kollektiver Relevanz” orientiere. Nun, da Selfies gar nicht die Ansprüche von Journalismus haben, ist es natürlich leicht, sie ihnen abzusprechen und sie darüber zu verdammen. Aber um mal spaßeshalber mitzuspielen: Ist das Kritisierte überhaupt spezifisch für das Problem?

Ja, Selfies sind inszeniert. Ja, sie greifen nur einen Ausschnitt aus einem Geschehen heraus, der uns in dem Licht darstehen lässt, das wir uns aussuchen. Das ist aber nicht spezifisch für Selfies, sondern gilt zum Beispiel auch für eine Anekdote, die wir über uns erzählen: Auch da beschränken wir uns auf einen Ausschnitt einer Situation und lassen gern mal Sachen weg, die uns peinlich aussehen lassen könnten.

Journalismus wiederum ist ebenfalls nicht unabhängig und auch er zeigt oft nur eine Perspektive, und das nicht mal erst dort, wo er kommentierend wird, sondern bereits durch Themenauswahl oder dadurch, was und wer in einem einzelnen Artikel erwähnt wird und was weggelassen wird.

Es ist im Journalismus gängige Praxis, das als Objektivität auszugeben und lange hat es auch halbwegs funktioniert: Indem eine weitverbreitete Perspektive eingenommen wird, wirkt sie fast unsichtbar. Aber daraus folgt kein Anspruch auf objektive Wahrheit. Das wird in unserer Social Media Ära immer deutlicher, in der Menschen aus anderen Perspektiven heraus lautstark Kritik leisten.

Wahr ist nicht mehr, was von Bestand ist

Wie ist es mit Fotografie und Wahrheit? Wir leben in Zeiten von Photoshop und Instagramfiltern und inszenierten Pressefotos, wie dem jüngsten vielfacher Kritik anheimgefallenem Beispiel des Bildes von Regierungsoberhäuptern auf der Hebdo-Demo in Paris. Da ausgerechnet das Selfie als Beispiel für Verlust von Authentizität durch Selbstdarstellung zu beklagen, ist verwunderlich.

Den oder die Fotograf_in als eine unsichtbar die objektive Wahrheit über eine Szene herstellende Instanz heraufzubeschwören, das klingt einfach zu sehr nach lamentierendem Altherrenjournalismus, der vor ein paar Jahren noch das Aufkommen von Blogs als unseriös beklagt hat und heute durch Social Media Posts und Kommentare den Untergang seiner Alleinherrscherposition über die relevante Sichtweise nahen sieht.

Mercedes Bunz hat in “Die stille Revolution” eine Verschiebung im Verhältnis zwischen Wahrheit und Fakten beschrieben: wahr ist nicht mehr, was von Bestand ist. Der digitale Fakt verändert sich schnell und ständig, da er dauernd aktualisiert wird. Und dieses Fehlen gewohnter Fixpunkte kann verunsichern.

Die Digitale Öffentlichkeit als Kontrollorgan

“Die Polyphonie, die Vielheit der Stimmen im Netz, ermöglicht uns eine neue Art der Objektivität: die Qualität der Wahrheit der digitalen Öffentlichkeit ist Unmittelbarkeit von vielen verschiedenen Stimmen – eine Pluralität, die verlangt, dass wir uns ein eigenes Bild machen. Statt nur auf eine einzige von Expert_innen (Journalist_innen, Historiker_innen, usw.) abgesegnete Perspektive zu vertrauen, ist der sich wiederholende Bericht aus unterschiedlichen Quellen das neue Kriterium für Wahrheit. Die aktive Einbindung des Adressaten ist eine zentrale Eigenschaft der digitalen Öffentlichkeit.”

Der Journalismus, wie ihn seit neuesten Reported.ly betreibt, versucht sich in spannender Weise darauf einzulassen. Über die Veränderung der Rolle des Journalismus ist in Bunz’ Buch etwas zu lesen: Sie stellt gleichwohl kritisch fest, dass bereits früher ein Gleichgewicht von Presse und Politik nicht immer gegeben war und nennt als Beispiel, wie in Deutschland die öffentlich-rechtlichen Medien und damit die Meinungsbildung durch die Politik beeinflusst wurden.

In den modernen Mediendemokratien von heute haben sich die Positionen noch weiter verschoben: Die Medienbranche ist zum Business geworden, Politikerinnen nutzen sie für Imagearbeit, Medienmogule streben für sie günstige politische Regelungen an, kurz: Interessenskonflikte everywhere, durch gegenseitige Abhängigkeiten. Bunz kann sich hier die Digitale Öffentlichkeit, die smarte Masse, als Kontrollorgan vorstellen.

Digitale Öffentlichkeit wird von einer viralen Logik getrieben

Spannend ist dabei auch ihr Hinweis darauf, wie veraltet die journalistische Aufmerksamkeitslogik ist. Während sie noch auf Ereignisse und Breaking News ausgerichtet ist, wird die digitale Öffentlichkeit von Interessen der Nutzer_innen getrieben: einer viralen Logik.

“Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden”, stellt Bunz auf Chris Andersons mediale Longtail-Logik der semantischen Nische verweisend, fest. Sich wiederholende Inhalte sind dabei nicht nur als virale Kommunikation, sondern auch als Kriterium für Wahrheit von Bedeutung.” (Ausschnitt aus meiner Rezension zu Mercedes Bunz, Die stille Revolution, in testcard #24: Bug Report. Digital war besser.)

Dass Journalismus sich der viralen Logik in erster Linie leider nur zur Verbreitung seiner Nachrichten und Etablierung seiner Marke bedient, ist eine Entwicklung in eine fragwürdige Richtung. Dazu möchte ich noch mal zum Selfie zurückkehren. Arlt geht davon aus, dass im Selfie jede_r die Möglichkeit hat, sich so darzustellen, wie er oder sie will. Das ist eine verfängliche Annahme. Zum Selfie gehört das Zirkulieren in Social Networks. Sie sind nicht unabhängig davon denkbar.

Eine Selbstinszenierung zum Meme

Ein Selbstporträt ist kein Selfie. Dementsprechend sind sie inszeniert, um in der Logik von Social Networks zu funktionieren. Der Blick der anderen wird bereits beim Erstellen mitgedacht, er ist Teil des Selfies. Es sind Bilder, die unseren Freund_innen oder Followers statt unserem Blick auf eine Situation uns in einer Situation oder in einer Pose zeigen. Sie können zum Beispiel einfach nur durch unseren Gesichtsausdruck als non-verbaler Kommentar zu der Situation dienen, in der wir uns auf dem Bild befinden. Eine Selbstinszenierung zum Meme. Das Selfie verweist aber auch immer aus den Social Media hinaus, zurück zu uns, verweist darauf, dass die Selbstinszenierung kein spezifisches Netzphänomen ist.

Ich muss dazu nicht einmal auf die Ebene vom Selbst, das nur in seiner Performance vorhanden ist gehen. Ganz banal gesagt: Benimmregeln für verschiedenste Situationen, Konsens über angemessene Kleidung für verschiedenste Gelegenheiten, Geschlechter, Figuren sind Vorgaben, wie wir uns zu inszenieren haben.

Gleichzeitig aber sollen wir uns so inszenieren, dass es möglichst niemand als inszeniert empfindet. Wer ertappt wird, wie er oder sie sich stylt, wird oft zum Opfer von Gewitzel. Gar nicht so unähnlich dem Spott, den Presse und Regierungsoberhäupter nach dem oben erwähnten Bild auf der Charlie-Hebdo-Demo von der Internet-Community abbekamen.

Social Media macht die Spannung zwischen Authentizität und Inszenierung sichtbar

Wir können Social Media eigentlich dankbar sein, dass sie die Spannung zwischen einem sich verändernden Verständnis von Wahrheit und Authentizität und Inszenierung sichtbar macht und Diskussionen aufwirft. Gerade weil es kein social-media-spezifisches Thema ist.

Nur, gerade in Social Media wird nun freiwillige lustvolle Selbstinszenierung kritisiert. Aus der Kritik an Selfies spricht immer wieder der Versuch Kontrolle darüber zu erhalten, wie sich Menschen selbst darstellen, das bekommen vor allem Frauen und Jugendliche ab. Wenn sich die meist eine männliche Perspektive einnehmenden Selfie-Kritiker ebenso vehement gegen die im Alltag omnipräsente Darstellungsform der sexuellen Objektivierung weiblicher Körper stellen würden, wie sie es kritisiert, wie sich Frauen selbst in Selfies darstellen, könnte ich ihre Kritik vielleicht sogar in irgendeiner Weise ernst nehmen. Aber derzeit wird als selbstsüchtig meist nur das beschimpft, was nicht vom und für den gesellschaftlich dominanten Blick reguliert wird. Um nur eine problematische Facette herauszugreifen.

Wahrheit ist eine endlose Annäherung

Wie sehr es in der Kritik an Selfies um Angst, die Definitionsmacht zu verlieren, geht, zeigt auch Arlt, wenn er schreibt: “Selbstvermarktung als wirtschaftliche Existenz- und soziale Karrierebedingung: Keine Mietwohnung, kein Arbeitsplatz, keine Bewerbung, keine Beziehung ohne ‘Selfie’, ohne die Herstellungskosten in Kauf zu nehmen für die Darstellung seiner selbst von der besten Seite. Doch diese Shows bleiben unter der Kontrolle der jeweils Anwesenden, die intervenieren können.”

Solange die Kontrolle bestehen bleibt, solange interveniert werden kann, ist Selbstvermarktung okay, denn mit einer “unerwarteten Zwischenfrage” lässt sich nach Arlt doch die “Wahrheit” ans Licht zu bringen, die er auch noch an Leistung festmacht.

Als ob eine gelungene Selbstdarstellung keine Leistung wäre. Wie sehr er an eine objektive Wahrheit, an authentische Identität glaubt, zeigt sich auch sehr schön in einem Bild: er beklagt “das Öffentliche als Gezerre zwischen Verdunklung und Entblößung”. Aber genau das ist Wahrheit: sie ist eine endlose Annäherung, sie entsteht im Spiel verschiedenster Perspektiven, die verschiedene Stellen ins Licht rücken und andere im Schatten halten.

Berechtigte Kritik an der Social-Media-Strategie der traditionellen Medien

Ich musste darüber schmunzeln, wie nahe Arlts “Gezerre” am Bild eines “Fächertanzes” aus der Burleske ist, das Nathan Jurgenson von Marc Smith übernommen hat, um unsere Selbstdarstellung auf Social Media zu beschreiben. Es lässt sich letztlich ausweiten auf alle Arten von Selbstdarstellung, vielleicht sogar auf alle Formen von Darstellung: wir zeigen mal mehr, mal weniger, je nach Kontext verschiedene Seiten, und Identität wie Wahrheit entstehen nur in diesem Tanz, nur in der Bewegung. Arlt würde das wahrscheinlich nicht sehr sexy finden.

Es ist nicht so, dass ich nicht mit Teilen der Journalismus- und Gesellschaftskritik einverstanden wäre, die Arlt vorbringt, sonst hätte ich mich auch nicht zu diesem Text angeregt gefühlt. Aber es lässt sich nicht so, wie er es getan hat, an Selfies festmachen.

Die Nabelschau, die Journalismus auf Social Media betreibt und wie Eigen-PR-bewusst viele Journalist_innen dort aktiv sind, um sich selbst und ihre Zeitung oder ihren Sender als Marke zu inszenieren – das ist durchaus kritisierenswert und geht an dem vorbei, wie Social Media bereichernd für die älteren Medien sein können.

Wenn Social Networks selbst Publisher geworden sind

Was bei Arlt zu kurz kommt, ist das konsequente Weiterdenken der Kritik bis an die Wurzeln. Da ist die very german Sehnsucht nach einer Zeit in der Leistung noch etwas galt, und nicht nur Selbstinszenierung zum Vermarktungszweck (und als solche dürfte er auch jede Form von Social Media Strategie von Journalismus begreifen, womit ich nicht ganz nicht einverstanden bin).

Da ist die very manly Sehnsucht nach damals, als man noch blindlings als Gatekeeper akzeptiert wurde, als diese eine Perspektive noch als Objektivität verkauft werden konnte, und andere Perspektiven bestenfalls mal durch ein paar Leser_rinnenbriefe lästig werden konnten. Aber da ist keine schlüssige Verfolgung des Selbstinszenierungszwangs bis zu seinen Ursachen, sondern stattdessen werden Ärger und Ängste einfach auf neue Kulturtechnologien abgelenkt, mit denen er sich nicht wirklich auseinandersetzen will.

Journalismus krankt in großen Teilen nichtsdestotrotz tatsächlich an der Überzeugung, der Logik von Social Networks aus monetären Zwängen vermeintlich folgen zu müssen. Dadurch werden Artikel konzipiert um Schnelligkeit und Reichweite zu erlangen, während Gesichtspunkte wie Tiefe und gesellschaftliche Relevanz meist auf der Strecke bleiben, da ihnen in diesen Netzwerken keine Bedeutung zukommt. Ob Medien damit nicht mehr aufgeben als sie gewinnen, werden sie wohl erst merken, wenn auch das letzte Social Network selbst zum Publisher geworden ist.

too long, didn`t read

Die Krise des Journalismus resultiert zum Teil aus der Orientierung an “Werbung, PR und Unterhaltung” und den Strukturen von Social Media, aber: Please leave Selfies alone.

P.S.: An meine Nummer 1 der kuriosen Selfie-Angst-Artikel kommt Arlts übrigens lange nicht heran, das ist immer noch dieser hier.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.socialmediawatchblog.org.

Wer im Glashaus sitzt, sollte Steine werfen

Wer-im-Glashaus-sitzt-sollte-Steine-werfen1Es stellt sich nun die Frage, was wir denn eigentlich tun können. Leute mit so konträrem Background wie Innenminister Friedrich und Journalist und  Datenschutzrechtsaktivist Jacob Applebaum, der auch beim TOR Projekt aktiv ist, sagen, wir sollten lernen unsere Daten zu verschlüsseln. Augenwischerei wie das Angebot einer Email Made in Germany wird in die Welt gesetzt, ein Ansatz der schnell von Technikfachleuten und dem Chaos Computer Club gleichermaßen als reiner „Marketing Stunt“ entkräftet wird. Ein guter Witz. Fast so gut wie eine Antivirussoftware-Werbung, die den Slogan ‚gut gegen Geheimdienste‘ verwendet. Nachdem die auf sichere verschlüsselte Kommunikation spezialisierten Emailservices Lavabit und Silent Circle ihren Betrieb einstellten und ohne ihre NutzerInnen vorher zu warnen alle Mails löschten, da sie das als einzige Lösung ansahen, die diese Mails vor den Augen der Geheimdienste schützen konnte, sagt der Macher von Lavabit, Ladar Levison, in einem Interview für Forbes: „Ich nehme eine Auszeit vom Emailen. Wenn ihr das über Email wüsstet, was ich weiß, dann würdet ihr sie auch nicht mehr benutzen“. (Übersetzung von mir)

Wer-im-Glashaus-sitzt-sollte-Steine-werfen2Nun, das ermutigt nicht gerade dazu, überhaupt erst anzufangen, nach sicheren Alternativen zu suchen. Phil Zimmermann, der mit seinem Emailservice Silent Circle ebenso verfahren ist, und der Erfinder der PGP Verschlüsselung ist, sagt in einem Interview mit Gigaom: „Die Überwachungslandschaft ist viel schlimmer als je zuvor und ich meine, dass alles was wir jetzt tun observiert werden kann. (…) Ich denke nicht, dass irgendetwas davon einfach durch die Anwendung von Verschlüsselung wieder gerichtet werden kann.“ (Übersetzung von mir) Noch dazu wurde in verschiedenen Artikeln zum Thema erwähnt, dass zu befürchten sei, dass gerade die Anwendung von Verschlüsselung Leute erst recht ins Visier der Überwachung ziehen würde. Wenn du dich trotzdem informieren möchtest, was die sichersten Browser, Emaildienste, Chatservices usw. sind, solltest du mal auf der Website mit dem schönen Namen prism-break.org vorbeigucken. Dort wird einiges an Alternativen sehr übersichtlich vorgestellt.

Ich selbst habe mir das Verschlüsseln auch überlegt. Genauso wie ich darüber nachdachte, es vielleicht FreundInnen von mir gleichzutun, die darüber sprachen, dass sie das Web nun einfach weniger nutzen wollten, aber das fühlte sich dann einfach verkehrt an. Ich will mich nicht verstecken oder den Rückzug von etwas antreten, was ich arbeitstechnisch sowieso brauche und wo ich mich sonst auch wohl fühle. Es erinnerte mich auch an den meines Erachtens falschen Schritt, den manche mit der Aktion Twitter silence machten: Als Reaktion auf Rape Threats, Vergewaltigungsdrohungen, die Frauen als Reaktion auf feministische Äußerungen auf Twitter bekommen hatten, wurde ein Twitter Silence Tag angeleiert, an dem sie und Leute die sich solidarisch erklärten, sich für einen Tag komplett von Twitter zurückzogen. Rückzug ist für mich keine befriedigende Antwort auf Bedrohung im Netz, und Verschlüsseln ist für Leute, die mit wirklich sensiblen Daten umgehen, unerlässlich, aber für mich ist das nichts, was mich ruhiger schlafen ließe. Ich sehe das eher wie Friedemann Karig, der in einem Blogeintrag mit dem schönen Titel ‚Verschlüsselkinder‘ schreibt:

“Doch fragt man sich angesichts der Nonchalance der eilig Verschlüsselnden: Würden sie – dürfte die Polizei anlasslos Hausdurchsuchungen durchführen – eine Stahltür einbauen und das Klingelschild abmontieren? Wer lackiert sein Auto regelmäßig um, obwohl er keine Banken damit überfällt? Begegnet man Grundrechtsverstößen mit vorauseilender Selbstverteidigung? Kauft die Polizei dann nicht einfach mehr Rammböcke, bezahlt mehr Spitzel? (…)

Selbstverständlich sollte man hygienisch mit Daten umgehen, Sensibles hüten, niemals diese ominöse Erbschaft in Nigeria antreten. Doch vor Ausspähung sollten nicht Verschlüsselung, sondern Gesetze schützen. Ansonsten wird aus Kryptographie bald das Kryptonit der Idee von einer informationellen Selbstbestimmung – und damit von Freiheit im Netz.“

Wer-im-Glashaus-sitzt-sollte-Steine-werfen3Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, da sollten wir frei sein, zu tanzen ohne dass uns jemand dabei zusieht, und nicht so tun müssen, als würde uns niemand dabei zusehen. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich der Ansicht bin, dass wir uns einfach zurücklehnen sollten. Au contraire.

Die einzig positive Facette, die ich dem Überwachungsalptraum abgewinnen konnte, ist, dass er mir ein neues Vertrauen in die Integrität und den Mut von WhistleblowerInnen und auch ganz schön vielen Journalisten und Bloggern gegeben hat, und auch in die Macht von kritischem Journalismus. Es geht bei all der Überwachung ja nicht, wie uns die Regierungen glauben machen wollen, um immer stärker notwendige Sicherheit vor Terrorismus, sondern um Kontrolle. Diese Kontrolle wird durch all diese Enthüllungen zu einem ganzen Stück weit unterlaufen. Wie bedrohlich das für die Überwachungsorgane ist, zeigt sich derzeit am deutlichsten in den Angriffen auf die Pressefreiheit: Dem Festhalten von David Miranda am Londoner Flughafen Heathrow unter dem Terrorismusgesetz. In den Forderungen an den Guardian das von Snowden geleakte Material herauszugeben, die in einer symbolischen Einschüchterungsgeste in der Zerstörung von Computern gipfeln. Übrigens ist laut Spiegelmagazin die Haltung unseres Innenministers dazu auch nicht viel besser. Friedrich ist der Ansicht, dass das Verhalten des Guardian fragwürdig sei – kein Wort der Kritik an den Einschnitten in die Pressefreiheit und den Missbrauch des Terrorismusgesetzes. Der Guardian kontert auf eventuell zu befürchtende drohende noch tiefere Einschnitte in die Pressefreiheit in Großbritannien nun mit einem grenzüberschreitenden Ansatz: Er wird die nächsten Enthüllungsberichte gemeinsam mit der US-amerikanischen New York Times veröffentlichen. Auch wenn Greenwald, der Journalist, den Snowden neben Laura Poitras als Ansprechsperson für seine Leaks wählte, in den USA bereits verschiedene Versuche erleben musste, die ihn vom Journalisten zum Whistleblower und Verräter diskreditieren und gar kriminalisieren wollten, wird sich das wohl niemand der altehrwürdigen New York Times gegenüber trauen.

Wer-im-Glashaus-sitzt-sollte-Steine-werfen4Aber es sind nicht nur die berufsmäßigen Journalisten, die jetzt wichtig sind. Josh Stearns schrieb kurz nachdem die Whistleblowerin Manning zu unglaublichen 35 Jahren Haft verurteilt worden war, in einem Artikel über die derzeitigen Versuche zur Kriminalisierung des Journalismus und in weiterer Konsequenz der Meinungsfreiheit im Allgemeinen auf Boingboing.net:

„Wir, die Medien. Wir sollten das Manning Urteil im Kontext einer zunehmenden Krise der Pressefreiheit sehen, die uns alle betrifft. (…) Wir leben in einer Zeit, in der alle einen Akt von Journalismus begehen können. Die Person, die eine Facebookseite anlegt, um zu Dokumentieren, wie ein Hurricane ihre Community getroffen hat. Die Person, die ihr Smartphone dazu verwendet aufzunehmen wie Polizisten einen unbewaffneten Jugendlichen auf einer Zugplattform töten. Die Person, die eine Gerichtsverhandlung von Anfang bis Ende live mitbloggt. Jeder dieser Leute nimmt an Journalismus auf Wegen teil, die wir schützen und feiern sollten.“ (Übersetzung von mir)

Deswegen bin ich auch allen dankbar, die sich in irgendeiner Form daran beteiligen, die gute Artikel über Leaks weiterleiten, oder kritische Kommentare und Gedanken dazu posten, die anderen erklären, warum es alle angeht. Genau das braucht es jetzt: Eine breit informierte Öffentlichkeit, die versteht, in welche Tiefen das Ganze geht und – dazu möchte ich nun am Schluss noch kommen – was es für tiefgehende Veränderungen bedeutet.

Wer-im-Glashaus-sitzt-sollte-Steine-werfen5Dazu möchte ich die Lage erst mal noch düsterer ausmalen: Ich hatte bei meinen Gedanken zur Überwachung getrennt zwischen kommerziellem und staatlichem Tracking, und hatte in den Raum gestellt, dass ersteres von uns kontrollierbar sei. Das möchte ich an dieser Stelle zum Teil wieder revidieren. Von einer klaren Trennung kann nicht mehr die Rede sein. Spätestens jetzt, wo wir dank Ewen MacAskills Guardian Artikel vom 23.8. wissen, dass die NSA den großen IT-Unternehmen Google, Facebook, Yahoo und Microsoft Millionen von Dollar gezahlt hat, um im Rahmen des PRISM Programms zur Datensammlung der Geheimdienste beizuhelfen. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint auch das Timing nicht so toll für internet.org, ein Projekt das Zuckerberg zusammen mit Unternehmen wie Samsung, Nokia, Ericsson und Opera Internetzugang für die ganze Welt ermöglichen will. „Heute ist das Internet für zwei Drittel der Menschheit nicht zugänglich. Stell dir eine Welt vor, in der wir alle über das Internet miteinander verbunden sind.“ Im Kontext der Totalüberwachung klingt das ja doch etwas gruselig, und wem geht angesichts der fast zeitgleich nachgewiesenen Geldtransfers nicht der Gedanke durch den Kopf, dass das vielleicht durch Geheimdienstzuschüsse mitfinanziert wird… aber: so what.

Ich denke, es wird Zeit, dass wir uns alle mit einem Gedanken anfreunden, der schon seit ca. 2009 herumgeistert: Der Zustand des Postprivaten, der Postprivacy. Das Leben in einer digitalen Welt hat vieles grundlegend verändert. Wir haben uns mit neuer Technik auseinandergesetzt, shoppen online, können den Touchscreen am Fahrkartenautomat und Smartphone bedienen, nutzen GPS Signale für unsere Navis, usw. Mit dieser praktischen Ebene haben wir uns auseinandergesetzt. Aber was ist mit den Auswirkungen auf uns als soziale Wesen? Es ist längst überfällig, dass wir auch die Konsequenzen einbeziehen, die technische Neuerungen unserer schönen neuen Welt (und die Huxley-Anspielung meine ich hier nicht halb so düster wie er) auf unser Denken und unsere Verhaltensmuster haben. Es geht nicht an, dass nur Werbefachleute, Social Media Manager und Überwachungsfachleute sich darauf spezialisieren, wie unser Denken und unsere Verhaltensweisen sich mit einer zunehmend digitalisierten und vernetzten Welt verändern, während wir alles einfach nur geschehen lassen. Um das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht zu überwinden, müssen wir verstehen, was die Postprivatheit für uns bedeutet. mspro, alias Michael Seemann, schrieb erst in der FAZ, dann im Blog ctrl-verlust.net schon 2011 über dieses Thema.

„Der Kontrollverlust führt (…) in den Zustand, dass die Grenze zwischen öffentlich/nichtöffentlich keine selbstbestimmte mehr sein kann. So dass ich nicht mehr weiß, was andere von mir wissen, dass ich mich im Zweifel auch nicht darauf verlassen kann, unbeobachtet zu sein, meine Identität und/oder meine Eigenschaften zu verbergen. Nicht alles ist öffentlich, aber ich bestimme nicht mehr, was öffentlich ist, oder nicht.“

Anhand des Beispiels Privatsphäreneinstellungen in Social Networks lässt sich unser Kontrollverlust konkreter nachvollziehen. Dazu schriebt mspro in einem neuen Posting namens ‚10 Thesen zum Neuen Spiel‚, das eine kurze Zusammenfassung eines sehr langen Artikels für die Augustausgabe der Spex ist:

„Privacyeinstellungen sind böse.

Auf Facebook gibt es keine Privatsphäre. Privacyeinstellungen, der bequeme Weg der Privatsphäre, den Facebook und co. anbieten, ist wie der Datenschutz eine gewährte Privatspäre. Wenn wir sie annehmen, geben wir demjenigen, der sie uns gewährt, Macht. Wir wissen aber heute, dass die NSA mitchattet, wenn wir mit Freunden chatten. Wenn wir Bilder nur für Freunde teilen, teilen wir sie mit Freunden und der NSA. Wenn wir Dinge unter einer gewährten Privatsphäre teilen, teilen wir sie mit der NSA. Und jedes Bit, auf das die NSA Zugriff hat, der Rest der Welt aber nicht, mehrt ihre Macht. Traut nicht dem Versprechen der Privatsphäreeinstellung. Seid öffentlich, traut euch, angreifbar zu sein. Wenn ihr es für die Öffentlichkeit seid, dann seid ihr es nicht mehr für die Geheimdienste.“

„Totale Kontrolle kann nur entstehen, wenn es ein Ungleichgewicht der Information gibt. Das heißt, 1. dass die Dienste mehr über mich wissen, als ich über sie – das macht sie unangreifbar. Und außerdem heißt es, dass die Dienste mehr über mich wissen, als alle anderen über mich wissen können – dadurch werde ich erpressbar.“

Wer-im-Glashaus-sitzt-sollte-Steine-werfen6Wir sind es von unserem analogen Leben her gewohnt, dass Öffentlichkeit Menschen aus unserem näheren oder weiteren Umfeld bedeutet, die etwas sehen was wir preisgeben. Diese Art von Öffentlichkeit denken wir mit wenn wir im Netz agieren, weil sie für uns wesentlich greifbarer und direkter ist, aber ist wichtig zu verstehen und bei dem was wir tun einzubeziehen, dass die Öffentlichkeit die wir nicht gleich mitdenken viel bedeutender für unsere Privatsphäre ist. Die Öffentlichkeit im Sinne dessen was wir Unternehmen wie Google oder Facebook und Geheimdiensten wie der NSA oder dem BND preisgeben. In einem Text, den grad nicht mehr finde, stand sinngemäß „Niemand kennt dich so gut wie deine Suchmaschine.“ Das ist ein Denken, das wir uns in unserer digitalen Welt angewöhnen müssen. Nicht umsonst wurden die Enthüllungen von Snowden schon mehrfach als Paradigmenwechsel bezeichnet, denn nicht weniger als das wurde durch sie vorangetrieben. Auch wenn sich das Bewusstsein der Postprivacy nicht ohne Kritikpunkte als Utopie eignet, erscheint es mir doch als das Sinnvollste und Positivste was wir der Totalüberwachung derzeit entgegensetzen können.

Ich habe vorhin den Gedanken Josh Stearns aufgegriffen, dass wir in einer Zeit leben, in der wir alle an einem Akt des Journalismus teilnehmen können. Auch Postprivacy-Denker mspro sieht ganz positive Handlungsmöglichkeiten, die er in seinen zehn Thesen umreißt.

Er greift auf einen Satz zurück, den Glenn Greenwald ziemlich zu Beginn der Enthüllungen schrieb: „Snowden besitzt genügend Informationen, um der US-Regierung innerhalb einer Minute mehr Schaden zuzufügen, als es jede andere Person in der Geschichte der USA jemals getan hat“. mspro fährt fort:

„Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten einzelne Menschen Staaten auf so grundsätzliche Weise herausfordern. Noch nie konnten sich Menschen so aktuell und umfassend informieren. Noch nie konnten sie sich so schnell und effektiv organisieren, zu Protesten, Petitionen oder gar Ausschreitungen. Die Zivilgesellschaft hat keinen Grund, sich machtlos zu fühlen. Im Gegenteil. Von Tahrir bis Taksim beginnen die Menschen die neuen Möglichkeiten gerade erst zu erahnen.

Und diese neuen Möglichkeiten liegen in der Transparenz. In Deutschland haben #Aufschrei, das Refugeecamp, Guttenplag und viele andere Projekte gezeigt, wie man mit Daten (ihrer Erzeugung, Vernetzung und Auswertung) Aktivismus betreiben kann.“

Genau das meine ich auch mit dem Satz „Wer im Glashaus sitzt, sollte Steinen werfen“. Statt gefangen in einem Glashaus zu verharren, in dem wir beobachtet und reguliert werden sollen, und aus dem wir dank einseitig verspiegeltem Glas keinen Blick hinter die Wände werfen können, sollten wir Steine werfen. Es liegt an uns,  lautstark öffentlich und ganz ruhig in unseren Freundeskreisen unser Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu fordern und zu erklären, wenn wir nicht, um Juli Zeh von ihrer facebook Seite zu zitieren: „in einem überwachten System leben wollen, in dem die Freiheit dann nur noch darin bestimmt ist, möglichst nicht aufzufallen. Diesen politischen Wunsch müssen wir artikulieren, also müssen wir uns organisieren, wir müssen laut sein, auf uns aufmerksam machen, Bewusstsein wecken. Das ist ganz normales demokratisches Verhalten (…)“.

Damit komme ich zum Ende dieses viel länger als geplant gewordenen Beitrags, den ich nicht zuletzt deswegen erstellt habe, um für mich selbst die unzähligen Meldungen und Kommentare, die in den letzten Monaten zu diesem Thema auf uns hereinprasselten, etwas zu entwirren und zu sortieren. Das Ende ist selbstverständlich ein offenes.

[Dieser und die beiden vorangegangenen Blogeinträge basieren grob auf einem englischen Text von mir auf www.evemassacre.org: „Living in a democracy we should be free to dance with no one watching and not have to act as if no one was„]